Private Spitex kriegt Konkurrenz

Mit Namen wie «Spitex-à-la-carte» oder «Belle-Vie» bietet die gemeinnützige Spitex zusätzliche Dienste an, die über den medizinischen Bedarf hinausgehen. Die gemeinnützige Organisation erschliesst sich so einen Markt, den bisher ausschliesslich die private, gewinnorientierte Spitex abgedeckt hat.

Aufnahme einer alten Frau, die am Tisch vor einem leeren Teller sitzt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einkaufen, kochen und zusammen essen: Der neue Dienst ist mehr als nur ein Vorbeischauen. Keystone/Symbolbild

Kurz vor Mittag in einer kleinen Küche, in der Nähe von Liestal im Baselbiet: Stella-Ann Bühler von «Spitex-à-la-Carte» hat alles fürs Mittagessen vorbereitet. Vielleicht mag Frau Meier heute beim Kochen helfen? Die Stimmung ist locker und vertraut. Auf dem Tisch stehen die Zutaten: Broccoli, Karotten, das Geschnetzelte und Polenta.

Zwei Mal die Woche besucht Bühler das Ehepaar Meier. Sie bespricht sich mit ihnen, kauft ein, kocht und isst mit ihnen. Im Unterschied zu jenen Spitex-Angestellten, die schnell vorbeischauen, eine Spritze geben, beim Duschen helfen und dann weiter müssen, kann sich Bühler Zeit nehmen, je nach den Bedürfnissen des Ehepaars. So könne eine Beziehung entstehen, sagt Bühler. Ältere Menschen schätzten es sehr, wenn immer die gleiche Person vorbeischaue.

Krankenkassen übernehmen keine Kosten

Das Zusatzangebot sei für ihn und seine Frau in dem Moment interessant geworden, als es darum ging, sich für den Eintritt in ein Heim zu entscheiden, erinnert sich Herr Meier in der Stube. Beide sind 88-jährig. Ihm machen die Nieren zu schaffen, ihr das Herz und beide sind nicht mehr so gut zu Fuss. Seit November besucht Bühler sie. Damals musste Herr Meier ins Spital und seine Frau hätte den Alltag alleine zuhause nicht geschafft.

Die Angebote von «Spitex à la Carte» zahlt die Kundschaft selbst. Seit gut zwei Jahren gibt es dieses Angebot von der gemeinnützigen Spitex der Region Liestal. Von einmal pro Woche eine Stunde bis zu sechs Stunden pro Tag werde rege gebucht, sagt Einsatzleiterin Marianne Pulfer. Und diese Dienstleistung in Anspruch zu nehmen sei billiger, als in ein Pflegeheim zu ziehen. Oft kämen Anfragen von Personen, die ihre demenzkranken Angehörigen pflegen. Sie wünschen Entlastung, sei es mal für eine Nacht oder für ein paar Stunden.

Modell der privaten Spitex übernommen

Solche langen Einsätze, die über den pflegerischen Bedarf hinausgehen, sind bei der gemeinnützigen Spitex noch nicht gang und gäbe. Sie gehören zum Fachgebiet der gewinnorientierten, privaten Spitex. Gerade in städtischen Gebieten haben diese privaten Anbieter ihren Marktanteil schweizweit innert drei Jahren von zehn auf 20 Prozent deutlich erhöhen können. Inzwischen gibt es rund 160 private Spitex-Organisationen.

Die gemeinnützige Spitex übernimmt also das Erfolgsmodell der privaten Spitex. Sind Zusatzangebote wie «Spitex-à-la-Carte» die Antwort auf die wachsende Konkurrenz? «Das war sicher auch eine Überlegung. Sie stand aber nicht im Vordergrund», sagt Claudia Aufdereggen. Sie ist Geschäftsleiterin der Spitex der Region Liestal.

Anzahl Mitarbeitende wächst

Im letzten Jahr hätten sich 50 Kunden für «Spitex-à-la-Carte» entschieden. Inzwischen ist das Team auf 13 Mitarbeitende angewachsen. Bühler, die das Ehepaar Meier betreut, war zuvor nicht im Gesundheitswesen tätig. Sie suchte rund ein Jahr eine neue Stelle. Für «Spitex-à-la-carte» hat die 59-Jährige den Pflegehilfe-Kurs beim Roten Kreuz besucht. Sie ist im Stundenlohn angestellt und kommt auf 20 bis 24 Stunden pro Woche.

Sie habe immer mit Menschen arbeiten wollen, sagt Bühler. Dabei sei es ihr wichtig, dass eine richtige Beziehung aufgebaut werden könne. «Es ist ein Geben und Nehmen.»