«Es wackelt und schaukelt richtig. Für die Kinder ist das ein Erlebnis», sagt eine Besucherin und steigt in die kleine Gondel der Selunbahn im Toggenburg.
Wer zur Alp Selun auf rund 1500 Metern über Meer gelangen will, braucht Geduld. An schönen Tagen warten Ausflügler bis zu zwei Stunden auf eine Fahrt mit dem Bähnli. Auch Schulklassen reisen für einen Aufenthalt auf der Alp an. «Wir sind froh, dass das Bähnli noch fährt», sagt ein Lehrer.
Zwei Besucher aus dem Unterland sehen die Selunbahn zum ersten Mal – und sind sich uneinig. «Die meisten würden wohl sagen, das sei eine Bahn für Heu. Aber ich würde sofort einsteigen, das ist ein Abenteuer», sagt der eine. Seine Begleiterin: «Ich finde sie originell zum Anschauen, aber ich würde nicht einsteigen.»
100'000 Liter Milch pro Sommer
Dabei ist die Bahn weit mehr als eine Touristenattraktion. Die 1911 erbaute Anlage war von Anfang an Arbeitsgerät: Sie transportiert jeden Sommer über 100'000 Liter Milch von der Alp ins Tal. «Gebaut wurde sie nicht für Touristen, sondern für die Älpler», sagt Jürg Ammann, Präsident der Alpkorporation Selun.
Ohne das Bähnli wäre der Abtransport der Milch kaum machbar. Ein alternativer Weg ins Tal existiert zwar, wäre aber aufwendig und teuer.
Doch die Technik der Bahn ist am Limit. Steuerung, Motor, Getriebe, Antriebsrad – die gesamte Anlage muss erneuert werden. «Am Schluss sind wir bei rund 1.5 Millionen Franken», sagt Ammann.
Die Fahrt kostet 14 Franken für Erwachsene, 7 Franken für Kinder. Doch weil die Gondel nur vier bis fünf Personen fasst, reichen die Einnahmen bei weitem nicht. 600'000 Franken fehlen noch. Zum Vergleich: Das sind rund 42'000 verkaufte Tickets.
Die nötigen Nachrüstungen sind für viele Betreiber kaum mehr finanzierbar.
Der Umbau wurde auf Herbst 2027 verschoben. Die Bahn erfüllt zwar weiterhin alle Sicherheitsanforderungen, doch ohne die nötige Sanierung steht ihre Zukunft auf dem Spiel.
Ein Problem weit übers Toggenburg hinaus
Die Selunbahn ist kein Einzelfall. In der Schweiz gibt es rund 2400 Kleinseilbahnen – einst für den Transport von Milch und Heu gebaut –, die heute vielerorts zu Touristenattraktionen geworden und zunehmend sanierungsbedürftig sind.
Der Nidwaldner Roland Baumgartner hat über 200 Anlagen dokumentiert und ein Buch darüber geschrieben. Sein Befund: «Etwa jede zweite Kleinseilbahn hat finanzielle Schwierigkeiten.»
Ersatzteile seien kaum mehr erhältlich, die Sicherheitsvorschriften würden laufend verschärft. «Die Bedingungen werden immer strenger. Die nötigen Nachrüstungen sind für viele Betreiber kaum mehr finanzierbar.»