Volkswirtschaftliche Bilanz Von wegen Nichtsnutze: Zivis zahlen sich aus

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Zivildienst ist ökonomisch sinnvoll

Das Wichtigste in Kürze

  • Weil immer mehr junge Männer in der Schweiz Zivildienst leisten, hat die Armee – nach eigenen Angaben – ein Rekrutierungsproblem.
  • Deswegen hat Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann angekündigt, dass der Zivildienst unattraktiver werden soll.
  • Allein: Aus ökonomischer Sicht macht das wenig Sinn, wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung nahe legt.

Umfassende Studien zum volkswirtschaftlichen Nutzen des Zivildienstes gibt es in der Schweiz bisher nicht. Armando Bertozzi, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Vollzugstelle für den Zivildienst, hat auf Anfrage jedoch die wichtigsten Zahlen zusammengetragen. Das Resultat: «Der Nutzen des Zivildienstes übersteigt die Kosten klar.»

Eine Kosten-...

Bertozzis Rechnung ist relativ simpel: Die Zivildienstleistenden kosten, weil sie – wie Armeeangehörige auch – Erwerbsersatz erhalten. Viele Arbeitgeber ergänzen diesen Lohnersatz, so dass die Zivis keine Lohneinbussen erleiden. Dazu kommen die Kosten für den Vollzug, also für die Zulassung, Einteilung und Abrechnung des Zivildienstes.

Im Jahr 2014 beliefen sich die Kosten für die Schweizer Volkswirtschaft so auf rund 190 Millionen Franken. Fast 15'000 Zivis leisteten in dem Jahr rund anderthalb Millionen Tage Dienst.

Kosten-Analyse für 2014


Netto-Kosten

Militärversicherung

Erwerbsersatz

Total
Kosten
9.2 Mio. Fr.
+
5.7 Mio. Fr.
+178.5 Mio. Fr.
=193.4 Mio. Fr.

...Nutzen-Rechnung

Der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Tätigkeiten ist schwieriger zu berechnen. Bertozzi erklärt das Vorgehen: Für die Berechnung des Nutzens habe man die Diensttage der Zivis mit einem Durchschnittslohn für Hilfsarbeiten bewertet: «Die Einsätze unterstehen aber dem Gebot der Arbeitsmarktneutralität. Das heisst, sie dürfen keine Konkurrenz zum Arbeitsmarkt darstellen.»

Zivildienstleistender mit Jacke. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Beitrag für die Volkswirtschaft: Die Arbeit Zivldienstleistender zahlt sich buchstäblich aus. Keystone

Sprich: Für die Arbeiten, die Zivis leisten, fehlen in der Regel vergleichbare Löhne. Müssten Staat und Wirtschaft den Zivildienstleistenden jedoch einen solchen Hilfsarbeiter-Lohn von brutto 4800 Franken im Monat bezahlen, so hätten sie 2014 320 Millionen Franken hinblättern müssen.

Tatsächlich kosteten die Zivis nur die erwähnten 190 Millionen Franken. Glaubt man diesen groben Berechnungen, so überwiegt der volkswirtschaftliche Nutzen des Zivildienstes die Kosten also im Verhältnis 3:2.

Nutzen-Analyse für 2014


Tagesansatz
geleistete Diensttage
Total
Nutzen220 Fr.x1'460'149=321.2 Mio. Fr.

Christian Schober, Leiter des Kompetenzzentrums für Nichtprofitorientierte Organisationen an der Wirtschaftsuniversität Wien, hat Kosten und Nutzen des Zivildienstes in Österreich eingehend untersucht. «Die Schweizer Zahlen sind noch deutlicher als unsere für Österreich», sagt er.

Schober kann sich gut vorstellen, dass der Nutzen die Kosten in der Schweiz tatsächlich noch deutlicher übersteigen würde: «Vor allem, wenn man die nicht rein ökonomischen Aspekte berücksichtigt, sondern etwa auch die Freiwilligkeit oder die Erfahrungen, die Zivildienstleistende bei ihrem Einsatz sammeln.»

Die weichen Faktoren

Zivildienstleistende sammeln Erfahrungen, die für sie und auch die gesamte Volkswirtschaft wertvoll sein können. Gleichzeitig kommen Einsatzbetriebe kommen zu Leistungen, die sie zu Marktpreisen nicht kaufen könnten. Zum Beispiel, wenn ein Zivi neben seinen Betreuungsaufgaben dem Altersheim, in dem er Dienst leistet, nebenbei eine neue Webseite aufbaut.

Ganz zu schweigen davon, dass gerade ältere Menschen der Betreuung durch einen Zivi persönlich oft sehr hohen Wert beimessen. Viel volkswirtschaftlicher Nutzen also, der kaum ökonomisch erfasst werden kann. Bei allen Einschränkungen die vorhandenen Zahlen zeigen also klar: Volkswirtschaftlich gesehen lohnt sich der Zivildienst für die Schweiz.

Johann Schneider-Ammann will, das hat er kürzlich angekündigt, den Zugang zum Zivildienst erschweren. Der Grund: Die Armee bangt um ihre Bestände, weil immer mehr junge Männer anstatt Militär- Zivildienst leisten.

Der Wirtschaftsminister argumentiert dabei sicherheitspolitisch und nicht volkswirtschaftlich. Zu den Zahlen seines Amtes will er auf Anfrage aber keine Stellung nehmen.

Zulassungen Zivildienst Mit der Abschaffung der Gewissensprüfung 2009 stiegen die Zulassungen zum Zivildienst markant an. (Quelle: ZIVI)