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Mikrosteuer auf Transaktionen Professor plant Revolution des Steuersystems

Marc Chesney, Professor an der Universität Zürich, will das Schweizer Steuersystem umkrempeln. Es soll keine Einkommensteuer mehr geben, keine Vermögenssteuer, keine Mehrwertsteuer – sondern fast nur noch die Mikrosteuer. Doch wie soll das funktionieren?

Eine Frau am PC, auf der Tastatur liegt eine Kreditkarte.
Legende: System der Mikrosteuern: Bei Transaktionen – etwa mit der Kreditkarte – sollen die Steuern gleich abgerechnet werden. Colourbox

Die ungeliebte Steuererklärung könnte mit einem neuen Steuermodell so gut wie überflüssig werden. Das meint zumindest Marc Chesney, Professor für Banking und Finance an der Universität Zürich. Der 57-jährige Genfer plant die komplette Umkrempelung des Schweizer Steuersystems. Auf seinem Tisch liegt die Idee von Mikrosteuern.

Die Idee der Mikrosteuern

  • Eine konservative Schätzung der gesamten elektronischen Transaktionen in der Schweiz ergibt 100. 000 Milliarden Franken pro Jahr.
  • Alle elektronischen Transaktionen werden besteuert: also Banküberweisungen, Käufe mit der Kreditkarte und das Geldabheben am Bancomaten sowie Finanztransaktionen.
  • Auf jede elektronische Transaktion wird automatisch eine Steuer von der Grössenordnung von 0,2 Prozent erhoben.
  • Wer zum Beispiel am Geldautomaten 100 Franken abhebt, bezahlt eine Steuer von 20 Rappen.
  • Damit sollten Schritt für Schritt die meisten Steuern ersetzt werden.
  • Die Steuerprogression bleibt erhalten, weil gerade die Mehrwertsteuer für Luxusgüter bleiben sollte. Zusätzlich realisieren sehr reiche Familie proportional viel mehr elektronische Transaktionen als ärmere.

Ziel von Chesney ist es, das System zu vereinfachen, weniger Steuern zu bezahlen und weniger Finanztransaktionen zu schaffen. Denn die Finanzbranche mit ihren Spekulationsgeschäften sei eine Gefahr für die Realwirtschaft.

Chesney: Schritt für Schritt einführen

Weil wir alle im Alltag so viele elektronische Transaktionen tätigen, könne der Steuersatz tief sein, erklärt Chesney. Und trotzdem komme viel Geld zusammen. Chesney rechnet mit einer Summe von 200 Milliarden Franken im Jahr. Damit könnten alle öffentlichen Ausgaben wie Löhne, Renten und Infrastruktur bezahlt werden. Im Gegenzug könnten die meisten Steuern abgeschafft oder reduziert werden.

Mikrosteuern wären kleine Beträge im Alltag, die nicht wehtun, wie Chesney sagt. Man bezahlt die Steuer direkt, wenn man eine Rechnung elektronisch bezahlt. Die Transaktionssteuer würde andere Steuern nur schrittweise ersetzen. Man würde zuerst mit einer Steuer von 0,02 Prozent beginnen und dann in diesem Fall jedes Jahr um 0.02 Prozent erhöhen. Nach zehn Jahren wäre die Steuer bei 0,2 Prozent. Damit wäre die Einführung dieses Steuer besonders moderat.

Kritiker: «System ist unrealistisch»

Ganz so harmlos, wie Marc Chesney das System der Mikrosteuer beschreibt, sehen es andere Fachleute nicht. Tobias Straumann ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. «Die Idee, dass man das ganze Steuersystem verändert und dann nur noch eine Steuersorte hat bei Transaktionen, ist unrealistisch. Das funktioniert nicht», sagt Straumann.

Die Steuerbelastung wäre sehr ungleich, erklärt Straumann weiter. Rohstoffhändler und Banken wären zum Beispiel von der neuen Steuer besonders stark betroffen, da sie unendlich viele Transaktionen tätigen. Sie könnten die zusätzliche Steuerbelastung nicht verkraften.

Einfachheit trotz Progression?

Und Straumann sieht noch ein zweites Problem: die Steuergerechtigkeit. In der Bundesverfassung heisst es, alle Bürgerinnen und Bürger müssten nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit besteuert werden. Deshalb ist das Steuersystem heute progressiv. Mit einer einheitlichen Transaktionssteuer wäre dies jedoch nicht mehr gewährleistet. Darauf antwortet Chesney, auch künftig sollten Reiche höhere Steuern bezahlen. Aber dann verlöre das neue System seine Einfachheit, bemängelt Kritiker Straumann.

Man sollte es mindestens versuchen.
Autor: Marc ChesneyProfessor für Banking und Finance

Auch Peter Uebelhart, Steuerspezialist bei der Beratungsfirma KPMG, hat grosse Zweifel am neuen Steuersystem. Wenn die Steuerlast für die meisten Bürger stark sinkt, dann muss jemand anders die wegfallenden Steuereinnahmen begleichen. Die Firmen also? Diese könnten aber Wege finden, die neue Steuer zu umgehen, so Uebelhardt: «Da ist schon zu befürchten (...), dass Finanzflüsse schlichtweg über andere Systeme stattfinden würden, auf die die Schweiz dann keinen Zugriff mehr hat.»

Bankenprofessor Chesney glaubt trotzdem weiter an sein Steuersystem: «Man sollte es mindestens versuchen.» Im nächsten Jahr wollen er und seine Mitstreiter eine entsprechende Initiative lancieren.

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Zurbuchen (drpesche)
    Da gibt es einen Professoren, der sich viele Stunden Gedanken gemacht hat, wie man das Steuersystem vereinfachen könnte, über das fast alle jammern. Und dann gibt es Kommentatoren, welche 50 kurze Zeilen über die Idee dieses Professors gelesen haben und schon dadurch bessere Experten zu sein glauben als der Entwickler selber. Ich staune immer wieder über die Arroganz vieler Menschen!
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  • Kommentar von Nour Helena Hänggi (nourhelena)
    Diese Steuer kann nie die jetzigen ersetzen, denn es handelt sich um eine, wie sie jetzt schon gehandhabt wird und eigentlich abgeschafft werden möchte, die Mehrwertssteuer. Also warum etwas einführen, das eigentlich nicht mehr verrechnet werden möchte. Zudem ist es eine virtuelle Einführung und kontraproduktiv, denn es werden dann einfach weniger Transaktionen stattfinden. Natürlich kann man auch das nicht zum Voraus berechnen.
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Habs schon gerechnet. Ich müsste etwa 700 Franken Steuern zahlen. Momentan sind es 10'800 Franken. Meine Milchbubenrechnung: Habe 70'000 Franken über Lohn im Umsatz. Im Schnitt dreht dieses Geld bei mir etwa 5 mal die Runden. Und das ergibt eben Fr. 700.-. Ja Herr Professor, ich glaube Sie irren.
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