Sie sind zwei Monate alt und sollten gemästet werden – um nach einem halben Jahr als Schweizer Schweinefleisch auf den Markt zu kommen. Stattdessen sind die Ferkel nun bis zu zehn Stunden im LKW unterwegs nach Süddeutschland. Ziel: Der Spanferkel-Schlachthof Beck in Neu-Kupfer nahe Stuttgart. Eine Notfallaktion des Schweinezüchterverbandes Suisseporcs, weil wöchentlich rund 5000 Schweine zu viel auf den Markt kommen.
Verwirrliche Kommunikation
Am Donnerstag verschickte der Verband eine Mitteilung: Die Rede ist von 15’000 Mastferkeln, die im In- und Ausland verkauft werden sollen. Was der Verband nicht schreibt: Die 15'000 beziehen sich nur auf eine Periode von zehn Wochen. Und: Zu den 10'000 exportierten Ferkeln werden noch 5000 im Inland geschlachtete Ferkel dazu gezählt.
SRF aber ist im Besitz des internen Suisseporcs-Dokuments «Konzept Ferkelexport»: Dort wird ein Exportzeitraum von Anfang Juni bis «voraussichtlich» Ende November genannt. Bei 904 wöchentlich exportierten Ferkeln ergibt das 22'600 Tiere. Auf Nachfrage sagt Suisseporcs: «Die Situation ist volatil und muss laufend neu beurteilt werden».
Warum nicht mehr Schlachtungen in der Schweiz?
Schon 2022 mussten gemäss Suisseporcs 10'000 Ferkel exportiert werden. Damals wie heute werden zusätzlich Mastschweine von grossen Metzgereien geschlachtet und in Hälften exportiert: 18'000 Schweine in den nächsten Wochen.
Mit der Aktion will Suisseporcs verhindern, dass Ställe überbelegt werden wie 2022: Da es zu viele Schweine gab, konnten nicht alle termingerecht geschlachtet werden. Die Folge: Rückstaus in den Ställen. Tiere wurden zu dick, es gab tierschutzrechtliche Verstösse; die Schweine hatten zu wenig Platz.
Warum werden wenigstens nicht alle Ferkel in der Schweiz geschlachtet? Recherchen zeigen: Der Schlachthof Zürich hätte Kapazität für 900 Ferkel pro Woche. Man sei nicht von Suisseporcs angefragt worden, sagt Geschäftsführer Hans Rudolf Hofer. Der Verband schreibt, man könne dazu keine Aussage machen.
Zum deutschen Export kommen 5000 Ferkel hinzu, die im Inland geschlachtet werden. Für die Metzgerei Reichmuth in Schwyz ist der Preis ein Anreiz fürs notfallmässige Schlachten: Er bezahle einen Franken pro Kilo, sagt Juniorchef Paul Reichmuth – fast dreimal weniger als der ohnehin rekordtiefe Kilopreis von maximal 2.70 Franken. Für Reichmuth dennoch kein Geschäft: «Wir müssen viel Fleisch einfrieren.»
9.5 Millionen im Fonds für Notfallmassnahmen
Nebst den Tieren sind Schweinezüchter und Mäster die Verlierer: Sie müssen für die Notfallaktionen aufkommen. Seit Februar zahlten sie 9.5 Millionen in einen Fonds ein. «Eine Katastrophe», sagt Züchter Turi Röösli im luzernischen Hohenrain. Pro verkauftem Ferkel verliere er gut 60 Franken. Aber wie die Mehrheit der Suisseporcs-Delegierten lehnt auch er den Vorschlag des Verbandes ab: eine Prämie von 2000 Franken fürs Schlachten jedes Muttertiers und fürs Leerhalten seines Platzes, sodass weniger Ferkel geworfen würden.
Was tun? «Wir sind wieder auf Feld eins», sagt Suisseporcs-Geschäftsführer Stefan Müller und will jetzt einen Runden Tisch einberufen.
Müsste der Staat die Schweinebranche regulieren und den Bauern Kontingente vorschreiben, wie 1977 bis 2009 gegen die Milchschwemme? Das Bundesamt für Landwirtschaft winkt ab: «Die Rückkehr zur staatlichen Mengensteuerung ist keine zielführende Option.»