Zinsen im Keller – doch gespart wird trotzdem

In Zeiten rekordtiefer Zinsen dürfte man eigentlich erwarten, dass weniger gespart wird. Die Sparquote in der Schweiz steigt allerdings seit mehr als einem Jahr. Auch die Negativzinsen der Nationalbank haben also kein Umdenken bewirkt. Stabilere Preise könnten dies aber bald ändern.

Viele fürchteten das Schlimmste, als die Nationalbank Anfang 2015 den Mindestkurs aufhob. Im Laufe der Monate zeigte sich dann aber, dass die Schweizer Wirtschaft trotz des starken Frankens noch leicht zulegte. So gab es neue Stellen, und auch die Löhne steigen leicht. Unter dem Strich sind die Einkommen letztes Jahr um 2,2 Prozent gestiegen – teuerungsbereinigt.

Die Ausgaben der Haushalte haben mit den Mehreinnahmen aber nicht Schritt gehalten. Der private Konsum ist nur um 0,8 Prozent gewachsen. Unter dem Strich wurde also 1,4 Prozent gespart – obwohl das Zinsniveau im Keller ist und die Spargelder kaum Ertrag abwerfen.

«Lieber sparen als prassen»

Viele Menschen seien verunsichert und würden deshalb lieber sparen als prassen, sagt Klaus Wellershoff, Ökonom und Unternehmensberater: «Nach der Aufhebung der Untergrenze des Schweizer Frankens zum Euro hat die Sorge der Menschen vor einem Arbeitsplatzverlust deutlich zugenommen. Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ist im Moment sehr, sehr hoch. Das macht die Leute zurückhaltend bei ihren Ausgaben.»

Zudem hätten viele Konsumenten offenbar gar noch nicht realisiert, dass sie sich eigentlich mehr leisten könnten, weil das Preisniveau sinke, sagt Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank Safra Sarasin: «Der sehr stark gesunkene Ölpreis entlastet die Haushalte: Man hat mehr Geld zur Verfügung, weil man weniger für Benzin und Heizen ausgibt.» Aber statt sich mehr zu leisten, wird mehr gespart.

Auch die Diskussionen über die Stabilität der Altersvorsorge könnten die Leute zu zusätzlichem Sparen animieren, vermutet Klaus Wellershoff: «Es ist sehr gut möglich, dass sich die Menschen angesichts der demographischen Entwicklungen und angesichts der tiefen Zinsen, die dann zu den deutlich tieferen Erträgen auf den Kapitaleinlagen der Pensionskassen führen, sagen: ‹Dann muss ich halt etwas mehr sparen›.»

Sparsäuli, mit Geld gefüttert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eigentlich macht es derzeit keinen Sinn, das Sparsäuli zu füttern – gemacht wird es trotzdem. Keystone/Symbolbild

Die Wirtschaft lechzt nach Konsum

Zukunftsangst sei allerdings ein schlechter Ratgeber. Und aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre es durchaus erwünscht, dass die Konsumenten mehr ausgeben und so der Wirtschaft zusätzlichen Schwung verleihen könnten. Hierzulande werde ohnehin zu viel gespart. «Wir erwirtschaften immer noch massive Überschüsse im Aussenwirtschaftsverkehr. Es ist schon sehr beeindruckend, in welchem Ausmasse das Land spart. Es wäre Raum da für mehr Konsum, was der Konjunktur gut tun würde», so Wellershoff.

In der Schweiz ist traditionell die Sparquote überdurchschnittlich hoch, und sie nimmt seit mittlerweile fünf Quartalen weiter zu. Doch damit könnte es vielleicht bald vorbei sein, hofft Karsten Junius: «Die letzten Wirtschaftsindikatoren für die Schweiz sind eigentlich ganz positiv gewesen. Vielleicht brauchen wir eine gewisse Phase der Stabilität, der positiven Nachrichten, die uns dann etwas beflügelt und den Menschen etwas Mut macht.» Dann würden sie sich auch wieder mehr leisten, statt noch mehr zu sparen.

Preise gehen nicht weiter zurück

Vielleicht löst sich das Problem mit den zu hohen Sparquoten aber demnächst quasi automatisch. Denn die Zeiten rückläufiger Preise sind wohl bald vorbei. Die Energiepreise stabilisieren sich, ebenso der Franken, die Preise werden also nicht mehr billiger. Es bleibt weniger Geld übrig, das man auf auf die hohe Kante legen könnte. Weniger sparen, mehr ausgeben, bedeutet also Rückenwind für die Konjunktur.