Das Zittern im Walde: Die Abschussliste der Politik

«Wolf. Fertig Lustig!», raunt eine Walliser Standesinitiative. Heute nimmt der Nationalrat Stellung dazu. Doch auch abseits der Wandelhalle braut sich etwas zusammen – nicht nur für den Wolf. Auch Biber, Bär und Co. könnte es bald an Pelz und Kragen gehen.

Wildtiere im Visier der Politik – eine Auswahl

«Der Wolf tötet wahllos, ohne sich um die Bedürfnisse der Fauna zu kümmern, und meist tut er dies aus blosser Lust am Töten.»

Mit diesen Worten beginnt die Walliser Standesinitiative «Wolf. Fertig lustig!», über die heute im Nationalrat diskutiert wird. Ihr Ziel: Der Wolfsschutz soll gelockert und das Grossraubtier zur jagdbaren Tierart erklärt werden. Denn, so der Vorstoss: Die Technokraten in Bundesbern seien mit der Realität der Bergbewohner nur wenig vertraut – und entsprechend unfähig, das Wolfsproblem zu lösen.

«  Der Wolf ist ein Tier mit einer schlechten Reputation. »

Urs Breitenmoser
Raubtierexperte und Leiter des Vereins KORA

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Die Geschichte vom bösen Wolf

Die Geschichte vom bösen Wolf

Kaum zurück, soll der Wolf wieder verschwinden. Der «alte Mörder» weckt in den Bergen jahrhundertealte Ressentiments. Für Städter verkörpert er Wildnis und Freiheitsdrang. Dabei war man lange geeint im Hass auf das Grossraubtier. Eine Spurensuche.

Der Vorwurf bedient Ressentiments zwischen Stadt und Land, die sich immer wieder am Wolf entzünden: Hier die urbane Öko-Ikone, samt dem Versprechen, die verlorene Wildnis zurückzubringen; dort der graue Räuber, der in sorgsam gepflegte Kulturlandschaften einbricht und Bauern und Schäfer in existenzielle Nöte bringt.

Oder, wie es Urs Breitenmoser, Leiter des Vereins KORA, der im Auftrag des Bundes die Lebensweise der Raubtiere und ihre Populationen überwacht, ausdrückt: «Wer nicht mehr in der Natur lebt, tendiert zu einer romantischeren Einstellung.» Die persönliche Angst vor dem Wolf scheine aber ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, so der Raubtier-Experte.

Egal, ob die Ängste irrational, oder im Fall von Schafzüchtern, durchaus begründet sind: die Rückkehr der Grossraubtiere bewegt die Politik.

Die Wogen gehen hoch

Im Ton anklagend, in der Sache knallhart, sorgte die Walliser Standesinitiative schon im Ständerat für geharnischte Reaktionen – auch bei Doris Leuthard: «Tiere fressen Tiere. Wenn Sie die Natur abschaffen, können Sie das vielleicht verhindern», meinte die Umweltministerin. Und auch der oberste Wildhüter, Reinhard Schnidrig, echauffierte sich im Vorfeld der Debatte: «Das ist eine Ausrottungsstrategie.»

«Fertig lustig!» fanden auch die Ständeräte – sie versenkten den Vorstoss klar. Die Umweltkommission des Nationalrats empfiehlt ihn trotzdem mit 11 zu 10 Stimmen zur Annahme. Für die schätzungsweise 40 Wölfe in der Schweiz wird die heutige Ratsdebatte zur Zitterpartie.

«  Bär, Luchs, Wolf und mittlerweile sogar der Schwan: Es muss nicht alles, was kreucht und fleucht, sofort abgeknallt werden. »

Thomas Minder
Parteiloser Ständerat in der Frühlingssession 2016

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Berner Konvention

Das Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlicher Lebensräume wurde 1979 durch die europäischen Umweltminister verabschiedet. Die Schweiz hat das Abkommen 1982 ratifiziert. Es zählt u.a. Wolf, Bär und Fischotter zu den streng geschützten Arten.

Doch es geht auch anders. Denn nun fliesst die Motion eines Ständerats, diesmal aus den Bündner Bergen, in die Teilrevision des Jagdgesetzes ein: «Zusammenleben von Wolf und Bergbevölkerung» heisst sie, eingebracht wurde das Anliegen von Stefan Engler (CVP). Es soll mit der Berner Konvention vereinbar sein.

Das Kernanliegen des revidierten Jagdgesetzes:

«Künftig sollen regulierende Eingriffe in Bestände des Wolfes (…) möglich werden, wenn trotz zumutbarer Präventionsmassnahmen das Entstehen eines grossen Schadens oder die konkrete Gefährdung von Menschen drohen.»

Die Partikularinteressen des Menschen

Die Änderungen würden jedoch nicht nur den Wolf betreffen, wie Reinhard Schnidrig gegenüber Radio SRF bestätigt: «Es ist generell vorgesehen, dass man heute geschützte Tierarten leichter regulieren kann, wenn es Konflikte mit Menschen gibt.»

Jagdwaffe wird mit Munition geladen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gewalt ist (k)eine Lösung: Beim Umgang mit Wildtieren scheiden sich die Geister. Keystone

Die Umweltschutzorganisation Pro Natura bleibt skeptisch: «Die Jagdgesetzrevision kommt dem aktuellen Regulationswahn entgegen; sie betrifft jede Art, deren Verhalten in irgendeiner Form mit den Partikularinteressen des Menschen in Konflikt gerät.»

Raubtierexperte Breitenmoser macht sich derweil keine Illusionen: «Wenn wir solche Tierarten langfristig in unserer Kulturlandschaft erhalten wollen, müssen wir auch eingreifen.» Das werde heute, schliesst Breitenmoser – im Falle von Einzeleingriffen – von Naturschutzorganisationen auch weitgehend anerkannt.

Wer landet auf «der Liste»?

Die Revision des Jagdgesetzes will das Zusammenleben von Mensch und Tier neu ordnen. Dabei will der Bundesrat, trotz eines pragmatischeren Grundgedankens als bei der Walliser Radikallösung, eine Liste mit Sprengkraft erstellen: Aktuell figurieren darauf neben dem Wolf auch der Steinbock und der Höckerschwan, dem es schon in der Sommersession ans Gefieder ging – sie dürften geschossen werden, wenn «grosse Schäden» entstehen.

Denkbar sind prominente Zuwächse auf der Liste des (möglichen) Todes: auch über Luchs, Biber, Bär oder Mittelmeermöwe ziehen, aus unterschiedlichen Gründen, dunkle Wolken auf. Allerdings: Es gilt die Unschuldsvermutung; und wer nicht negativ auffällt, hat auch nichts zu befürchten.

Der Wolf und die Schweiz – ein Ausblick mit Urs Breitenmoser

Die Schweiz als Lebensraum für den Wolf?
«Es besteht in der Schweiz eine Diskrepanz zwischen den ökologischen Bedingungen und der Bereitschaft der Menschen, den Wolf zu tolerieren. Die Bedingungen – der Wald als wichtigster Lebensraum und wilde Paarhufer wie Hirsche, Rehe und Gämsen als Beutetiere – haben sich seit dem Verschwinden des Wolfes im 19. Jahrhundert wesentlich verbessert. Viele Menschen sind jedoch nicht bereit, Wölfe in unseren Landschaften zu akzeptieren.»
Bei allen Ängsten: Hat die Präsenz des Wolfs auch positive Seiten?
«Die Befürchtung oder Hoffnung – je nach Standpunkt –, dass der Wolf die wilden Paarhufer (z. B. Hirsch) regulieren könnte, ist noch nicht dominierend. Ich bin aber sicher, dass die ökologische Funktion des Wolfes mit einer grösseren Verbreitung und mehr Erfahrung bedeutender werden wird. Der Schweizerische Forstverein hat sich zum Beispiel schon positiv zur Rückkehr der Grossraubtiere und speziell des Wolfs geäussert, weil sie sich davon eine Reduktion der Schäden am Wald und eine bessere Waldentwicklung erhoffen.»
Der Wolf erregt die Gemüter: Zeit für eine Versachlichung der Diskussion?
«In der Öffentlichkeit herrscht im Moment die Debatte um die Übergriffe der Wölfe auf Nutztiere und die direkte Angst der Menschen vor dem Wolf vor. (…) Ich hoffe sehr, dass mit zunehmender eigener Erfahrung mit dem Wolf in der Schweiz Vermutungen durch Beobachtungen, und Emotionen durch Beurteilungen ersetzt werden.»