Sollen Imame als Gefängnis-Seelsorger eingesetzt werden?

Jeder Dritte in Schweizer Gefängnissen ist Muslim. Wenn es um die Seelsorge geht, sind sie gegenüber christlichen Insassen oft benachteiligt. Längst nicht jedes Gefängnis hat muslimische Seelsorger angestellt – aus praktischen Gründen, aber zum Teil auch aus Furcht vor Indoktrination.

Aufnahme eines Mannes hinter Gittern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jeder dritte Gefangene in der Schweiz ist Muslim. Oft gibt es aber nur eine katholische oder reformierte Seelsorge. Keystone

Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht. Auch für Gefangene. Wie Religiosität hinter Gittern gelebt werden kann, ist von Institution zu Institution verschieden und es kommt auf die Konfession an.

Grosse Unterschiede bei den Gefängnissen

In der Strafanstalt Lenzburg zum Beispiel können die rund 100 muslimischen Gefangenen ihren Glauben zwar privat praktizieren, aber es gibt kein organisiertes Freitagsgebet und auch keine fest angestellten Imame. Gemäss Gefängnisdirektor Marcel Ruf würden viele Muslime auf die katholische oder reformierte Seelsorge zurückgreifen. Die Gefangenen hätten die Möglichkeit, einen Imam zu treffen, aber nur im Besucherraum. «Das ist bei uns ein- bis zweimal im Jahr der Fall», so Ruf. Ähnlich wie in Lenzburg sind die Regelungen auch im Gefängnis Witzwil oder in der Justizvollzugsanstalt Solothurn.

Anderen Gefängnisdirektoren ist das zu wenig. Die Zürcher Anstalt Pöschwies zum Beispiel beschäftigt mehrere Imame aus verschiedenen Kulturkreisen. Auch für Hanspeter Zihlmann, Direktor der Zentralschweizer Strafanstalt Grosshof, braucht es für muslimische Gefangene eine regelmässige und institutionalisierte Seelsorge. Einmal im Monat komme ein muslimischer Seelsorger vorbei, bei dem sich die Gefangenen für ein Gespräch anmelden können. «Das Angebot wird gerne benutzt», so Zihlmann.

«Man würde besser Psychologen einsetzen»

Im Hinterkopf sind Berichte aus Frankreich und Belgien, wo sich muslimische Gefangene unter dem Einfluss islamistischer Imame radikalisiert haben. In der Schweiz ist kein solcher Fall bekannt, aber die Gefahr bestehe auch hier, glaubt Saida Keller Messahli.

Die Präsidentin des Forums für einen Fortschrittlichen Islam würde am liebsten die Religion ganz aus den Gefängnissen verbannen: «Ich plädiere dafür, anstatt Seelsorger zu schicken, Psychologen oder Psychiater einzusetzen, die das professionelle Gespräch mit den Gefangenen beherrschen.» Von ihnen gehe weniger die Gefahr aus, dass die Gefangenen zu manipuliert werden. Überhaupt sei Seelsorge kein muslimisches, sondern ein christliches Konzept: «Ich fände einen Psychologen oder Psychiater adäquater.»