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Contact Tracing – Ist ein Richtungswechsel nötig?
Aus Puls vom 26.10.2020.
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Steigende Coronazahlen Contact Tracing am Anschlag: Ist ein Strategiewechsel die Lösung?

Wissenschaftler kritisieren das praktizierte breite Vorwärtstracing und empfehlen stattdessen den Blick zurück: Die Identifizierung von Superspreading Events würde eine deutlich effizientere Eindämmung der Ansteckungen erlauben.

Landauf, landab sind die Contact-Tracer der Kantone im Dauereinsatz. Laufend wird Personal aufgestockt – und doch werden längst nicht mehr alle positiv Getesteten und deren Kontakte erreicht.

Stattdessen wird das immer öfter den Betroffenen selbst überlassen.

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So sollte das Contact Tracing eigentlich funktionieren
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Eigentlich war das Contact Tracing so gedacht:

  • Wer positiv getestet wird, bleibt zu Hause in Isolation
  • Die Behörden vom Contact Tracing nehmen Kontakt auf. Per Telefon, aus Zeitgründen auch immer öfter per Mail oder SMS.
  • Gemeinsam versucht man herauszufinden, mit wem die positive Person in den zwei Tagen vor den ersten Symptomen engeren Kontakt hatte und somit angesteckt haben könnte. Familienmitglieder, Arbeitskollegen, Freizeitfreunde.
  • All diese Personen werden wenn möglich von den Behörden – oder von den Betroffenen selbst – kontaktiert und aufgefordert, sich in Quarantäne zu begeben.
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Plädoyer für einen Strategiewechsel
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Das System stösst augenscheinlich an seine Grenzen und steht nicht erst jetzt in der Kritik. Denn immer mehr Studien deuten darauf hin, dass längst nicht alle Infizierten das Sars-Covid-2-Virus auf andere übertragen.

Konkret scheinen höchstens 20 Prozent das Coronavirus weiterzuverbreiten. Daraus ziehen Wissenschaftler den Schluss: Das Ermitteln, wen eine positive Person alles angesteckt haben könnte, ist nicht effizient.

Infektiologe Philipp Kohler vom Kantonsspital St. Gallen spricht sich stattdessen für einen Strategiewechsel aus: «Es wäre sicher prüfenswert, zumindest einen Teil der Ressourcen ins Rückwärts-Tracing zu investieren. Also sich auf die Quelle zu konzentrieren, wo die Infektion erfolgt ist.» Die Behörden nehmen mit der infizierten Person Kontakt auf.

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So funktioniert das Rückwärtstracing
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So würde ein solches Rückwärts-Tracing ablaufen:

  • Die Behörden nehmen mit der infizierten Person Kontakt auf.
  • Gemeinsam versucht man herauszufinden, ob die Person in den sechs Tagen vor den ersten Symptomen an einem Anlass teilgenommen hat mit mehreren Personen in einem geschlossenen Raum, wo vielleicht die Abstandsregeln nicht immer gewährleistet waren. Weil es schwierig ist, sich an solche Ereignisse zu erinnern, die mehr als zwei Tage zurückliegen, empfehlen Experten das Führen eines Kontakt-Tagebuchs.

Was bringt ein Kontakt-Tagebuch?

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Der Infektiologe Christian Drosten von der Berliner Charité erläutert in seinem Podcast, Link öffnet in einem neuen Fenster die Vorteile eines Kontakt-Tagebuchs:

«Man kann sich jeden Abend zum Beispiel ins Smartphone, in den Notizblock oder auch auf irgendeinen Papierzettel schreiben: Wo war ich heute, wo es mir eigentlich nicht ganz geheuer war? Also war ich heute in einer Situation, da hatte ich das Gefühl, hier sind eigentlich zu viele Leute in einem geschlossenen Raum zusammen, zu eng beieinander, auch wenn die meisten Maske getragen haben, irgendwie hätte das nicht sein sollen.

Wenn man sich das abends aufschreibt, dann entstehen zwei Dinge. Erstens diese Unbekannten-Liste: Also in den Meldelisten der Gesundheitsämter würde es vielleicht dazu kommen, dass die Leute sich doch mehr erinnern und sagen können, wo sie sich wirklich infiziert haben oder wahrscheinlich infiziert haben. Die Gesundheitsämter könnten dann vielleicht noch einmal besser Quellcluster erkennen.

Das ist der eine Effekt. Die Fallverfolgung würde verbessert werden. Der zweite Effekt ist aber auch, dass sich alle Leute in der Gesellschaft im Alltag mehr klarmachen würden, dass sie immer mal in solche Situationen reingeraten und dass sie diese Situation in Zukunft vermeiden, weil sie dafür empfindlicher und sensibler werden.»

  • Findet man einen solchen Anlass, bei dem sich weitere Personen infiziert haben, hat man einen «Cluster» oder «Superspreading Event» ermittelt.
  • Alle Teilnehmer dieses Clusters werden so schnell wie möglich in Quarantäne geschickt und so weitere Ansteckungen aus diesem Cluster unterbunden.

Japan setzt seit längerem auf diese Cluster-Strategie. Mit Erfolg.

«Ein völliger Verzicht aufs Vorwärtstracing wäre falsch»

«Ein völliger Verzicht aufs Vorwärtstracing wäre falsch»
Legende:srf

Im Studiogespräch mit Daniela Lager: Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der Kantonsärztevereinigung.

SRF: Infektionsherde finden und austrocknen statt jeder möglichen Infektion hinterherzutelefonieren. Einverstanden mit dieser Forderung?

Thomas Steffen: Wir haben im klassischen Contact-Tracing beide Elemente: Man schaut voraus und zurück. Die Schwierigkeit im Moment sind die hohen Fallzahlen. Da muss man sich einschränken. Wir schauen deshalb vor allem dort hin, wo heikle Settings sind. Also wenn jemand Kontakt in einem Altersheim gehabt hat.

Wenn die Fallzahlen zu hoch sind und man sich einschränken muss: Wäre es nicht sinnvoll, aufzuhören die Neuansteckungen zu verfolgen und stattdessen herauszufinden, woher sie kommen und dann die Käseglocke drüber zu tun?

Neuansteckungen überhaupt nicht zu verfolgen ist keine gute Idee. Damit hätten wir eines der wichtigen Elemente nicht mehr, das hilft, die Menge im Griff zu behalten – oder wieder in den Griff zu bekommen.

Findet man diese Cluster denn noch bei diesen Zahlen?

Das ist jetzt tatsächlich ein Problem. Seit ein paar Wochen sehen wir, dass wir immer mehr mögliche Ansteckungsquellen haben und haben dort auch bemerkt, dass der Virus mehr präsent ist.

Wenn man es den Infizierten überlässt, ihre Kontakte zu informieren, verliert man ein Stück weit aber auch die Übersicht und Kontrolle.

Das ist so. Und es ist natürlich immer eine Frage der Zahlen. Im Extremfall wären wir am Ende alle in Quarantäne und alle Contact Tracer. Das funktioniert logischerweise nicht. Von dem her muss man schauen, mit welchen Mitteln es geht. Die Erfahrung auch aus früheren Epidemien ist, dass es eigentlich ganz gut funktioniert, die Leute mit einzubinden.

In einem öffentlichen Diskussionsforum hat jemand erzählt, dass in der Familie alle positiv getestet wurden, ausser der Familienvater, der Bauer ist und «funktionieren» muss. Der hat sich einfach nicht testen lassen. Dann verstösst er ja auch gegen nichts…

Menschen bleiben immer Menschen und suchen je nach dem auch mal einen Schlupfweg. Unsere Erfahrung ist aber, dass es sich lohnt, an die Vernunft zu appellieren. Die meisten halten sich dann recht gut bis sehr gut an die Regeln.

Puls, 26.10.2020, 21:05 Uhr

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Den "Expertenstreit" in der Öffentlichkeit finde ich an dieser Stelle kontraproduktiv. Wenn ich die Kommentarspalten lese, finde ich die Verunsicherung ist breit genug gestreut. Die Experten sollen sich einigen und dann das Verfahren durchziehen lassen, das am besten ist. Kein guter Moment für mehr Profilierung "draussen".
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  • Kommentar von willi mosimann  (willi mosimann)
    Bei allen Vorteilen die unser "Kantönligeist" hat gibt es eben auch Nachteile. Warum nur muss jeder Kanton selber Software erstellen/kaufen lassen um das Tracing durchzuführen?
    Hier wäre 1 Lösung analog zur Covid-App besser als x andere Lösungen wo nicht einmal die Daten untereinander ausgetauscht werden können. Aber die Schweiz und vor allem die Kantone haben ja Geld genug....
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  • Kommentar von Remo Tschanz  (remotschanz)
    Der Bericht ist nicht ganz korrekt. Aus eigener Erfahrung sucht das TracingTeam nicht die Kontakte aus den zwei Tagen vor den ersten Krankheitssymptomen, sondern die Personen aus den zwei Tagen vor dem positiven Corona-Test. Wenn man also ein bis zwei Tage bzw. übers Wochenende mit dem Test wartet, kann man ganz andere Personen in Quarantäne versetzen lassen. Hätte eigentlich erwartet in Quarantäne gehen zu müssen, da aber das Tracing für später angesetzt wurde, gab's keine zusätzliche Freizeit.
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