«Schweizer Fachkräfte haben oft das Nachsehen»

Ingenieure, Ärzte und Informatiker – oft werden sie aus dem Ausland rekrutiert. Aber fehlen sie in der Schweiz tatsächlich oder hat die Personenfreizügigkeit die Wirtschaft träge gemacht bei der Förderung der eigenen Fachkräfte? Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm sieht eigenes Verschulden.

Rudolf Strahm Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rudolf Strahm war von 2004 bis 2008 Preisüberwacher der Schweiz. Keystone

Der ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm ist überzeugt: Der Fachkräfte-Engpass in der Schweiz ist zu einem grossen Teil selbst verschuldet. Die Personenfreizügigkeit habe zwar den Fachkräftemangel hierzulande aufgedeckt – sie decke ihn aber auch gleich wieder zu. Denn das fehlende Personal werde einfach im Ausland rekrutiert, statt die nötigen Fachleute in der Schweiz auszubilden.

Strahm denkt dabei an das aktuelle Lehrstellenbarometer: 4000 Jugendliche wollten eine Lehre als Pflegefachperson machen, doch sie fanden keinen Ausbildungsplatz. Er kritisiert auch, dass viele Weiterbildungsangebote zu teuer sind und von den Berufsleuten selber bezahlt werden müssen.

Das hört die Wirtschaft nicht gern. Da macht auch Peter Flückiger, Präsident des Textilverbandes – einer Branche, die in den letzten Jahren viel ausländisches Personal rekrutiert hat, keine Ausnahme. «Gut qualifizierte Fachkräfte kamen gern in die Schweiz und unsere Branche hat davon profitiert. Aber unsere Firmen engagieren sich schon seit jeher für Aus- und Weiterbildungen», betont Flückiger im Radio SRF.

Grossbetriebe fordern Master-Diplome

Viele Klein- und Mittelgrosse Betriebe engagierten sich tatsächlich. Grossunternehmen waren vergleichsweise nachlässig, sagt Martin Christian Kaufmann, Präsident von HR Bern und Vorstandsmitglied von HR Swiss. «Nationale Konzerne nehmen sich weniger die Zeit dafür. Sie müssen die Fachleute jeweils sofort haben.»

Zudem würden in grösseren Unternehmen eigene Fachkräfte oft verkannt. Vor allem dann, wenn diese zwar eine Berufslehre und höhere Fachausbildung abgeschlossen haben, aber damit trotzdem über kein Universitätsdiplom oder einen Master-Abschluss verfügen. Internationale Konzerne und ihre Personalabteilungen hätten aber häufig enge Vorgaben – zum Beispiel nur Leute mit einem Master-Abschluss einzustellen.

Ein Geschäftsmann hält einen Aktenkoffer und den Stellenanzeiger in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schweizer Fachkräfte können sich nach Ansicht von Strahm oft mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten nicht durchsetzen. Keystone

Diplom gegen Praxiserfahrung

Mit der Personenfreizügigkeit würden vermehrt in den Personalabteilungen ausländische Kräfte arbeiten, welche das Schweizer Bildungssystem nicht kennen würden, sagt Strahm. Viele junge Schweizer würden nach der Lehre eine höhere Berufsbildung absolvieren, der Titel werde aber nicht entsprechend anerkannt. «Sie sind oft besser, als ausländische Hochschulabgänger», meint Strahm. Diese kämen zwar mit einem Bachelor daher, verfügen aber über keine Berufspraxis – und würden trotzdem zu Chefs der Schweizer.

Diese Hochschulabgänger stellten selber wiederum nur Leute mit akademischem Titel ein. Eigene Fachkräfte gingen so verloren, moniert Strahm. Viele ziehen deshalb universitäre Bildung immer häufiger der klassischen Berufsbildung vor. In der Folge fehlen immer mehr gut ausgebildete Berufsleute.

Nach dem Ja zur Begrenzung der Einwanderung dürfte in der Wirtschaft der Leidensdruck steigen und damit das Bewusstsein für die Versäumnisse der Vergangenheit zunehmen, glaubt Strahm.