Wie der Lehrplan 21 vom Konsens zum Zankapfel geworden ist

Vor rund 10 Jahren haben sich die Schweizer für eine Harmonisierung des Schulsystems ausgesprochen. Mit dem Lehrplan 21 setzen die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone diese Idee um. Die öffentliche Diskussion ist aber alles andere als harmonisch.

Tafel, auf der gewischt wird. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eigentlich eine gute Ausgangslage: 2006 haben 86 Prozent des Stimmvolkes den neuen Bildungsartikeln zugestimmt. Colourbox

Eine grosse Mehrheit stimmte 2006 der Vereinheitlichung der Volksschulen zu. Der neue Bildungsartikel 62 gelangte in die Bundesverfassung; er verlangt die Harmonisierung der Volksschulen.

Vor diesem Hintergrund schlossen sich im Jahr 2010 21 Kantone zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu definieren und um Synergien zu nutzen. Das Resultat wurde im Herbst 2014 zur Einführung freigegeben: der erste gemeinsame Lehrplan für die Deutschschweiz, der Lehrplan 21 (LP21).

Während vier Jahren, in Zusammenarbeit mit Kantonen, Fachpersonen und Lehrerschaft, war ein 470-seitiges Werk enstanden. Im Zentrum steht der Erwerb von Kompetenzen. Diese sind zum Beispiel wie folgt formuliert: «Schülerinnen und Schüler können ihr Leseverhalten reflektieren: Wann und wo lesen sie was?» 362 weitere Kompetenzen sind in 2‘300 Kompetenzstufen beschrieben.

«JA zu einer guten Bildung»

Die Kritiker liessen nicht lange auf sich warten. Bereits vor Freigabe des LP21 fordert die Aargauische Volksinitiative «JA zu einer guten Bildung, NEIN zum Lehrplan 21». Gemäss dem Argumentarium erreiche der kompetenzorientierte LP21 das «Bildungsziel niemals».

Nicht nur im Kanton Aargau sind die kritischen Stimmen laut, in mehr als der Hälfte der 21 Kantone wurden Initiative gestartet. Hauptkritikpunkte sind die fehlende öffentliche Diskussion, der Fokus auf den Erwerb von Kompetenzen anstatt von klassischem Schulstoff sowie der Umfang des Lehrplans und der damit verbundene Eingriff in die Methodenfreiheit der Lehrer.

«Wir haben damals unter dem Harmos Artikel über die Harmonisierung abgestimmt. Was wir jetzt haben, ist eine komplette Steuerung des Unterrichts», fasst Alain Pichard zusammen, Lehrer in Orpund BE und Initiant eines Memorandums, in dem Lehrkräfte schweizweit die umfassende Überarbeitung des Lehrplanes 21 fordern.

Ein Fachthema für Fachleute

Im Gegensatz zu anderen Kantonen ist der Lehrplan 21 in Glarus unbestritten. Der Unterricht hätte sich unabhängig von der Einführung des LP21 verändert, sagt Samuel Zingg, Co-Präsident des Lehrerverbandes Glarus. Der einzelne Schüler würde immer mehr im Vordergrund stehen, was bereits zu Anpassungen in der Lehrmethodik geführt hätte. «Mit der Kompetenzorientierung bietet der Lehrplan 21 nun die Chance, dieser Fokussierung gerecht zu werden und die Stärken und Schwächen der Schüler bewusster anzugehen.» Diese Meinung teilt Samuel Zingg mit dem gesamten Glarner Lehrerverband.

Der Lehrplan 21 wird sicherlich Veränderungen mit sich bringen. Gemäss Angaben auf dem Online-Portal «Lehrplan 21» waren die Betroffenen jedoch von Anfang an Teil dieses Veränderungsprozesses. Der Lehrplan sei in mehreren Schritten und unter Einbezug aller Interessengruppen entstanden.

Ungeachtet der Kritik und des Ausgangs der gestarteten Initiativen haben die ersten Kantone begonnen, ihre Lehrmittel anzupassen. Gleichzeitig haben sie Budgets bewilligt, und sie bereiten ihre Lehrer auf den Lehrplan 21 vor.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 04.01.2016 22:25

    ECO
    Zwischen Bildung und Bilanzen – Schule als Business

    04.01.2016 22:25

    Schulen sind längst nicht mehr nur öffentliche Bildungsinstitute. Mit Schulen lässt sich viel Geld verdienen. Bildung gilt international als starker Wachstumsmarkt. Analysten sprechen schon heute von einem Volumen von 5,6 Billionen US-Dollar. «ECO» zeigt, wer daran verdient.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Lehrplan 21: Lehrmittelverlage streiten um Millionen-Aufträge

    Aus ECO vom 4.1.2016

    Zu den Profiteuren des Lehrplanwechsels gehören die Verlage, die neue Lehrmittel herstellen. In diesem Markt kämpfen fünf kantonale Lehrmittelverlage und Private mit ungleichen Spiessen. Denn das Rennen machen Lehrmittel, die von den Kantonen für obligatorisch erklärt werden. Privatverlage kritisieren, dass Kantone wie Zürich und St. Gallen für die Werke ihrer eigenen Verlage eine Absatzgarantie geben.