Verdingkinder: «Wir werden weiterhin Druck machen»

Verdingkinder mussten oftmals hart arbeiten und auf familiäre Wärme verzichten. Nun wurde bekannt, dass sie in vielen Fällen auch um ihr Erspartes oder Geerbtes betrogen wurden. Doch damit nicht genug.

Szene aus dem «Schwarzen Tanner», aufgeführt im Freilichtmuseum Ballanberg: Eine Frau zieht einen Velo-Anhänger, darin zwei Mädchen, ein drittes Mädchen stösst den Anhänger. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Symbolbild: Viele Verdingkinder wurden bei Bauern «versorgt». Keystone

Die Verdingkinder gehören zu einem dunklen Kapitel der Schweizer Geschichte. Sie mussten hart arbeiten, wurden ausgenutzt und oft misshandelt. Geld haben sie kaum verdient und was auf Sparheften für sie bereitlag, haben viele später nie bekommen. Dies hat die Sonntagspresse am Wochenende berichtet.

Bankkonten einfach aufgehoben

Offenbar bestahlen die Vormundschaftsbeauftragten viele Verdingkinder – oder Banken hoben ihre Konten einfach auf, weil sie nachrichtenlos waren. Walter Zwahlen vom Verein netzwerk-verdingt beschreibt gegenüber SRF auch andere, dokumentierte Beispiele. So habe der Vormund eines Verdingkindes dessen Erbschaft in Höhe von 100'000 Franken für das Studium seiner eigenen Söhne verwendet. «Die Begünstigte ging leer aus.»

In einem anderen Fall habe die Patin eines Verdingkindes während Jahren ein Sparheft angelegt, auf dem am Schluss rund 20'000 Franken für die Ausbildung der jungen Frau lagen. Doch diese habe das Geld nie erhalten und erst kürzlich, bei der Einsicht in ihre Akten, von dem Sparheft erfahren, sagt Zwahlen.

«  Bei der Aufarbeitung kann eine riesige Arbeit auf die Schweiz zukommen.  »

Walter Zwahlen
Präsident netzwerk-verdingt

Zwahlen kann gegenüber SRF zwar keinen Gesamtbetrag nennen, um den die Betroffenen so betrogen wurden. Er spricht von «mehr als einer halben Million Verdingkinder, die es im 19. und 20. Jahrhundert in der Schweiz gab». Deshalb könnte die Summe der unterschlagenen Gelder sehr gross sein. «Von da her kann bei der Aufarbeitung eine riesige Arbeit auf die Schweiz zukommen und auch erhebliche Kosten.»

Zwar sei es inzwischen für Betroffene erheblich einfacher als früher, in den Archiven Einsicht in ihre Akten zu erhalten. Doch das reiche nicht aus. Sein Verein fordert seit längerem, dass die ganze Sozialgeschichte der Schweiz rund um die Verdingkinder minuziös aufgearbeitet wird. «Dann könnte man mit dieser üblen Geschichte einmal reinen Tisch machen», betont Zwahlen.

Kapitalverbrechen und sexueller Missbrauch

Er ist überzeugt, dass dabei «noch sehr viel ans Licht kommen» werde: So habe es viele Verbrechen gegeben; etwa seien Verdingkinder von einem jähzornigen Pflegevater erschlagen worden. «Das hat man als Unfall hingestellt.» Auch seien viele Knaben und Mädchen in Heimen sexuell missbraucht worden. Auf Bauernhöfen oder in achtbaren Familien sei es vorgekommen, dass junge Mädchen vom Bauern oder dem Patron geschwängert und dann davongejagt wurden. «Man hat sie erst noch als Huren beschimpft», sagt Zwahlen.

Er kritisiert vor allem das «schleppende Tempo», das die Schweiz bei der Aufarbeitung dieser dunklen Vergangenheit angeschlagen habe. «Man möchte gewisse Sachen immer noch unter dem Teppich halten oder bagatellisiert sie.» Zwahlen verspricht: «Wir werden weiterhin Druck machen.»