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Schweiz Thurgauer Alleingang stösst sauer auf

Mehr Deutsch und Mathe statt Französisch: Der Thurgauer Entscheid, das Frühfranzösisch abzuschaffen, wird von vielen Seiten kritisiert. Das sei Quatsch, findet SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Der Röstigraben sei sowieso keinen Millimeter kleiner geworden.

Legende: Video Ärger über die Thurgauer in der Romandie abspielen. Laufzeit 01:49 Minuten.
Aus Tagesschau vom 14.08.2014.

Thurgauer Kinder sollen bis zur sechsten Klasse nur Englisch als Fremdsprache lernen, erst danach Französisch. Denn viele Primarschülerinnen und -schüler seien mit zwei Fremdsprachen überfordert und interessierten sich ohnehin noch für anderes als für Französisch-Vokabeln, hiess es gestern im Thurgauer Grossen Rat. «Sie haben auch Freude an Fragestellungen wie: Warum erlöscht eine Kerze in einem umgestülpten Glas? Warum ist der Himmel blau?», argumentierte etwa Kantonsrätin Katharina Winiger von den Grünen.

Statt Französisch sollten Primarschulkinder lieber zuerst einmal die eigene Sprache richtig lernen, erklärt die heutige Nationalrätin Verena Herzog von der SVP, die den Vorstoss damals noch als Thurgauer Kantonsrätin lanciert hat. «Es ist Fakt, dass Schulen und Lehrbetriebe seit der Einführung des Frühfranzösisch mangelnde Deutsch- und Mathematikkenntnisse beklagen.»

Das sei daher kein Votum gegen Französisch, sondern für andere Fächer. Ganz anders wird der Thurgauer Entscheid in der Westschweiz verstanden. Die Bildungsdirektorin des Kantons Jura, Elisabeth Baume-Schneider, zeigt sich entrüstet. Der Thurgauer Entscheid gegen Frühfranzösisch sei schädlich. In der Westschweiz werde er so verstanden, als fänden es die Deutschschweizer nicht so wichtig, mit ihren Nachbarn, den Romands, zu reden.

Abschaffung gefährdet Landeszusammenhalt

Ganz ähnlich klingt es beim Erziehungsdirektor des grössten zweisprachigen Kantons, beim Berner Regierungsrat Bernhard Pulver: Die Schweiz zeichne aus, dass Romands und Deutschschweizerinnen nicht Englisch miteinander sprächen. «In Belgien ist das anders, da verstehen sich die Sprachgruppen nicht. In der Schweiz ist das gerade einer der grossen Trümpfe. Nun entwickelt sich das in eine andere Richtung.»

Bedauern äussert auch der Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz Christoph Eymann. Zwar respektiere er die Autonomie jedes Kantons. Aber die Abschaffung des Frühfranzösisch gefährde den Zusammenhalt des Landes. «Es geht auch um den Einblick in die Kultur eines wichtigen Teils unseres Landes. Da geht sehr viel kaputt, wenn unbedacht und ohne wissenschaftliche Erkenntnisse solche Entscheide gefasst werden.»

Röstigraben trotz Frühfranzösisch

Die Initiantin des Thurgauer Vorstosses, SVP-Nationalrätin Verena Herzog, mag das Argument vom Zusammenhalt des Landes nicht mehr hören. Sie kontert mit einer rhetorischen Frage: «Haben Sie das Gefühl, dass der Röstigraben durch das Frühfranzösisch nur einen Millimeter kleiner wurde?»

In der Westschweiz hingegen befürchtet Bildungsdirektorin Elisabeth Baume-Schneider bereits einen Dominoeffekt. Andere Kantone könnten nun nachziehen. Tatsächlich wurden und werden in der Zentral- und Ostschweiz bereits Unterschriften gesammelt – mit demselben Ziel: der Abschaffung des Frühfranzösisch. Das Thema hat für die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) hohe Priorität. Sie wird es im Oktober an einer zweitägigen Sitzung behandeln.

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67 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Gehrig, F - Montpellier
    Das Wesentliche beim Erlernen einer fremden Sprache ist das Begreifen einer anderen Weltanschauung. Man versteht Romands besser, wenn man merkt, dass sie la lune und le soleil sagen und nicht der Mond und die Sonne. Kindern eröffnet sich damit mehr als nur das blödsinnige Wiederholen des "Wortes" Okey, von dem sie in aller Regel gar nicht wissen, woher es stammt. Man kann sich auch fragen wieviele verschiedene Schriften es gibt, oder warum es bei den slavischen Sprachen sieben Fälle gibt ?
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  • Kommentar von Marlies Artho, Schmerikon
    Wie wäre es, wenn man die Kinder selber entscheiden liesse welche zusätzliche Sprache sie erlernen möchten. Wir haben ja eine Italienische, Romanische und Französische CH. So könnten Kinder, die Sprache lernen, an der sie mehr interessiert und motiviert sind, bei der Auswahl, auch Englisch einbeziehen. Da die Computersprache hauptsächlich Englisch beinhaltet. Auch werden bei uns viele Geschäfte, Lokale usw. Englisch angeschrieben. Denke, dass motivierte Kinder, eher leichter Sprachen lernen.
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  • Kommentar von W.Ineichen, Luzern
    "La vie est dure" heisst eben nicht "De Wii isch tüür." Und "à la carte" heisst nicht "dusse im Garte".
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