Wie verlässlich sind die Zukunfts-Szenarien des Bundes?

Wo steht die Schweiz im Jahr 2030? Dieser Frage hat sich ein Expertenteam angenommen und für den Bundesrat den Bericht «Perspektiven 2030» erstellt. Doch wie zuverlässig treffen solche Szenarien ein? Rückblende ins Jahr 1998, als der letzte Zukunftsbericht herauskam.

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«Perspektiven 2030»

Die Schweiz ist im Jahr 2030 ein Auswanderungsland, die Arbeitslosigkeit steigt und die Alterung der Bevölkerung setzt den Sozialstaat unter Druck. Dies ist eines von vier Szenarien, welche der Perspektivstab des Bundes ausgearbeitet hat. Mit dem Bericht sollen Chancen und Risiken für die Bundespolitik in den nächsten 15 Jahren aufgezeigt werden.

1998 war die Welt noch weniger kompliziert. Jedenfalls präsentierten die Zukunftsforscher der Bundesverwaltung damals nicht vier Szenarien wie heute, sondern wagten eindeutige Prognosen. Und lagen damit halt da und dort fulminant daneben.

Etwa bei den Gesundheitskosten. Im Zukunftsbericht von 1998 wurden noch «mittel- und langfristig kostendämpfende Wirkungen erwartet» – dank neuen Versicherungsformen, neuem Arzttarif und den Fallpauschalen. Tatsächlich kletterten die Kosten seit damals jedoch unaufhaltsam nach oben, von 40 Milliarden auf 68 Milliarden Franken – ganze 70 Prozent teurer wurde das Schweizer Gesundheitswesen seit 1998. Gedämpft wurden seitdem eigentlich höchstens die Hoffnungen auf günstigere Prämien.

EU-Mitgliedschaft als Ziel

Auch europapolitisch präsentierte sich die Lage Ende der 1990er-Jahre offenbar zu unübersichtlich für eine treffsichere Prognose. Der Bericht entstand, bevor Bern und Brüssel die Bilateralen I unterzeichneten.

Als Ziel sah der Zukunftsbericht des Bundes aber ohnehin die EU-Mitgliedschaft, denn: «Immer mehr erweist sich das Abseitsstehen der Schweiz als Nachteil. Selbst bei einem erfolgreichen Abschluss der bilateralen Abkommen, bleiben Standortnachteile für Schweizer Unternehmen bestehen.» Wer heute in der Schweiz lauthals den EU-Beitritt fordert, riskiert politischen Selbstmord.

Daneben lagen die Zukunftsforscher auch bei der Zuwanderung. Mit einem grösseren Ansturm in die Schweiz rechneten sie nicht: «Bisherige Erfahrungen innerhalb der EU zeigen, dass die Wanderungsbewegungen zwischen den Mitgliedsländern gering geblieben sind.»

Hinterher weiss man immer mehr: Von knapp 20'000 auf 65'000 Personen stieg die Nettozuwanderung aus EU-Staaten seit Einführung der Personenfreizügigkeit.

Treffer bei der Raumplanung

Auch den Energieverbrauch unterschätzte der Zukunftsbericht: Seine Verfasser prognostizierten, «dass der Endenergieverbrauch sowohl mittelfristig bis 2010, als auch langfristig stabilisiert oder leicht gesenkt werden kann». Als stabil erwies sich jedoch nur das Wachstum beim Verbrauch – seit 1998 stieg der Energiekonsum um rund sechs Prozent.

Einen Treffer landeten die Zukunftsforscher dafür bei der Raumplanung. «Zersiedelungstendenzen akzentuieren sich», prognostizierten die Verfasser schon 1998. Daraus leiteten sie freilich eine ebenso rabenschwarze wie falsche Prognose ab: «Die Kernstädte sind zum Teil zu Problemgebieten geworden. Ohne Gegenmassnahmen droht der zunehmende Zerfall der Kernstädte.»

Baustelle im Vordergrund, Prime Tower im Hintergrund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Von wegen Zerfall: Die Innenstädte wurden in den letzten 15 Jahren mehrheitlich aufgewertet. Keystone

Eingetreten ist ziemlich genau das Gegenteil: Die Kernstädte sind regelrecht aufgeblüht, ganze Quartiere wurden aufgewertet, günstige Wohnungen sind Mangelware.

Prognosen sind schwierig – besonders wenn sie die Zukunft betreffen, frotzelt der Volksmund. Noch etwas schwieriger sind sie offenbar, wenn sie nicht in Szenarien daherkommen, sondern wenn sie es wagen, eindeutige Richtungen vorherzusagen.

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