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Schweiz Weniger spritzen bei gleicher Ernte – geht das?

Die Schweizer Bauern sollen die Pestizide weiter zurückfahren, ohne Ertragsausfälle zu erleiden. Der Bund arbeitet zurzeit an einem neuen Aktionsplan zum verbesserten Schutz der Natur. Der Bauernverband ist skeptisch und verlangt zuerst mehr wissenschaftliche Nachweise.

Spätestens seit dem Bienensterben ist der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft umstritten. Bereits hat die Schweiz gewisse dieser chemischen Spritzmittel aus dem Verkehr gezogen. Doch Umweltschützer fordern eine noch strengere Handhabe. Denn gelangen Pestizide in Bäche, leidet eine Vielzahl von Kleinlebewesen darunter.

Ein Feld wird besprüht.
Legende: Pestizide: Bei einem Verzicht auf die Sprühmittel würden die Erträge um einen Drittel sinken. Keystone

Es ist der Regen, der die Pestizide aus den Feldern in die Bäche schwemmt – im Frühling und im Sommer. Und erst seit kurzem wissen die Forscher, dass in sieben von zehn Bächen im Mittelland die Pestizid-Werte zu hoch und oft weit über dem Grenzwert liegen.

Was verträgt ein Bachflohkrebs?

Die Forscher haben es in den Bächen mit einem Cocktail von bis zu hundert Pestiziden zu tun, die auf eine Vielzahl von Kleinstlebewesen einwirken. Fakt ist: Die kleinen Tiere werden beeinträchtigt und diese kleinen Tiere bilden die Nahrung für grössere Tiere wie etwa die Fische.

Umweltchemiker Christian Stamm von der ETH-Forschungsanstalt Eawag führt als Beispiel den Bachflohkrebs an. Der Nachweis allerdings, wann das erträgliche Mass überschritten ist, sei hier wie auch bei den Bienen extrem schwierig zu erbringen. «Ist es bereits ein Problem für das Ökosytem, wenn ein solcher Bachflohkrebs für eine gewisse Zeit etwas gelähmt ist?», illustriert Stamm die Fragestellung.

BLW: Wir können besser werden

Für Eva Reinhard vom Bundesamt für Landwirtschaft ist klar, dass sich etwas ändern muss. Als Vizedirektorin prüft sie zurzeit ein Papier aus den Reihen der Grünliberalen, das einen Aktionsplan für weniger Pestizide vorschlägt.

Reinhard würdigt den Plan bereits heute positiv und zeigt sich überzeugt: «Wir können besser werden und werden jetzt sehen, wo und wie wir am effizientesten zu einer nachhaltigen Landwirtschaft gelangen können.»

Erträge sollen nicht sinken

Es gibt viele Ideen: Niedrigere Dosierungen, grössere Spritzabstände zu den Gewässern oder finanzielle Anreize, um besonders giftige Produkte möglichst zu vermeiden.

Mit Blick auf die Produktion müsse aber behutsam vorgegangen werden, räumt Reinhard ein und stellt fest: «Ohne Pflanzenschutzmittel hätten wir im Schnitt mindestens 30 Prozent weniger Ertrag.» Es sei aber wichtig, dass die Bauern gleichviel Nahrungsmittel produzieren könnten wie bisher.

Bauernpräsident fordert klare Beweise

Skeptisch zeigt sich der Präsident des Bauernverbandes, Markus Ritter. Er will nicht, dass die Bauern weniger Pestizide einsetzen müssen, bevor nicht hieb- und stichfest bewiesen ist, wie schädlich sie sind.

Ritter spricht von «Vermutungen»: «Wir können aber nicht den klaren Nachweis erbringen, welche Mittel genau welche Schädigungen bei welchen Kleinlebewesen wie etwa den Bienen hervorrufen.»

Bafu: Starke Indizien für Schädlichkeit

Auch im Bundesamt für Umwelt will man die Vor- und Nachteile von weiteren Pestizid-Verboten genau abwägen. Man dürfe aber nicht zu zögerlich sein, sagt Stefan Müller, Abteilungsleiter Wasser beim Bund.

Denn genaue Untersuchungen etwa im Kanton Zürich zeigten deutlich, dass die Biologie der Gewässer zum Teil sehr stark beeinträchtigt sei: «Das sind schon sehr starke Indizien, dass die Pestizide eine grosse Rolle spielen und ein Zusammenhang gegeben ist.»

Das sehen die Umweltverbände natürlich auch so und sie verlangen, dass sich die Schweiz wie einzelne EU-Staaten hohe und klar messbare Ziele setzt, um die Gewässer wieder sauberer zu machen. Bei einem Teil der Bauern stossen WWF, Greenpeace und Pro Natura damit durchaus auf offene Ohren.

IP Suisse meldet gute Erfolge

Die IP-Suisse-Bauern – immerhin ein Drittel aller Bauern – haben in Zusammenarbeit mit den Grossverteilern den Einsatz gewisser Spritzmittel beim Getreide schon deutlich eingeschränkt: «Wir können mit anderen Massnahmen die Pflanzen gesund erhalten und einen sehr guten Ertrag erreichen», betont Geschäftsführer Fritz Rothen.

So pflanzen die IP-Suisse-Bauern resistentere Weizensorten an, setzen im Jahr danach Kartoffeln und später sähen sie Gras – erst dann wieder Weizen.

Wie es bei den anderen Bauern weitergeht ist noch nicht klar. Im April wollen die Behörden zusammen mit den Landwirten die Arbeit am Aktionsplan starten.

(brut;snep)

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7 Kommentare

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  • Kommentar von H. Krzak, Edertal
    Es erstaunt, wie sehr sich die allermeisten Bauern von der Chemieindustrie haben vereinnahmen lassen. Wo ist die Bauernschläue geblieben ? Mit entsprechenden Ernteverfahren, gezielten Düngemaßnahmen sowie mit geeigneten Fruchtfolgen sind Pestizide schlicht überflüssig. Warum Geld dafür zur Agrochemie überweisen ? Es kann im eigenen Geldbeutel bleiben. Gesundheit, Luft ohne Abtrift und sauberes Wasser gibt's gratis.
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  • Kommentar von Manfred Gerber, Viernheim
    Sehr viele Pflanzenschutzmittel könnten alleine durch alkalische Blattdünger wirkungsvoll ersetzt werden. Löschkalk wird von Pflanzen benötigt und gut vertragen. Dieses natürliche Düngemittel hat die gleiche Wirkung wie gewöhnliche Kontaktfungizide und diverse Insektizide. Die Nebenwirkung beruht auf den hohen pH-Wert (12,4), der nach etwa 2 Std neutralisiert wird. Die Methode der alkalischen Blattdüngung wurde an der Universität Hannover getestet und in Dissertationen bestätigt.
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  • Kommentar von Binder Marc, illnau
    Die Hälfte der Bevölkerung nimmt während 20 bis 30 Jahren regelmässig die Pille. Haben wir nun das Gefühl diese Dinger seien einfach weg. Die Hormone werden genau so ausgeschieden wie alles andere auch. Und diese Hormone belasten die Faune bestimmt ebenso. Es ist übrigens auch nicht erwiesen das diese Hormone nicht letzten Endes über den Wasserkreislauf den Weg zurück zum Absender finden. Das würde dan heissen das wir die Pille bereits trinken.
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