Sie zog die Fäden in Minsk: Heidi Tagliavini

Das Friedensabkommen am Ukraine-Gipfel in Weissrussland ist auch der Verdienst der Schweizer Diplomatin. Die sowohl in Russland als auch in der Ukraine beliebte Vermittlerin soll verhindert haben, dass die Chancen auf eine Einigung in sich zusammenfielen.

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Bildlegende: Heidi Tagliavini – hier nach Gesprächen mit Russland und Vertretern der Separatisten Reuters

Im Schatten von Putin, Poroschenko, Hollande und Merkel war sie mitten drin in den Verhandlungen um Frieden in der Ukraine: die Schweizer Diplomatin und OSZE-Sondergesandte Heidi Tagliavini. Die 64-Jährige hat bei den Minsker Gesprächen eine zentrale Rolle gespielt und das Schlussdokument mitunterzeichnet.

«Die unbekannte Heldin der Verhandlungen von Minsk», betitelte die US-Nachrichtenagentur Bloomberg ein lobendes Porträt der Schweizer Diplomatin. Dafür befragten die Journalisten mehrere Personen, die beim Treffen in der weissrussischen Hauptstadt Minsk am Mittwoch und Donnerstag anwesend waren. Die 16-stündigen Gespräche führten schliesslich zur Friedensvereinbarung.

«Ich bin vorsichtig optimistisch»

Heidi Tagliavini zeigte sich nach dem Friedensabkommen «vorsichtig optimistisch». Es sei ein «komplettes Massnahmenpaket», um die Vereinbarungen des Minsker Protokolls vom vergangenen September umzusetzen. Während der 16 Stunden hätten hauptsächlich die Staatschefs diskutiert: Wladimir Putin, Petro Poroschenko, François Hollande und Angela Merkel. Es habe viel Geduld und Engagement gebraucht. Sie habe die Hoffnung, dass nun eine wirkliche Chance auf Frieden bestehe.

Auf beiden Seiten respektiert

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Osteuropa-Kennerin

Die promovierte Philologin, die in Genf und Moskau studierte, spricht sieben Sprachen, darunter Russisch und Italienisch. Sie hat zwei Bücher verfasst: So war sie Co-Autorin eines Essays über den Kaukasus und realisierte einen Fotoband über ihre Erinnerungen aus Tschetschenien.

Die Schweizer Ukraine-Vermittlerin im Dienste der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) scheint Anerkennung zu geniessen. Gemäss Bloomberg war sie es, die verhindert hat, dass die Chancen auf eine Einigung am Ende der Nacht im Minsker Unabhängigkeitspalast in sich zusammenfielen.

Die Mehrheit der Befragten war sich einig: Tagliavini, die den Übernamen «The Facilitator» (die Vermittlerin) erhalten hat, sei in beiden Lagern respektiert und geniesse insbesondere das Vertrauen des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

«Sehr intelligent»

Demnach gelang es ihr in letzter Minute zu verhindern, dass eine Delegation der prorussischen Separatisten das Abkommen in Frage stellte, was eine umfassende Überarbeitung nach sich gezogen hätte.

«Sie ist sehr intelligent», sagte der russische Botschafter in Weissrussland, Alexander Surikow. «Sie arbeitet wirklich für die Sicherheit (...) Sie hat geholfen, die Diskussionen auf dem richtigen Weg zu halten.»

«Wir schätzen ihre Arbeit ungemein», sagte auch Olexij Makejew vom ukrainischen Aussenministerium. «Sie hat nicht nur unser Vertrauen, sondern, was besonders wichtig ist, auch jenes der Russen.» Für den serbischen Aussenminister wiederum hat sich Tagliavinis Rolle als «unverzichtbar erwiesen, um den Kontakt zwischen allen Parteien aufrechtzuerhalten».

Die gebürtige Baslerin stand bereits im Zentrum bei den Diskussionen über die Waffenstillstands-Vereinbarung, die im vergangenen September unterzeichnet worden war (Minsk I). In der Realität stellte sich das Dokument damals allerdings ziemlich schnell als toter Buchstabe heraus.

«  Wenn sie in der Ukraine nicht erfolgreich ist, sehe ich nicht, wer es sonst sein könnte. »

Selbst Bundesrat Didier Burkhalter ist voll des Lobes für die kluge und diskrete Diplomatin. Eine «unermüdliche Arbeiterin» sei sie, sagt der Aussenminister, und eine der wenigen Personen, die mit allen Parteien ohne Vorbehalte sprechen könne. «Das ist kostbar in einer derart schwierigen Situation.»

Auch in Bundesbern lobt man die «grosse und bemerkenswerte» Diplomatin, die «enorme Risiken» eingehe. Es heisst, man finde kaum jemanden, der in diesem Dossier kompetenter sei als sie. «Wenn sie in der Ukraine nicht erfolgreich ist, sehe ich nicht, wer es sonst sein könnte», sagte ein mit der Sache Vertrauter.

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Spitzen-Diplomatin

10 min, aus Rundschau vom 12.2.2003

Diplomierte Philologin

Heidi Tagliavini wurde 1950 in Basel geboren und trat 1982 in den Dienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ein. Sie belegte in den folgenden drei Jahrzehnten verschiedene Posten in Lima, Moskau, Den Haag sowie Sarajevo und war in Bern Stellvertreterin des EDA-Staatssekretärs.

«Madame Courage», wie Tagliavini von der «Neuen Zürcher Zeitung» betitelt wurde, war zudem im Rahmen der UNO und der OSZE in Tschetschenien, Georgien, Russland und der Ukraine tätig. 2008 wurde sie von der EU zur Leiterin einer internationalen und unabhängigen Untersuchungskommission zum Konflikt zwischen Russland und Georgien in Südossetien ernannt.

In ihrem Schlussbericht vom September 2009 wies sie Georgien eine Teilschuld bei der Auslösung und der Eskalation des Konfliktes zu. Diese Analyse und das Fazit scheinen ihr gemäss Bloomberg das Vertrauen Putins eingebracht zu haben.

2013 wurde Heidi Tagliavini von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte für ihr Engagement in heiklen Missionen mit dem Menschenrechtspreis geehrt.