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Erdogans Einfluss Türkische Botschaft schikaniert Schweizer Gülen-Anhänger

Aberkennung der türkischen Staatsbürgerschaft, Verweigerung des Rechts, die eigene Wohnung in der Heimat zu verkaufen: Erdogans langer Arm in die Schweiz schränkt die Rechte von Gülen-Anhängern ein. Das zeigen Recherchen von «10vor10».

Legende: Video Werden Türken von Erdogan enteignet? abspielen. Laufzeit 04:25 Minuten.
Aus 10vor10 vom 10.04.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Für den türkischen Staatspräsidenten Erdogan ist der islamische Prediger Gülen verantwortlich für den Putschversuch im vergangenen Sommer.
  • Gülen-Anhänger leiden seither nicht bloss in der Türkei unter Repressionen – auch Schweizer Sympathisanten spüren den verlängerten Arm Erdogans.
  • So werden beispielsweise Pässe nicht ausgestellt oder Vollmachten verweigert.

Software-Ingenieur und Gülen-Anhänger Ilyas Türkben glaubte seinen Ohren nicht zu trauen: Für seine neugeborene Tochter könne kein Pass ausgestellt werden. Das wurde ihm letzten Oktober auf dem türkischen Konsulat gesagt. Schuld sei sein zweiter Vorname Stéphane, der in seinem französischen aber nicht in seinem türkischen Pass stehe.

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Legende: Das Töchterchen von Gülen-Anhänger Ilyas Türkben soll keinen türkischen Pass erhalten. SRF

Keine Türkin mehr

Ilyas Türkben wies die Angestellte darauf hin, dass seine erstgeborene Tochter vor zwei Jahren problemlos eine Identitätskarte bekommen hatte. Kurz darauf habe die Konsulatsangestellte bei ihm zu Hause angerufen: Wegen seines zweiten Vornamens sei nun auch der Geburtsschein seiner ersten Tochter annulliert worden.

Das zweijährige Mädchen ist damit keine Türkin mehr. Warum? «Die Türkei will uns überall Steine in den Weg legen, weil wir Gülen-Anhänger sind», sagt der Software-Ingenieur. Der türkische Staatspräsident Erdogan macht seinen ehemaligen Weggefährten, den islamischen Prediger Fethullah Gülen verantwortlich für den Putschversuch von letztem Juli.

Keine Pässe, keine Vollmachten

«10vor10» hat Kenntnis von vier weiteren Fälle von Gülen-Anhängern, die geltend machen, die türkischen Vertretungen in der Schweiz hätten ihre Pässe nicht verlängert oder ihnen aufgrund «technischer» Schwierigkeiten keine Vollmachten ausgestellt.

Damit werden in der Schweiz lebende Türken daran gehindert, ihre Wohnungen durch Stellvertreter in der Heimat zu verkaufen. Eine entsprechende Anfrage lässt die türkische Botschaft in Bern unbeantwortet.

Vorzeigekonzern von der Türkei enteignet

Der eingebürgerte Schweizer und Gülen-Anhänger Mehmet Akildiz* hat Angst, dass die Wohnung seiner Familie in Istanbul nun vom türkischen Staat übernommen wird. Unberechtigt ist diese Befürchtung nicht: Seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 hat die türkische Regierung über 3000 Gebäude verstaatlicht, wie der türkische Finanzminister Naci Agbal letzten Oktober sagte.

Speziell im Fokus der Regierung sind Firmen: 1289 Unternehmen seien bereits enteignet worden, weil die Inhaber «Gülen-Terroristen» seien, schrieben türkische Zeitungen Ende März.

Den Auftakt machte die Verstaatlichung des milliardenschweren Möbelkonzerns der Familie Boydak. In einer aufsehenerregenden Razzia wurde Geschäftsführer Memduh Boydak zusammen mit drei anderen Vorstandsmitgliedern letzten Frühling verhaftet. Noch 2011 hatte Präsident Erdogan Memduh Boydak für dessen Geschäftstüchtigkeit ausgezeichnet. Jetzt macht der Staat ihm zum Vorwurf, dass er die Gülen-Bewegung finanziell unterstützt.

Auch Schweizer Gülen-Anhänger hat alles verloren

In der Schweiz spürt auch Kleinunternehmer Mehmet Akildiz (Name geändert) den Druck. Mehrere Jahre lang hatte er in der Türkei gelebt und eine Firma für Haushaltsgeräte betrieben. 2016 aber hätten seine Kunden die Rechnungen nicht mehr bezahlt, weil er «Gülen-nah» sei.

Als er letzten April in die Schweiz reiste, hätten Mitarbeiter angerufen und gesagt: «Komm zurück, oder du verlierst alles.» Aus Angst vor einer Verhaftung sei er aber nicht in die Türkei geflogen. Nun habe er keinen Kontakt mehr, die Mitarbeiter seien verschwunden, die Homepage der Firma existiere nicht mehr. Seine Investition von über 300'000 Franken habe er abgeschrieben.

«Wenigstens leben wir noch»

Die Recherchen von «10vor10» ergeben: Die Firma gibt es nicht mehr. Auf ihrer Telefonnummer meldet sich nur die Combox einer neuen Firma. In der Schweiz leben Akildiz* und seine Frau nun von der Fürsorge. Sein Blick ist stoisch. Ein Verwandter sei in der Türkei verhaftet worden, monatelang verschwunden und mit psychischen Problemen zurückgekehrt. Sein Sohn sagt: «Wenigstens leben wir noch».

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Die Meinungen über die Gülen-Bewegung sind kontrovers, aber es scheint, dass uva die Islamkritikerin N.Kelek wohl recht hat. Sie sagt, dass Gülen ein weltweites Netz musl.Intelligenz heranbilde, er seine Anhänger auffordere, geduldig im Einklang mit der Moderne sich bis in die oberen Organe des Staates hinauf zu arbeiten, um dann die Kontrolle im Staat zu übernehmen. Dies im Gegensatz zu üblichen Islamistenführern, die ihr Volk schariamässig halten, ihm Bildung verwehren. Das Ziel ist dasselbe!
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Guelen ist der tuerkische Blocher, dem seine globalen Mlliarden viel heiliger sind als Mitbuerger, Volk und Vateland. Immerhin haben die Tuerken jetzt die Wahl zwischen einer Theokratie auch fuer die armen Gleubigen, und einer neofeudalen Mammonkratie ala Blocher und Konsorten. Atatuerk wuerde - wie Napoleon und der Grosse Fritz - im Grabe rotieren, wenn sie Figuren wie Guelen, Hollande und das Merkel sehen muessten....
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    2. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Aha. Nach Dupond hatte also Napoleon die echten demokratischen Werte und die freiheitliche Wirtschaft und Meinungsfreiheit sowie Chancengleichheit hochgehalten? Oder wie ist der Post sonst zu verstehen?
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    3. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      @Reuteler - Es schleckt keine Geiss weg, dass es den Franzosen von Napoleon bis vor der Besetzung durch die Nazis und die Retheokratisierung durch von Gaul nie besser ging. Sogar die Deutschen bewunderten und beneideten das Leben "Wie Gott in Frankreich!" [und das gar im noch saekularen und auch sexuell noch liberalen Frankreich!). Dass er schliesslich als Groefazvorleufer den Opferwillen des russischen Volkes und die Kriegsmaterialspendenfreude der Briten unterschaetzte ist ein ganz anderes Kap
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  • Kommentar von Roland Gadient (Roland Gadient)
    Hat man da etwas anderes erwartet? Dieser Sultan macht was er will und behandelt uns wie wir eine Prov. der Türkei wären. Das Schöne ist das EDA lässt in gewähren, man darf ihn nicht reitzen, sonst kauft er nichts mehr bei uns, umsere heilige finanz und Wirtschaftskaste wird es verdanken, was unser Land anbetrifft interessiert diese Leute nicht, Hauptsache der Rubel rollt ( mehr mit den Russen Handel treiben ist nicht unsere Stärke, denn die verkörpern das Böse sagt die EU/NATO, TR ist ok).
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Wieso dieser Post? Die CH treibt wohl gerade so viel oder noch viel mehr (z.B. pro Kopf) Handel mit den Russen als wie manches andere Land. Man sollte sich auch gewiss sein dass er jetzt sehr viel Vertrauen zerstört und ebenfalls Werte. Oder denkt ihr dass er die Firma zu 300'000 verwerten respektive gewinnbringend betreiben kann? Nein, er hat sie ja zerstört, d.h. die hat dem türkischen Staat ausser dem Gebäude nichts gebracht. Und uns tut er ja nichts, nur seinen Leuten bei uns.
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Keine "Religion" ist relevant und lebensnotwendig! Der "Glaube" eines jeden Menschen für sich allein, ist wertvoll, solange man als menschliches Wesen sich andern Lebewesen gegenüber respektvoll, wertschätzend, rüchsichts- und verantwortungsvoll verhält!
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    1. Antwort von Dölf Meier (Meier Dölf)
      Das ist die Nächstenliebe! Doch ist auch Vernunft gefragt.
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