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Schweiz Vor 45 Jahren: Der schlimmste Atomunfall der Schweiz

Das Streben nach Unabhängigkeit und Fortschritt trieb die Schweiz in den 1950er-Jahren an, ein AKW «Made in Switzerland» zu schaffen. Experimentiert wurde in der Anlage in Lucens (VD) – bis es am 21. Januar 1969 zu einem Atom-GAU kam. Es war der bislang grösste Reaktorunfall auf Schweizer Boden.

Es war ein Prestigeprojekt der Schweizer Industrie in den 1950er-Jahren: Das erste schweizerische Atomkraftwerk. Ein eigener Reaktor sollte in Energiefragen Unabhängigkeit bringen und den Weg für technische Neuerungen ebnen. Was als hoffnungsvolles Vorhaben begann, endete Jahre später mit einem folgenschweren Zwischenfall.

Bauarbeiter auf der Baustelle des Versuchsatomkraftwerks Lucens
Legende: Die Geschichte der Schweizer Atomtechnik hat mit dem Versuchslabor in Lucens (VD) ihren Anfang genommen. Keystone

In den 1950er-Jahren verfolgten zwei Industriegruppen sowie die Elektrizitätswirtschaft verschiedene Projekte für den Bau eines Schweizer Atomkraftwerks. Der Bund führte die drei Vorhaben schliesslich in einem nationalen Projekt zusammen: dem Versuchsatomkraftwerk im waadtländischen Lucens.

Bescheidenes Leistungsvermögen

Der Bau der Anlage begann Anfang der 1960er-Jahre. Der Versuchsreaktor wurde in eine Kaverne im Fels gebaut. Hier sollten acht Megawatt Strom «Made in Switzerland» produziert werden. Mit am Projekt beteiligt waren neben anderen Unternehmen Sulzer und die Brown Bovery BBC (später ABB).

Das Projekt war von Anfang an mit erheblichen Problemen konfrontiert: Wegen des damaligen Baubooms fehlte es immer wieder an Bauarbeitern. Zudem führten Wassereinbrüche in die Kaverne dazu, dass der Bau länger dauerte als geplant.

Grösseres Interesse an US-Reaktoren

Die Industrie verlor zunehmend das Interesse an einem «atomaren Alleingang». 1967 stieg Sulzer aus der Reaktor-Entwicklung aus. BBC hatte sich schon zuvor zurückgezogen. Anstatt auf den eigenen Reaktor zu warten, entschieden sich zudem Stromproduzenten für den Bau von AKW mit US-Reaktoren. Bereits 1965 begannen die Bauarbeiten für das AKW Beznau 1, mit einem Reaktor aus amerikanischer Fertigung.

Die verbliebenen Firmen stellten sich jedoch mit aller Kraft gegen das Ende von Lucens. 1968 wurde erstmals Strom ins Netz abgegeben. Daraufhin folgte eine längere Revisionsphase, bevor der Reaktor am 21. Januar 1969 wieder hochgefahren wurde.

Ein Mann bedient eine Maschine im Versuchsatomkraftwerk in Lucens
Legende: Die Betreiber nahmen 1969 einen stark beschädigten Reaktor in Betrieb. Die Folgen bleiben nicht aus. DRS

GAU – Felskaverne sofort versiegelt

In der Felskaverne deutete an jenem Morgen nichts auf Unregelmässigkeiten hin. Doch wie sich später herausstellen sollte, hatte sich bei der eben abgeschlossenen Revision in einigen Brennelementen Wasser angesammelt. Dies führte zu Korrosion, welche die Kühlung des Reaktors beeinträchtigte. Die Betreiber fuhren also – ohne dies zu wissen – einen stark beschädigten Reaktor hoch.

Kurz nach 17 Uhr dann die fatale Folge: Das Umhüllungsrohr von Brennstab 59 war so stark beschädigt, dass das Element schmolz und explodierte – radioaktives Material flog durch die Reaktorkaverne. Die Techniker hatten die erhöhte Radioaktivität gerade noch rechtzeitig festgestellt, sodass das Personal evakuiert und die Kaverne rechtzeitig verschlossen werden konnte. Unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung bestand nicht. Trotzdem zählt der Vorfall zu den weltweit schwersten Störfällen nichtmilitärischer Nutzung der Atomenergie.

Anti-AKW-Bewegung erst später

Und der Störfall war gleichzeitig das Aus für den Traum eines eigenen Schweizer Reaktortyps. Das Werk wurde stillgelegt.

Auf der sechsstufigen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) wird der Fall Lucens heute mit 4-5 (Unfall/ernster Unfall) eingestuft. In der Öffentlichkeit warf der Zwischenfall jedoch damals keine grossen Wellen. Der Widerstand gegen die Atomkraftwerke formierte sich erst in den 1970er-Jahren.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Weißenstadt
    Ein Kleinstaat wie die Schweiz kann AKW's überhaupt nur deshalb am Laufen halten, weil es Spezialisten aus dem Ausland, speziell aus D, abschöpft. Im übrigen beschleicht mich ein mehr als mulmiges Gefühl einen Kleinstaat der 5 AKW's betreibt als unmittelbaren Nachbarn zu haben.Wie von der Schweiz nicht anders zu erwarten, befinden sie sich allesamt beinahe direkt am angrenzenden Ausland und nicht im Innern der Schweiz, sofern man bei der CH-Größe überhaupt von einem "Innern" sprechen kann.
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    1. Antwort von Peter Meier, Baden
      hmm, ich bin der Meinung, dass Mühleberg und Gösgen nicht als grenznah bezeichnet werden können! Weiter wurden und werden die CH AKW ohne wesentliche Mengen Deutscher Spezialisten betrieben. Des weiteren erstaunt mich die Überheblichkeit in ihren Worten nicht wirklich!
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    2. Antwort von Marcel Chauvet, Weißenstadt
      @Peter Meier: Ich glaube, dass Sie, was Ihre Aussage betreffend CH-AKWs in Grenznähe betrifft, die Schule in Geographie geschwänzt haben. Grenznähe bedeutet hier die Nähe zu Frankreich oder Deutschland.
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  • Kommentar von Tom Duran, Basel
    Aha, die USA ist wieder mal Schuld? Also ich darf doch sehr bitten! Ausserdem handelte es sich keinesfalls um eine GAU (denn dann wäre die Region oder das ganze Land unbewohnbar). Es kam zu keiner Kernschmelze, nur umliegende Leitungen wurden zerstört! Klar, schön ist das nicht. Aber im Vergleich zu Tschernobyl und Fukushima war das nur ein kratzen an der Oberfläche. Ein typischer kleinschweizerischer Vorfall, der nun mit den grossen mithalten will (aber nicht kann). Kennen wir doch zu genüge!
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    1. Antwort von AO Mueller, St Galle
      Vor 45 Jahren gabe es eine gravierende Panne mit einer Versuchsanlage der damals neuartigen Kraftwerktechnologie, ohne Verletzte oder anderen Folgeschäden. Dieser Vorfall wird heute vom SRF zur gross aufgemachten Story hochstilisiert. Gehört zur ideologisierten Negativ-Image Pflege der heutigen Kernkrafttechnologie, mitgetrieben durch SRF. Ob man in 45 Jahren über die bisher 3 Toten und 80 schweren Unfällen allein beim Bau von Windkraftanlagen in der Nordsee auch eine solche Story machen wird?
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  • Kommentar von E. Waeden, H
    Also was ich betreffend Energiepolitik aus Deutschland so höre: Die Gewinnung über Erneuerbare wird gedrosselt, günstigeren Atomstrom will man nicht mehr, dafür wird die Energiegewinnung aus Braunkohle (viel CO2) gefördert. So betrachtet ist mir Atomstrom als Billig-Energie sympathischer. Aber beste Lösung wäre: Auf jedes Dach werden Solarzellen installiert, sodass sich jedes Haus mit Strom selber versorgen kann. Kleine Häuser, kleinere, grössere Häuser grössere Solaranlagen.
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