Verlierer gibt es auf beiden Seiten der Grenze

Die Abkoppelung des Frankens vom Euro durch die SNB trifft die Grenzregionen besonders hart. So leiden etwa Handel und Industrie im St. Galler Rheintal nahe der österreichischen Grenze massiv. Doch auch jenseits des Rheins machen sich die Auswirkungen bemerkbar.

Ein Zöllner durchsucht einen Kofferraum eines Autos, das voller Lebensmittel ist. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einkaufen im nahen Ausland hat seit dem Ende des Euro-Mindestkurses massiv zugenommen. Keystone

Grenzübergang St. Margrethen. Der Verkehr rollt – vor allem in Richtung Österreich. «Wir haben Detailhandelsgeschäfte an der Grenze, die früher von Kunden aus dem benachbarten Ausland profitiert haben», sagt Gemeindepräsident Reto Friedauer. Doch die kämen seit Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank SNB mitte Januar viel seltener.

Keine Österreicher Kunden mehr

Dies zeigt sich im Einkaufszentrum Rheinpark in St. Margrethen mehr als deutlich: Auf dem Parkplatz stehen keine Autos mit österreichischen Kennzeichen. Kommt hinzu, dass auch ein Teil der Schweizer Kunden fehlt. Viele kaufen lieber ennet der Grenze ein.

Andreas Aepli, der Leiter des Rheinparks, appelliert deshalb an die Solidarität seiner Kundschaft und verweist darauf, dass man das Geld dort ausgeben sollte, wo man es verdient: In der Schweiz.

Verdoppelung der Kunden aus der Schweiz

Schauplatzwechsel: Der Messepark, das grösste Einkaufszentrum im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Es wird derzeit besonders stark von Schweizern frequentiert. Sie kommen, weil die Waren hier billiger sind. Sie kaufen nach eigenen Angaben Lebensmittel, Schuhe, Kleider oder Kosmetika.

Schon vor der Aufhebung des Euro-Mindestkurses war jeder fünfte Kunde ein Schweizer. Jetzt seien es doppelt so viele, sagt der Leiter des Messeparks Dornbirn, Burkhard Dünser. «Der gesamte Handel und Tourismus im Vorarlberg sind im Moment sicher die grossen Nutzniesser», gesteht er. Für den Schweizer Handel sei dies aber «sicher keine gesunde Entwicklung».

Angestellte entlassen?

Schon fast existenzbedrohend sei die Lage, klagt das Transportunternehmen der Scherrer Textil-Logistik auf der Schweizer Seite des Rheins. Das Familienunternehmen in St. Margrethen beschäftigt 30 Mitarbeiter und transportiert mit seinen Lastwagen Textilien.

Erst nach und nach sei in den vergangenen Wochen klar geworden, welche Schäden die Aufhebung des Euro-Mindestkurses angerichtet habe, sagt Inhaber und Geschäftsleiter Andreas Scherrer. Bereits habe er zehn Prozent Preisnachlass gewähren müssen. Ob dies seinen Kunden reiche, damit er im Geschäft bleibe und ob es noch reiche, die Löhne zu bezahlen, werde sich erst noch zeigen.

Seine Grenzgänger in Euro auszuzahlen, wie das andere Betriebe angekündigt und bereits umgesetzt haben, kommt für Scherrer nicht in Frage. Der Spar-Effekt sei zu klein. Auch länger arbeiten für den gleichen Lohn ist für den St. Galler kein Thema. Man habe bereits alles ausgereizt. Am Schluss sei möglicherweise doch ein Stellenabbau unumgänglich.

Umsatz verlagert sich nach Österreich

Stellen streichen? Davon kann beim Möbelschreiner Hutle im össterreichischen Dornbirn nicht die Rede sein. Hier bauen zehn Angestellte Tische, Bücherregale oder ganze Küchen. Seit dem Euro-Absturz könne man sich vor Aufträgen aus der Schweiz kaum retten, sagt Geschäftsleiter Mathias Giesinger. Über 20 Prozent seines Umsatzes macht das österreichische Unternehmen inzwischen mit Schweizer Kunden, Tendenz steigend.

Hypotheken werden zur Belastung

Doch es gibt auch in Österreich eine Schattenseite des starken Frankens. Viele Hausbesitzer stehen nämlich plötzlich vor grossen finanziellen Problemen: In keinem anderen europäischen Land waren Kredite in Schweizer Franken in den letzten Jahren so beliebt wie in Österreich. Man schätzt, dass mehr als 150'000 Menschen für ihren Haus-oder Wohnungskauf Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen haben.

«Die Existenz dieser Leute ist zum Teil tatsächlich gefährdet», sagt Karin Hinteregger. Sie ist Leiterin des Konsumentenschutzes in der Arbeiterkammer Vorarlberg in Feldkirch. Das Telefon in ihrem Büro läuft heiss. Seit die SNB den Euro-Mindestkurs Mitte Januar aufgehoben hat, hätten mehrere Hundert Hausbesitzer um Rat angefragt. Die Konsumentenschützerin versucht bei jedem Fall auszuloten, ob Banken ihre Kunden allenfalls falsch beraten haben und ob man rechtliche Schritte in die Wege leiten kann.

Die Banken wollen sich den schwarzen Peter für diese riskanten Kreditgeschäfte in Schweizer Franken allerdings nicht zuschieben lassen. «Es war plötzlich ganz modern: Wer dabei sein wollte, brauchte einen Kredit in Schweizer Franken», sagt Wilfried Hopfner, Vorstandvorsitzender der Vorarlberger Raiffeisenbanken. Die Banken hätten sich lange gegen Hypotheken in Schweizer Franken gewehrt. Auch seien die Kunden «ganz intensiv» auf das Kursrisiko hingewiesen worden.

Grenzgänger bald unter Druck?

Die Auswirkungen des Euro-Absturzes in Vorarlberg und dem St. Galler Rheintal sind also äusserst unterschiedlich. Wie sich der Kurs langfristig entwickeln wird, ist ungewiss. Sicher ist indes: Verlierer gibt es auf beiden Seiten. Vermeintliche Gewinner nur auf einer.

Und auch dort – beim österreichischen Gewerbe – ist nicht nur Freude angesagt: «Langfristig gesehen bin ich im Zwiespalt», sagt der Dornbirner Messepark-Chef Dünser. 16'000 Vorarlberger würden als Grenzgänger in der Schweiz und in Liechtenstein arbeiten. «Wenn dort die Wirtschaft Probleme bekommt, mache ich mir auch ein bisschen Sorgen um die Arbeitsplätze meiner Vorarlberger.»