Schweiz darf weiterhin Flüchtlinge nach Italien zurückschaffen

Die Rückführung von Flüchtlingen von der Schweiz nach Italien gemäss Dublin-Abkommen bleibt trotz prekärer Zustände im dortigen Asylwesen möglich. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte rügt die Schweiz aber im Fall einer afghanischen Familie. Das Flüchtlingsamt hätte besser abklären müssen.

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Gerichtshof für Menschenrechte rügt die Schweiz

4:59 min, aus Tagesschau vom 4.11.2014

Das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zur Schweiz betraf eine afghanische Familie, die 2011 über Italien in die EU eingereist war. Im gleichen Jahr stellte sie in der Schweiz einen Asylantrag. Die Schweizer Behörden gingen unter Hinweis auf das Dublin-Abkommen nicht darauf ein.

Gegen die drohende Überstellung nach Italien beschwerte sich die Familie. Sie machte insbesondere geltend, dass die Aufnahmebedingungen für Asylbewerber in Italien mangelhaft seien. Dies verstosse unter anderem gegen Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).

Drei Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Entscheid des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ist für die Schweiz verbindlich. Reuters/ Archivbild

Individuelle Garantien angemahnt

Nun entschied die Grosse Kammer des Gerichtshofs zwar, dass eine Abschiebung der Flüchtlingsfamilie nach Italien aufgrund der prekären Lage im italienischen Asylwesen tatsächlich mit Artikel 3 der EMRK unvereinbar sei. Doch dies sei nur der Fall, wenn die Familie ohne individuelle Garantien ohne individuelle Garantien nach Italien überstellt werde.

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Grundsatz des Dublin-Abkommens

Welches Land ist für ein Asylverfahren zuständig? Die 30 Dublin-Staaten haben dazu eine gemeinsame Antwort: Das Land, in dem ein Asylbewerber zuerst einreist, muss das Asylverfahren grundsätzlich durchführen.

Diesbezüglich wirft das Gericht den Schweizer Behörden vor, nicht genügend Zusicherungen besessen zu haben, was eine dem Alter der Kinder angemessene Betreuung betrifft. Insbesondere fehlten aber detaillierte und verlässliche Angaben über die gemeinsame Unterbringung der Familie in Italien. Die Schweiz muss diese Garantien nun beibringen und kann dann die afghanische Familie nach Italien überstellen.

«Dublin-System ist angeschlagen, aber nicht völlig eingestürzt»

Grosse Auswirkungen durch das Urteil seien für die Schweiz nicht zu erwarten, sagt Alberto Achermann, Assistenzprofessor für Migrationsrecht an der Universität Bern, in einer ersten Einschätzung. «Die Schweiz muss aber in bestimmten Situationen genauer abklären.» Es werde jetzt auch vom Flüchtlingsamt abhängen, wie das Urteil vernünftig umgesetzt werden könne.

Alberto Achermann: «Schweiz muss genauer abklären»

3:58 min, aus SRF 4 News aktuell vom 04.11.2014

Gravierend wären die Folgen gewesen, wenn der Gerichtshof die Aufnahmebedingungen in Italien als so schlecht taxiert hätte, dass Rückführungen nur noch in Ausnahmefällen möglich gewesen wären. Dies sei etwa der Fall bei Griechenland, wo ein ausnahmsloser Rückschiebestopp gelte, ausser eine Person verfüge dort über ein stabiles Netz. Dies sei aber dem aktuellen Urteil nicht zu entnehmen.

«Das Dublin-System ist angeschlagen, aber nicht völlig eingestürzt», fasst Achermann die Ausgangslage zusammen. Er begründet diese Aussage mit den Urteilen betreffend Griechenland. Ebenso mit gewissen Urteilen in Deutschland betreffend Malta und Ungarn – und auch ein bisschen mit dem jüngsten Urteil zur Schweiz.

Asylgesuche und Dublin-Abkommen: Die blauen Zahlen zeigen, wie viele Menschen in den letzten Jahren in der Schweiz Asyl beantragt haben. Die grünen Zahlen zeigen, wie viele Personen zwecks Durchführung eines Asylverfahrens in einen anderen Dublin-Staat überstellt wurden. bfm

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Urteil zu Dublin-Rückschaffungen

    Aus 10vor10 vom 4.11.2014

    Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte legte heute sein Veto gegen die Abschiebung einer afghanischen Familie nach Italien ein. Rückschaffen dürfe man nur, wenn bestimmte Garantien eingehalten würden. «10vor10» fragt im Fokus der Sendung, inwiefern diese höheren Hürden das Dublin-Abkommen aufweichen.

  • Unzumutbare Flüchtlingspolitk

    Aus Echo der Zeit vom 4.11.2014

    Die Schweiz darf eine afghanische Familie nur nach Italien zurückschicken, wenn garantiert ist, dass sie anständig untergebracht wird, entschied der Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof in Strassburg. Über die Folgen des Urteils für die Schweiz und Reaktionen in Italien.

    Charles Liebherr, Dominik Meier und Massimo Agostinis

  • Brisantes Urteil für die Flüchtlings-Politik

    Aus Tagesschau vom 4.11.2014

    Der Europäische Menschenrechtshof hat entschieden, dass die Schweiz ein afghanisches Ehepaar mit den sechs gemeinsamen Kindern vorerst nicht nach Italien zurückweisen darf. Brisant ist dieses Urteil darum, weil es das ganze Dublin-System in Frage stellt. Die Einschätzung von Sebastian Ramspeck in Brüssel.

  • Urteil stellt Dubliner Abkommen in Frage

    Aus Rendez-vous vom 4.11.2014

    Asyl beantragen in der Schweiz können nur Menschen, die ein solches Gesuch nicht bereits in einem Land der EU gestellt haben. So sieht es das Dubliner Asylabkommen vor. Nicht unbedingt, sagt nun aber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und widerspricht damit Schweizer Behörden.

    Charles Liebherr