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Der Industriekonzern, der in der Stadt bleibt
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 30.05.2021.
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Strukturwandel Das zweite Leben der Schweizer Industriebrachen

Die Glanzzeiten der Schweizer Industrie sind vorbei. Seit einiger Zeit kehrt jedoch Leben zurück in die Fabrikruinen.

In der Geschichte der Schweizer Wirtschaft gibt es zwei Jahreszahlen, die es sich einzuprägen lohnt: 1880 und 1970. Beide läuteten einen Wandel ein, der das Leben der Eidgenossinnen und Eidgenossen stark veränderte.

Zunächst die 1880er-Jahre: In dieser Zeit löst die Industrie die Landwirtschaft als den wichtigsten Wirtschaftssektor des Landes ab. Das heisst: Von da an arbeiten mehr Menschen in einer Fabrik als auf einem Bauernhof. In den Schweizer Städten entstehen riesige Industrieareale, auf denen Eisen gegossen, Fasern gewebt und Kohle verbrannt wird.

Um 1970 kommt es zum zweiten grossen Einschnitt: Die Industrie ereilt dasselbe Schicksal wie zuvor die Landwirtschaft. Auch sie wird entthront und ihrerseits vom dritten Wirtschaftssektor überholt. Seit da dominiert der Dienstleistungssektor als wichtigster Arbeitgeber. Heute sitzen rund drei Viertel aller Schweizer Arbeitstätigen in einem Büro.

Millionen von Quadratmetern lagen brach

Der Niedergang der Industrie zeigt sich ab den 1980er-Jahren auch in den Schweizer Städten. Die einst stolzen Konzerne mit ihren eindrücklichen Produktionsstätten melden Konkurs an oder ändern ihre Strategie. Zwischen 1991 und 2001 gehen über 250'000 Stellen verloren. Ganze Fabrikareale verwaisen. Sie liegen für Jahrzehnte brach und verlottern: Friedhöfe des Wirtschaftswunders Schweiz.

Um die Jahrtausendwende erkennt die Politik das Problem und setzt sich zum Ziel, die vielen Industriebrachen umzunutzen. Im Jahr 2004 rechnet das Eidgenössische Umweltdepartement vor, die leerstehenden Areale böten ein Potenzial von 17 Millionen Quadratmetern ungenutzter Fläche. Das entspricht in etwa der Fläche der Stadt Genf. Von da an erhalten viele der ehemaligen Industrie-Areale ein zweites Leben. Ein paar Beispiele:

Zürich: Von der Zahnradfabrik zur Kulturmeile

Die Max Maag Zanhradfabrik lässt sich im Jahr 1913 in Zürich nieder, in der Nähe des heutigen Bahnhofs Hardbrücke. Dank der guten Konjunktur wächst sie schnell zu einem Grossbetrieb heran und baut das Gelände fortwährend aus.

Ab den 1980er-Jahren geht es bergab mit dem Konzern, er muss Stellen abbauen, bis er Ende der 1990er-Jahre die Produktion von Zahnrädern und anderen Maschinenteilen ganz einstellt.

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Legende:Maag-Areal, Stadt ZürichAuf dem Areal der ehemaligen Zahnradfabrik Maag steht heute unter anderem der Prime Tower. Fotos von 1940 und 2019.Baugeschichtliches Archiv Zürich / Keystone

Danach werden einige der ehemaligen Fabrikgebäude für anderes Gewerbe umgenutzt und umgebaut. Im Lauf der Jahre entwickelt sich das Areal zu einem neuen Dienstleistungszentrum. Verschiedene neue Bürogebäude wie der Prime Tower holen die Wertschöpfung zurück. Zudem wird aus einer ehemaligen Maag-Fabrikhalle 2001 ein Veranstaltungsort für Musicals und andere Shows.

2017 öffnet auf dem Areal auch die provisorische Tonhalle ihre Tore – ein für seine Akustik gefeierter Übergangs-Konzertsaal, in dem das Zürcher Tonhalle-Orchester noch spielt, bis die Renovation des regulären Saals beim Kongresshaus diesen Sommer abgeschlossen ist. Allerdings: 2023 sollen die alten Maag-Hallen abgerissen werden und Wohnbauten entstehen.

Emmenbrücke: Von der Textilfabrik zur Hochschule

Die Viscosuisse mit Sitz im luzernischen Emmenbrücke ist nach dem Zweiten Weltkrieg die grösste Textilproduzentin der Schweiz: Sie ist auf Kunstfasern spezialisiert und produziert unter anderem Nylon.

In den 1980er-Jahren gibt die Firma die Kunstfaser-Produktion auf. Es folgt ein dramatischer Stellenabbau: Arbeiteten 1974 schweizweit noch 5500 Menschen für den Konzern, so sind es nach der Jahrtausendwende noch wenige hundert. Im Jahr 2006 erlöscht die Firma.

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Legende:Viscose-Areal, EmmenbrückeHier produzierte die grösste Textilfabrik der Schweiz. Mittlerweile beherbergt das Areal eine Kunst-Hochschule. 1972 und 2016.LUFTBILD SCHWEIZ / KEYSTONE

Danach liegen grosse Teile des rund 90'000 Quadratmeter grossen Firmengeländes brach. Bis die Gemeinde die Fläche zu einem neuen Quartier umfunktionieren will: Bereits jetzt hat sich darauf die Luzerner Kunsthochschule eingerichtet, eines der Fabrikgebäude wurde zur Eventhalle umfunktioniert. Künftig sollen auf dem Areal weitere Restaurants, Büros, Wohnungen und ein Park entstehen.

Bern: Fabrik, Jugendtreff, Wohnquartier

Während rund 90 Jahren steht auf dem Berner Gaswerkareal eine Fabrik, die aus Steinkohle Gas zur Energieversorgung der Stadt herstellt. In den 1970er-Jahren muss die Produktion eingestellt werden, die Anlagen werden abgerissen. Bis heute liegt das Areal weitgehend brach.

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Legende:Gaswerk-Areal, BernBis vor 50 Jahren wurde auf dem jetzt weitgehend brachliegenden Areal Gas hergestellt. Nun sollen Wohnungen hin.KEYSTONE / SRF

Seit den 1970er-Jahren ist das Gaswerkareal Heimat für eines der ältesten Jugend- und Kulturzentren Europas: dem «Gaskessel». Nun soll auch die restliche Fläche wieder bebaut werden. Die Berner Stimmbevölkerung hat einer Überbauung des alten Gaswerkareals zugestimmt. Es entsteht ein neues Quartier mit Wohnungen, Gewerbe und Kultur.

Luzern: Die Ausnahme bestätigt die Regel

Obwohl seit gut 50 Jahren viele Industriekonzerne aus den Schweizer Städten weggezogen oder eingegangen sind, halten einige bis heute wacker die Stellung. Einer davon ist der Elektrogeräte-Hersteller Schurter, der unter anderem für seine Sicherungen bekannt ist.

Das Unternehmen ist seit gut 80 Jahren im Tribschenquartier in der Stadt Luzern zu Hause und beschäftigt aktuell rund 350 Mitarbeitende.

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Legende:Schurter AG, LuzernDie Schurter AG ist seit gut 80 Jahren in der Stadt Luzern zuhause. Vergleich 1973 und heute.STIFTUNG LUFTBILD SCHWEIZ / SCHURTER AG

Statt die Produktion ins Ausland zu verlegen oder an den Stadtrand zu ziehen, baut der Konzern den Standort in der Stadt momentan sogar aus – für 30 Millionen Franken.

Die Schweizer Städte hätten nebst Nachteilen wie hohen Lohnkosten und wenig Platz auch ihre Vorteile, sagt Geschäftsleiter Christian Holzgang. «Wir sind auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen und die gibt es hier. Dank der zentralen Lage können wir ihnen einen attraktiven Arbeitsort bieten.»

Natürlich seien sie jedoch auch auf gute Rahmenbedingungen angewiesen. Aus Firmensicht sind diese im Kanton Luzern vorhanden: Die Unternehmenssteuern gehören zu den tiefsten der Schweiz.

SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 30.05.2021, 17:30 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Telemach Hatziisaak  (THI)
    Der Dritte Sektor sind die Dienstleister: Ärzte, Anwälte, Architekten, Banker, Versicherer etc.
    Aber meines Erachtens gibt es noch einen vierten Sektor seit den Nullerjahren: Die Dienstleister für die Dienstleister. Diese können symbiotisch oder parasitär sein. Z.B. IT-ler, Qualitätszertifizierer, Vermögensberater und Influencer.
  • Kommentar von Nic Grund  (Gruendeli)
    Ich glaube in künftigen Geschichtsbücher wird sich auch das Jahr 2030 finden. Das Jahr als auch die Anzahl beschäftigte im 3 Sektor dramatisch abfiel wegen der beschleunigten Automatisation vieler repetitiver Tätigkeiten.

    Endlich wurden die Menschen von der Notwendigkeit befreit einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Ein goldenes Zeitalter der Selbstverwirklichung und Nachhaltigkeit wurde eingeläutet.
  • Kommentar von Hans Peter  (Byron)
    Sicher eine positive Nachricht, dass auf den leeren Industriebrachen neues Leben einkehrt. Allerdings habe ich vielfach den Eindruck, dass diese vor allem als Kulisse für eine "coole" Wohn- und Arbeitsumgebung dienen. Eigentlich wünschte ich mir, dass die Brachen gar nicht erst entstanden wären und dort nach wie vor geschweisst, gebohrt, gedreht etc. würde. Der Erhalt einer gew. Industrieproduktion in der CH könnte sich in der Zukunft noch als nachhaltig erweisen, wie auch die Coronakrise zeigt.