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Schweiz Wie umgehen mit suizidgefährdeten Patienten?

«Dieser Zug fällt aus – Grund ist ein Personenunfall». Wer öfters Zug fährt, kennt diese Durchsage. Wie Schienensuizide verhindert werden können, damit beschäftigen sich auch psychiatrische Kliniken, zum Beispiel die Klinik Königsfelden in Windisch. Dort werden verschiedene Massnahmen angewandt.

Die Klinik Königsfelden in Windisch ist ein stattlicher Bau inmitten einer grosszügigen Parkanlage.
Legende: In der psychiatrischen Klinik Königsfelden in Windisch bespricht das Personal jeweils Massnahmen gegen Schienensuizide. Alex Moser

Das Zughorn ertönt aussergewöhnlich lange – ohne Unterbruch – dann folgt Stille. Die Gewissheit folgt einige Minuten später – nämlich dann, wenn die Sirenen der Rettungskräfte ertönen.

Sogenannte Schienensuizide kommen zwischen Turgi und Brugg (AG) häufiger vor als andernorts, denn hier liegt die Psychiatrische Klinik Königsfelden. Urs Hepp ist hier Chefarzt und einer der führenden Suizidspezialisten der Schweiz: «Es ist jedesmal schrecklich, wenn ein Suizid geschieht.»

Sowohl für die Mitarbeitenden wie für die Patienten sei das äusserst belastend. «Wir müssen die Patienten ja informieren, man kann's nicht verheimlichen», stellt Urs Hepp klar. «Wir müssen aber auch schauen, dass dies nicht zu Nachahmungssuiziden führt.»

Gespräche mit Team und Patienten

Nachahmungssuizide sind auch der Grund, weshalb das Thema in den Medien nur selten Platz findet. In der Psychiatrischen Klinik Königsfelden ist die Situation noch heikler, denn hier befinden sich besonders viele suizidgefährdete Menschen.

Je nach Gemütszustand der Patientengruppe müsse man anders reagieren, sagt Hepp. «Wir diskutieren im Team, wer von den Patienten speziell gefährdet sein könnte», erklärt der Chefarzt. Je nach Ergebnis der Gespräche folgten rigide Massnahmen: «Allenfalls muss eine Station vorübergehend geschlossen geführt werden, um zu verhindern, dass es weitere Suizide gibt.»

Suizidale Krisen sind häufig zeitlich sehr begrenzt. Sie können wenige Minuten, vielleicht eine Stunde dauern.
Autor: Urs HeppChefarzt Psychiatrische Klinik Königsfelden

Neben Gesprächen gibt es aber auch ganz praktische Massnahmen, die in Königsfelden helfen, Suizide zu verhindern. Beispielsweise ist die Bahnlinie im Umfeld der Klinik von Zäunen umgeben. Die kann man zwar übersteigen, aber solche Hindernisse machten trotzdem Sinn, argumentiert Urs Hepp: «Suizidale Krisen sind häufig zeitlich sehr begrenzt. Sie können wenige Minuten, vielleicht eine Stunde dauern.» So könne jede Zeitverzögerung dazu führen, dass sich jemand nochmals Gedanken macht und vielleicht von der Idee weg kommt, sich das Leben zu nehmen.

Auch technische Massnahmen könnten helfen

Auch die SBB könnte hier mehr tun, glaubt Urs Hepp. Das ganze Schienennetz könne man natürlich nicht sichern, aber beispielsweise Bahnhöfe, wo sich Menschen häufig umbringen. Dort könne man mit wenig viel erreichen. «Zum Beispiel mit Bewegungsmeldern, mit Flutlicht oder akustischen Signalen könnte man verhindern, dass Leute sich den Geleisen nähern», sagt der Suizidspezialist. Man könnte aber auch mit Videoüberwachung arbeiten, «um zum Beispiel Züge zu stoppen, wenn sich jemand in der Nähe der Geleise aufhält».

Ein Signal, ein Licht, eine Stimme genüge manchmal schon, um Menschen in dieser Krise von ihrem letzten Entscheid abzubringen. Die SBB hat das Problem erkannt: An einer Fachtagung am Mittwoch sind nämlich auch bauliche Massnahmen zur Verhinderung von Suiziden ein Thema.

Unterstützung holen

Die «Dargebotene Hand» ist rund um die Uhr da für Menschen, die ein helfendes und unterstützendes Gespräch benötigen.

Kontakt über Telefonnummer 143 oder über die Homepage.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Léonie Kaiser, Zürich
    Eine schwierige Lebenssituation löst oft grosse Trauer aus. Nach einem Schicksalsschlag verläuft das Leben dann ganz anders, als man es sich gewünscht hat. Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Einige erstarken nach traumatischen Erfahrungen sogar und entwickeln ungeahnte Kräfte. Es gibt Literatur, die hilfreich sein kann, wie man Trauererlebnissen in sein Leben einordnen kann - bspw. von Katharina Ley: «Die Kunst des guten Beendens» oder von George A. Bonanno: «The other side of sadness».
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  • Kommentar von Stefan Buttliger, Interlaken
    Ich begreife Selbstmord als spirituellen Fehler... Das Leben auf diesem Planeten scheint als Weg, den wir gehen müssen - doch, um die Aborigines zu zitieren: "Wir kamen freiwillig hierher - wer soll uns verbieten, freiwillig wieder zu gehen? Unsere Seele lebt ewig - und es gibt im Universum viele Orte, an denen eine Seele Gestalt annehmen kann - denn nur in Gestalt, ist die Seele fähig, zu fühlen..." Darum: Lebt und fühlt das Leben - jetzt! - für die reisende Seele ist "Zeit" kein Begriff...
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  • Kommentar von M. Fischer, Buchs
    Selbströtungen gab es schon immer, und wird es auch künftig geben. Wir -die lebenden- müssen für unserem eigen wohl, den Suizid Gefährdeten ein Angebot machen was den öffentlichen Suizid übertrifft. Das wird nicht einfach sein, den die Scheine/Strasse/Brücke fragt nicht, stellt keine Bedingung, und ist zudem schnell & kostenlos. Die aktuelle Sterbehilfe müsste dies alles auch erfüllen, und könnte zusätzlich mit einem «sauberen» Tod trumpfen. Ohne die lebenden zu schädigen.
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    1. Antwort von J.Baltensperger, Zürich
      Sie vermischen zwei Dinge: Sterbehilfe ist für unheilbar kranke Menschen, welche sich ein schmerzvolles Ende ersparen wollen. Ein Suizid geschieht in den wenigsten Fällen aus demselben Motive sondern aus Verzweiflung/psychischer Erkrankung, welche durchaus heilbar sind.
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