Auch die CVP steckt im «Merkel-Dilemma»

Der Verlust eines Bundesratssitzes habe die CVP gelähmt, sagt Politologe Rickenbacher. Nun hat sie ein Nachfolgeproblem.

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Wer könnte nach Doris Leuthard kommen?

SRF News: Glauben Sie auch, dass Frau Leuthard nach ihrem Präsidialjahr zurücktritt?

Iwan Rickenbacher: Es gehört zu den Privilegien der Bundesräte, dass sie selber entscheiden, wann sie zurücktreten. Spekulationen sind möglich, eine Voraussage aber nicht.

Sie glauben eher nicht, dass Doris Leuthard nächstes Jahr zurücktreten könnte?

«  Es gab bisher keine Zeichen, dass sie Ermüdungserscheinungen zeigt. »

Iwan Rickenbacher
Politologe, ehemaliger CVP-Generalsekretär

Es ist auch nicht so, dass Leuthard beginnt, ihre Entourage auf andere Posten zu versetzen.

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Iwan Rickenbacher

Iwan Rickenbacher

Keystone

Rickenbacher ist studierter Pädagoge und leitete das Lehrseminar Schwyz. Er war Generalsekretär der CVP und wurde Honorarprofessor der Universität Bern im Bereich Politikwissenschaften. Er präsidiert den Stiftungsrat des Medien-Ausbildungs-Zentrums (MAZ).

Könnte ihr Rücktritt auch eine Chance für andere Leute in der Partei sein?

Bundesrätinnen und Bundesräte haben eine hohe Medienpräsenz und sind natürlich Aushängeschilder, Sympathieträger oder Antipathieträger für ihre Partei. Aber die Entscheide in den Kantonen werden ganz anders gefällt. Wer hätte Bundesrat Berset, der sehr beliebt ist, die Schuld gegeben, dass seine Partei im Kanton Freiburg eher bescheiden abschnitt? Oder Doris Leuthard und ihre Partei im Kanton Aargau? So einfach sind die Dinge eben nicht.

Wer könnte allenfalls aus ihrem Schatten treten?

Es gibt Kandidaten. Ich denke etwa an Konrad Graber in Luzern, den Parteipräsidenten Gerhard Pfister, an Stefan Engler im Kanton Graubünden oder Pirmin Bischof im Kanton Solothurn. Das sind aber alles Männer. Sie halten sich aber still, denn sie wissen, bei einer Volkswahl zum Beispiel, würde Doris Leuthard glatt gewählt.

«  Am Stuhl von Doris Leuthard zu sägen, wäre ganz gefährlich. »

Iwan Rickenbacher
Politologe und ehemaliger CVP-Generalsekretär

Im Zusammenhang mit Doris Leuthard sprechen Journalisten auch vom «Merkel-Dilemma»: Dass es die CVP verpasst habe, Personen mit ähnlicher Strahlkraft aufzubauen. Was sagen Sie dazu?

Möglicherweise hat dieser Vergleich etwas. Der Schock, den zweiten Bundesratssitz zu verlieren und nur eine Bundesrätin stellen zu können, hat die Partei eine Zeitlang in ihrer Nachfolgeplanung ziemlich gelähmt.

Es ist wahr, Doris Leuthard setzt natürlich einen Massstab für nachfolgende – durch ihre Präsenz, durch ihre politische Fähigkeit. Da wird es nicht so einfach, einen Nachfolger aufzubauen.

Was macht die Partei, damit sich das ändern könnte?

Noch nie wurde eine Bundesrätin oder ein Bundesrat nicht ersetzt. Insofern ist das Problem nicht so gross. Das Problem ist, ob man mit einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger ähnliche Präsenz haben und ähnliche Sympathiewerte verbuchen kann, das ist die Frage, die sich stellt.

All diese Männer die Sie vorhin erwähnt haben, die bringen diese Strahlkraft nicht mit?

Gerhard Pfister hat eine hohe Präsenz durch sein Parteipräsidium und wird das noch weiterhin nutzen können. Konrad Graber hat durch lange parlamentarische Arbeit politisch an Gewicht gewonnen.

Pirmin Bischof ist auch sehr präsent, Stefan Engler vielleicht noch etwas weniger. Das sind aber durchaus Leute, die in der Lage wären, eine Funktion als Bundesrat wahrzunehmen und ihre Präsenz zu zeigen.