Günstige Mobilität Unsinnige Transporte: Schweizer Rahm wird in Italien abgefüllt

Schweizer Äpfel reisen nach Deutschland, um als Apfelmus zurückzukommen. Schweizer Rahm wird in Italien abgefüllt und wieder zurückgekarrt: Tausende solch unsinniger Transporte belasten jedes Jahr die Umwelt und verstopfen die Strassen. «Kassensturz» zeigt besonders fragwürdige Beispiele.

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Unsinnige Transporte: Schweizer Rahm wird in Italien abgefüllt

8:51 min, aus Kassensturz vom 10.1.2017

Die Lastwagen-Lawine rollt. Millionen von Tonnen Gütern werden auf der Strasse quer durch Europa gekarrt. Für das Klima und die Bevölkerung ist das eine grosse Belastung.

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Bildlegende: Weitgereistes Apfelmus: 400km hat es schon auf dem Buckel. SRF

Zu diesem Problem trägt auch die Schweizerische Lebensmittelbranche bei. Im Apfelmus von «Volg» beispielsweise stecken hunderte von Lastwagenkilometern: Zuerst transportiert der Lastwagen Schweizer Äpfel nach Deutschland in eine Fabrik südlich von Frankfurt, Entfernung 400 Km.

Der deutsche Betrieb verarbeitet die Äpfel zu Apfelmus. Dieses gelangt per Lastwagen wieder zurück in die Schweiz. Nochmals 400 Kilometer. Zu diesem Transportwahnsinn nimmt «Volg» nur schriftlich Stellung: Man habe keinen passenden Schweizer Hersteller gefunden, der langhaltbares Apfelmus herstellen könne.

Schweizer Rahm macht Umweg über Italien

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Bildlegende: 750km hat der Rahm in der Sprühdose schon hinter sich. SRF

Schon beinahe ein Klassiker für unsinnige Transporte ist der Schlagrahm aus der Dose. Dafür lässt «Emmi» Schweizer Rahm per Lastwagen ganze 750 Kilometer nach Italien transportieren, in Sprühdosen abfüllen und wieder zurückkarren. Das goutieren viele Konsumenten nicht. Bei «Kassensturz» häufen sich entsprechende Rückmeldungen.

Zum Beispiel Anand Weber, er stört sich am Umweg über Italien: «Ich lege beim Einkauf grossen Wert auf Schweizer Produkte. Dass solche Produkte im Ausland verarbeitet werden, das stört mich.»

Solche «Hin und Her»-Transporte seien ökologisch wenig sinnvoll, gibt «Emmi» zu. Aber betriebswirtschaftlich gehe die Rechnung auf. Diese Sichtweise geht «Emmi»-Kunde Anand Weber allerdings zu wenig weit: «Die Natur und die Umwelt sind diesem unnötigen «Hin und Her» ausgesetzt. Der Preis ist hoch.»

Migros füllt Schweizer Dosenrahm in Belgien ab

Auch der «Migros»-Dosenrahm legt immense Distanzen zurück. 700 km weit transportiert Migros den Rahm zum Abfüllen nach Belgien und wieder zurück in die Schweiz. Bereits seit 2002 transportiert «Migros» tonnenweise Schweizer Rahm durch Europa.

Solch lange Transportwege seien eine Ausnahme erklärt «Migros»-Sprecher Luzi Weber: «Die notwendige Technologie, welche es braucht, um den Rahm in die Dose zu bringen, ist in der Schweiz nicht vorhanden. Das zwingt uns, unseren Schweizer Rahm im Ausland abfüllen zu lassen.»

Um nicht Jahr für Jahr über 600 Tonnen Rahm durch Europa zu transportieren, habe «Migros» auch schon die Kooperation mit anderen Schweizern Betrieben gesucht. Die Mengen in der Schweiz seien aber zu klein um eine Abfüllanlage wirtschaftlich betreiben zu können, erklärt der «Migros»-Sprecher.

Kostenwahrheit bleibt auf der Strecke

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Bildlegende: Die Reimporte sind gestiegen. SRF

Zwischen der Schweiz und dem Ausland werden immer mehr Güter hin und her transportiert, mehr als die Hälfte davon sind Lebensmittel. Gemäss Zoll-Statistik wurden vor gut zehn Jahren knapp 11‘000 Tonnen Waren exportiert, verarbeitet und wieder importiert. Diese Reimporte stiegen 2010 auf über 19‘000 Tonnen. 2015 waren es über 33‘000 Tonnen. Das ist eine Verdreifachung innert gerade nur 10 Jahren.

Dieses rasante Wachstum sei sehr bedenklich sagt Jon Pult, der Präsident des Vereins Alpeninitiative. Die Organisation setzt sich für den Schutz der Alpen vor dem Transitverkehr ein. Solche Transporte machten betriebswirtschaftlich nur Sinn, weil die Kosten derart tief sind. Die Kostenwahrheit im sogenannten Veredelungsverkehr bleibe auf der Strecke. Das Fazit von Jon Pult: «Für die Gesellschaft ist der Mehrverkehr aber schädlich. Das kann man eigentlich nicht wollen.»

Permanent tiefgekühlt durch Europa

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Bildlegende: Tiefgekühlt reisen diese Glacé bereits einmal 760km vor ihrer ersten Auslieferung. SRF

Äusserst fragwürdig ist auch das Beispiel des «Mövenpick»-Stängelglacés von «Nestlé». Das Eis wird in Rorschach hergestellt. Per Kühltransporter gelangt das Glacé nach Uelzen in Norddeutschland. 760 km entfernt von der Schweiz wird das Glacé in die Form gegossen und mit Schokolade überzogen. Permanent tiefgekühlt geht es dann wieder zurück in die Schweiz.

«Nestlé» schreibt Kassensturz, das sei keine ökologisch optimale und dauerhafte Lösung. Man denke darüber nach, das Glacé in Zukunft vollständig in der Schweiz herzustellen.

Jon Pult von der Alpeninitiative möchte die Regeln so ändern, dass es sich für die Unternehmen nicht länger lohnt, Waren so weit zu transportieren: «Der Lastwagenverkehr verstopft unsere Strassen, führt zu Gesundheitsproblemen, verschärft das Klimaproblem und erhöht die Kosten für die Infrastruktur. Es ist wirklich schlecht für die Gesellschaft, Volkswirtschaft und auch für die Umwelt.»

Dosenrahm verliert Schweizer Kreuz

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Bildlegende: Die Technologie, den Rahm abzufüllen sei in der Schweiz nicht vorhanden, sagt Migros. SRF

Migros lässt ihren «Valflora»-Dosenrahm (rote Dose aus Bildergalerie) in Belgien abfüllen. Seit 2002 wurde der Schweizer Rahm per Lastwagen von Estavayer in die belgische Abfüllfabrik transportiert. Auch der «Floralp»-Dosenrahm (blaue Dose aus Bildergalerie) von Emmi wird seit Jahren im Ausland abgefüllt, in einer Fabrik bei Ancona in Mittelitalien. Beide trugen auf der Verpackung ein Schweizer Kreuz, da der Rahm aus der Schweiz stammte.

Wegen der neuen, seit 1. Januar geltenden Swissness-Regelung dürfen beide Produkte neu nicht mehr mit dem Schweizer Kreuz gekennzeichnet werden. Bereits produzierte Chargen, die noch in den Regalen stehen, dürfen aber noch verkauft werden.

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