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Passagiere steigen in Berlin in einen Flixbus ein, 20. Mai 2015.
Legende: Allein Flixbus wird dieses Jahr über eine Million Passagiere über die Grenze nach Deutschland transportieren. Reuters
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Schweiz Wenn der Bus die Bahn ausbremst

Immer mehr Menschen kehren der SBB den Rücken, wenn sie ins Ausland fahren. Denn Fernbusse sind deutlich günstiger als der Zug. Der Bahnverkehr gerät damit immer stärker unter Druck – nun wird auch die Liberalisierung des Busverkehrs in der Schweiz zum Thema.

Ein grosser Kiesplatz, am Rand von Bern. Von der Autobahnausfahrt her rollt ein Reisecar quer über den Platz, direkt auf den Container zu, wo man Tickets kaufen kann bei Natascha: «Er fährt jetzt nach Rumänien. Aber die Busse bedienen ganz Europa – Spanien, Portugal, Frankreich, Holland, Kroatien, Serbien, Bosnien, Slowakei und so weiter.»

Die meisten Passagiere, die hier warten, wollen nach Deutschland. Ein Student zum Beispiel, der ursprünglich aus Guatemala kommt, will nach zurück nach Heidelberg: Er lebt in Heidelberg und besucht einmal im Monat seine Mutter in Bern. Für diese Fahrt zahlt er 17 Euro – mit dem Zug wären es 80 Euro, sagt er.

Die SBB will aufschliessen

Die extrem günstigen Preise locken immer mehr Passagiere an. Im Vergleich zum letzten Jahr rechnet Flixbus, das derzeit grösste Unternehmen, mit 50 Prozent mehr Passagieren. Auf der Strecke Zürich-München ist der Bus für die Bahn sogar eine so grosse Konkurrenz geworden, dass SBB und Deutsche Bahn eine eigene Fernbus-Linie einrichten mussten, um nicht zu viele Kunden an die Busse zu verlieren.

SBB-Sprecher Reto Schärli muss eingestehen, dass die Bahn derzeit schlecht abschneidet: «Im Moment ist der Bus schneller. Aber wenn die Strecke in rund vier Jahren durchgehend elektrifiziert sein wird, werden wir die Bahnangebote weiter ausbauen.» Dann brauche es diesen Intercity-Bus aus Sicht der SBB nicht mehr, meint Schärli.

Kein Platz im Schweizer Netz

Innerhalb der Schweiz ist es den Fernbussen untersagt, die Linien des öffentlichen Verkehrs zu konkurrenzieren. Aber zum Beispiel auf der Strecke Zürich – Basel Flughafen, wo die Fernbusse 10 Mal pro Tag verkehren, wird kaum kontrolliert, ob nicht Passagiere schon in der Stadt Basel den Bus verlassen.

Den SBB ist das ein Dorn im Auge: «Aus Sicht der SBB muss das Verbot unbedingt eingehalten werden. Es ist unserer Ansicht nach wichtig, dass die Spiesse gleich lang sind», so SBB-Sprecher Schärli. Denn der öffentliche Verkehr in der Schweiz zahle anständige Löhne und baue für Milliarden von Franken die Bahnhöfe aus, damit sie behindertengerecht würden – all dies mache die Fernbussbranche nicht.

Offener Konkurrenzkampf im Ausland

In Deutschland und Frankreich ist der Fernbusverkehr liberalisiert. Auch in der Schweiz ist nun eine Motion aus FDP-Kreisen hängig, die dies auch für die Schweiz fordert. Aber die Schweiz sei mit dem öffentlichen Verkehr bereits so gut erschlossen, dass das keinen Sinn mache.

Das sagt kein Vertreter der Linken, sondern SVP-Mann Walter Wobmann, der auch Präsident der privaten Postauto-Unternehmer ist: «Das Interesse wäre gar nicht vorhanden. Schlussendlich besagt der Gesetzauftrag ganz klar, dass die Randregionen beim öffentlichen Verkehr versorgt werden müssen.» Wobmann glaubt nicht, dass die Motion politisch eine Chance hat: «Der Widerstand wäre von links bis rechts sehr gross.»

Diskussion um Liberalisierung kommts ins Rollen

Vor zwei Jahren hat zwar der Nutzfahrzeugverband Astag die Liberalisierungsdiskussion auch angestossen, heute tönt es aber sehr zurückhaltend. Stefan Huwyler vom Astag sagt zur FDP-Motion: «Es gibt dazu kein offizielles Statement des Verbandes dazu. Grundsätzlich vertritt der Vorstoss eine Haltung, wie wir sie damals auch vertreten haben – ideologisch ist er sicher in unserer Stossrichtung.»

Ideologisch würde sie passen die Liberalisierung, aber die Carunternehmen in der Schweiz hätten schlicht kein Brot gegen die Billigkonkurrenz aus dem Ausland – das ist allen klar.

Auch der 71-jährige Rentner, der in Bern auf seinen deutschen Fernbus wartet, hält eine Liberalisierung in der Schweiz schlicht für unmöglich: «Mit den Löhnen, die wir in der Schweiz zahlen, können sie einfach nicht konkurrenzfähig sein. Die meisten ihrer Fahrer sind Osteuropäer; sie fahren gut, keine Diskussion.»

Gut aber zu sehr niedrigen Löhnen eben. Der Rentner muss los: «Ich will nach Freiburg im Breisgau und von dort weiter nach Lübeck.» Er nimmt seinen Rollkoffer in die eine, sein supergünstiges Ticket in die andere Hand und steigt in den Bus.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Michelle Frick  (michelle16)
    Nicht nur die preise sind bei den bussen ein vorteil, sondern auch die umsteigerei bei den zügen. Da muss nur der eine zug verspätung haben und der anschlusszug ist weg. Beim bus gibts kein umsteigen und man muss auch weniger angst haben, dass man im bus ausgeraubt wird, wenn man schläft. Und die wc's sind in den bussen auch etwas sauberer. Der einzige vorteil bei der bahn: weniger unfälle
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    1. Antwort von Thomas Wieder  (Thomas W.)
      Je nach Destination muss man auch beim Bus umsteigen.
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    2. Antwort von Mike Steiner  (M. Steiner)
      weniger Unfälle wären für mich nicht einfach eine Randerscheinung, sondern ein starkes Plus zu Gunsten der Bahn. Genauso wie Planungssicherheit wegen fehlender Staus (das macht dann auch schon mal mehr als eine Stunde aus). Ein anständiges Bordrestaurant auch. Also eigentlich... wüsste ich nicht, warum man sich einen Fernbus antun sollte...
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    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Der Zug ist wesentlich komfortabler als ein Fernbus. In der Regel warten die Züge die Anschlüsse ab, was bei den viel häufigeren Verspätungen der Fernbusse nicht gegeben ist. Darum: der Kluge fährt im Zuge!
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  • Kommentar von Patric Huber  (Patric Huber)
    Es ist wie im schweizer Tourismus... Lieber auf die anderen schauen, als sich selber zu überdenken!!! Da mit Mobility Pricing (Sch.... Anglizismen) demnächst auch noch die Pendler in die Pfanne gehauen werden muss sich niemand fragen warum die Strassen dann noch mehr verstopft sein werden. Ob mit einem sparsamen Auto im Stau oder wegen einer Störung auf den Zug wartend macht dann weder preislich noch zeitlich einen Unterschied....
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  • Kommentar von Thomas Wieder  (Thomas W.)
    Der ÖV in der Schweiz ist Weltspitze und das hat seinen Preis. Wenn ich mich auf rentable Verbindungen beschränke, ist es kein Problem, eine Buslinie zu betreiben. Die modernen Fahrzeuge sind sehr wirtschaftlich und das Personal günstig. Das kann man prima Gewinn erwirtschaften. Und was machen die Provinzbewohner wie ich? Da ist man dann wieder froh um die verschmähten gelben Busse oder die Züge der SBB. Gewinne privatisieren und Unkosten verstaatlichen. Nix wirklich Neues.
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