Was lief schief bei «Insieme»?

Heute erklärt die zuständige parlamentarische Kommission, was beim Informatikprojekt «Insieme» genau schief gelaufen ist. 100 Millionen Franken wurden bei diesem gescheiterten Projekt der Eidgenössischen Steuerverwaltung in den Sand gesetzt.

Symbolbild: Dutzende Kabel verbinden verschiedene Computer-Server. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei den IT-Projekten des Bundes die Übersicht zu behalten, ist nicht ganz einfach. Keystone

Das Projekt «Insieme» der Eidgenössischen Steuerverwaltung ist nicht der einzige, aber der bisher grösste Skandal rund um die Informatik-Beschaffungen beim Bund. Auch beim Staatssekretariat für Wirtschaft, bei der AHV-Ausgleichsstelle oder beim Bundesamt für Strassen kam es zu Problemen.

Dezentrale Ämter-Struktur

Die Ursachen für die IT-Debakel bei den Bundesbehörden ortet Matthias Stürmer vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern bei der Organisationsstruktur der Bundesverwaltung. Diese sei eine «Herausforderung» für komplizierte IT-Projekte.

Lange Zeit hätten die einzelnen Departemente oder gar jedes einzelne Bundesamt für sich allein nach IT-Lösungen gesucht. Dies sei meist unkoordiniert und ohne kompetente Steuerung passiert, sagt der Experte für IT-Beschaffungen.

Problem des Know-hows

Zudem sei die Verwaltung oftmals abhängig vom Know-how der externen Berater und Anbieter. Wenn man mit jemandem gute Erfahrungen gemacht habe, dann erteile man ihm auch Folgeaufträge, ohne diese wieder neu auszuschreiben.

Solche freihändigen Vergaben seien aber problematisch, sagt Stürmer. «IT-Firmen haben einen Anreiz, dass sie die Verwaltung abhängig machen von ihren Produkten.» So folgten fast unweigerlich weitere Aufträge nach. Denn die freihändige Vergabe von Aufträgen sei dann vorgesehen, wenn eine technische Abhängigkeit vorliege. «Wenn das IT-Management nicht die Finger draufhält, passiert das genau so», sagt Stürmer.

Dabei werde oftmals der Wettbewerb ausgeschaltet, neue Anbieter blieben chancenlos. «Für die klassischen Produkte wie Datenbanken oder die Windows-Palette herrscht kein signifikanter Wettbewerb mehr», stellt Stürmer fest. Nur für neue IT-Anwendungen wie derzeit etwa Cloud-Dienste herrsche ein Wettbewerb unter den Anbietern.

Abhängigkeiten überdenken und mehr Kontrolle

Was sind die Lehren aus dem IT-Skandalen beim Bund? «Die Abhängigkeiten müssen bewusst kontrolliert und überdacht werden, wenn sie neu abgeschlossen werden», sagt der Beschaffungsexperte. Es gebe auch die Möglichkeit auf Open-Source-Software zu setzen, die von vielen verschiedenen Dienstleistern angeboten würden. Zudem müsse die Kontrolle bei grossen Projekten verbessert werden. «Da ist die Bundesverwaltung auf gutem Weg, es wurden schon viele Lehren aus dem «Insieme»-Skandal gezogen», so Stürmer.

Tatsächlich will der Bundesrat künftig alle erteilten Aufträge von mehr als 50'000 Franken veröffentlichen. Denn mehr Transparenz im IT-Beschaffungswesen tut not, es geht um viel Geld: Bis zu drei Milliarden Franken geben Bund, Kantone und Gemeinden jedes Jahr für Beschaffungen, Beratungen und Dienstleistungen in der Informatik aus.