Verlässliche Zahlen zur Religionszugehörigkeit gesucht

Das Wissen darum, wie viele Christen, Muslime oder Juden in der Schweiz leben, ist in der politischen Auseinandersetzung rund um die Zuwanderung hoch brisant. Weil die bestehenden Statistiken lückenhaft sind, erarbeiten Luzerner Forscher nun eine zentrale Datenbank.

Symbolbild: Ein Rabbi, drei Pfarrer und ein Imam stehen nebeneinander, fotografiert von hinten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Wissen um den Anteil der verschiedenen Religionen an der Bevölkerung soll die Diskussion versachlichen. Imago

In der Schweiz ist das Bild ziemlich deutlich: Knapp 70 Prozent der Bevölkerung sind Christen, 23 Prozent konfessionslos, 5 Prozent Muslime. Das sind die Zahlen des Bundesamts für Statistik. Zwar dürften sie verlässlich sein, trotzdem sind sie nicht mehr ganz vollständig.

Bis zum Jahr 2000 konnten mit den Volkszählungen noch umfassende Daten erfasst werden, wie Antonius Liedhegener erklärt. Er ist Professor für Politik und Religion an der Uni Luzern. Für die letzten 15 Jahre sei die Religionszugehörigkeit aber nur noch für die Personen über 15 Jahre erfasst. «Wir wissen über die jüngere Bevölkerung in der Schweiz nicht, wie sie sich religiös zusammensetzt.»

Gute Datenlage

Trotz allem ist die Datenlage in der Schweiz im Vergleich mit anderen europäischen Ländern gut. So ist etwa Frankreich ein Paradebeispiel für unzulängliche Daten. Wegen der strikten Trennung von Staat und Kirche kümmere sich die Politik dort nicht um die Religion, sagt Liedhegener. Letztere spiele im Zusammenhang mit Volkszählungen denn auch keine Rolle.

Wer also etwas über die Religionszugehörigkeit der Franzosen wissen will, muss sich an Umfragen, Resultaten von Forschungsprojekten oder Angaben der Religionsgemeinschaften selber orientieren. Immer mit dem Vorbehalt, dass deren Zahlen nicht vollständig und verlässlich sein können.

Vergleichsgrundlage fehlt

Die Beispiele Frankreich und Schweiz zeigen, was für ganz Europa gilt: Die Erhebungen sind so unterschiedlich, dass für seriöse Vergleiche unter den Ländern die Grundlagen fehlen. Deshalb arbeiten Professor Liedhegener und sein Team an einer neuen zentralen Datenbank. Es ist eine so genannte Metadatenbank. Die Luzerner Forscher sammeln selber also keine Daten, aber sie bündeln die vorhandenen.

Auch das ergebe zwar nicht die perfekten Daten, räumt Liedhegener ein. Immerhin könne man aber viele Fehlerquellen ausschliessen und eine «plausibel» begründete Datenlage liefern.

Diskussion um Migration versachlichen

Warum aber ist es überhaupt wichtig noch genauer zu wissen, wie viele Menschen welchen Religionen angehören? Am Anfang sei die reine wissenschaftliche Neugier gestanden, Grundlagen für die Religionsforschung zu sammeln, sagt Liedhegener. Doch im Zusammenhang mit der Migration sei die Frage der Religionszugehörigkeit natürlich auch eine gesellschaftliche.

In den verschiedenen Erhebungen über Frankreich beispielsweise schwanke der Anteil der Muslime an der Bevölkerung zwischen drei und acht Prozent. Solche Unterschiede könnten für tendenziöse politische Anliegen benutzt werden. «Sehr schnell werden Zahlen zu politischen Instrumenten», sagt der Professor. Deshalb sei es Aufgabe der Wissenschaft, möglichst verlässliche Zahlen zu bestimmen und in den Diskurs einzubringen. Dies könne zur Versachlichung der Diskussion beitragen.

Die neue Datenbank gibt es erst seit einem Jahr und bislang haben sich die Forscher auf das Sammeln der Daten konzentriert. Nun geht es an die Auswertung. Diese Woche treffen sich dafür in Luzern erstmals internationale Experten. Ihr Ziel ist es, das Religionsdaten-Puzzle langsam aber sicher zusammenzufügen.