Es ist heiss in der Turnhalle der Justizvollzugsanstalt in Lenzburg. Ria hechelt und schlabbert kaltes Wasser aus einem Napf. Die Bernhardinerhündin besucht heute einen Mann, der sich seit sieben Jahren hinter Gittern befindet.
Der Mann wurde zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt wegen schweren Raubüberfalls. Der Besuch der Bernhardinerhündin tue ihm gut, sagt der Häftling, während er das Fell der Hündin streichelt. «Ich habe immer ein gutes Gefühl, wenn ich diesen Besuch habe. Ich kann mich bewegen, mit dem Hund spielen, und das gibt mir positive Energie.»
Beruhigende Wirkung
Einen Hund oder eine Katze zu streicheln, das ist ausserhalb der Gefängnismauern etwas völlig Normales. Doch hinter Gittern ist dies anders. Alle drei Wochen kommt Hündin Ria hierher. Jeder Besuch sei etwas ganz Spezielles, sagt der Häftling.
«Im Gefängnis lebt man wie in einer Parallelwelt. Da nutzt man jede Gelegenheit für eine Verbesserung.» Er sei den Umgang mit Hunden gewohnt, erklärt der Mann. Als er gehört habe, dass es diese tiergestützte Therapie gebe, habe er sich sofort angemeldet. «Hunde sind schliesslich der beste Freund des Menschen.»
Ria kommt jeweils nicht alleine in die Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Gemeinsam mit Hundeführer Konstantin Seiler ist sie auch in verschiedenen anderen Gefängnissen unterwegs. Seiler sieht sich in erster Linie als Assistent für die Bernhardiner-Dame. Ria gehe gerne auf andere Leute zu, und diese Erfahrung tue den Häftlingen gut. «Hunde haben die Fähigkeit, Menschen zu beruhigen.»
Für welche Tat die Häftlinge eingesperrt sind, weiss Seiler oft nicht. «Manche reden von sich aus darüber. Andere kenne ich schon seit über fünf Jahren, doch sie haben noch kein Wort dazu gesagt.» Das sei für ihn in Ordnung und seiner Hündin sowieso egal.
Vorwurf der Kuscheljustiz
Wenn Häftlinge im Rahmen eines therapeutischen Programms Hunde streicheln dürfen, dann ist der Vorwurf der Kuscheljustiz natürlich nicht weit. Anstatt mit Hunden herumzutollen, sollen die Täter einfach ihre Strafe absitzen, finden Kritiker. Doch Marcel Ruf, Direktor der JVA Lenzburg, sieht das ganz anders.
Ein Mensch, der eine Beziehung zu einem Tier aufbaut, kann zu einem positiveren Menschen werden.
Er verweist darauf, dass auch in US-amerikanischen Bundesstaaten wie Texas oder Kalifornien Therapiehunde eingesetzt werden. Notabene in Staaten also, die noch die Todesstrafe vollziehen. Kein vernünftiger Mensch könne bei diesen Beispielen von Kuscheljustiz sprechen, so Ruf. «Sie haben dort gemerkt, dass ein Mensch, der eine Beziehung zu einem Tier aufbaut, zu einem positiveren Menschen wird.»
Auftrag: Förderung des Sozialverhaltens
Letztlich habe eine Justizvollzugsanstalt auch den gesetzlichen Auftrag, das soziale Verhalten der Insassen zu fördern – und dabei helfe ein Hund, sagt der Direktor.
In der Zwischenzeit hat die tierische Besucherin Ria mit dem Häftling in der Turnhalle einen Hindernisparcours absolviert. Die Bernhardinerhündin erhält zur Belohnung ein kleines Hundeleckerli und wedelt zufrieden. Auch der Häftling wirkt entspannt und freut sich darüber, dass er gemeinsam mit Ria den Parcours absolvieren konnte.