Überteuerte MiGel-Liste Zu teure Stützstrümpfe: Krankenversicherer fordern Systemwechsel

Das Wichtigste in Kürze:

  • Orthopädietechniker und Suva einigten sich Ende 2016 auf neue Tarife für Prothesen und Kompressionsversorgungen.
  • Bis zu 1000 Franken für ein paar Stützstrümpfe: Die Preise wurden teilweise massiv nach oben getrieben.
  • Diese Preise waren eindeutig zu hoch: Im Juli 2017 wurde retour korrigiert.
  • Die zu hohen Preise bezeichnet das Bundesamt für Gesundheit als «Spezialfälle» bei Massanfertigung.
  • Santésuisse kritisiert: «Dritte handeln Preise aus, die sie nicht bezahlen müssen. An diesen Verhandlungstisch gehören Tarifexperten der Krankenversicherer.»

Da staunten sie nicht schlecht: Mehrere Hörerinnen und Hörer des Konsumentenmagazins «Espresso» von Radio SRF 1 fiel auf, dass seit Anfang Jahr die Preise für Kompressionsbandagen und Stützstrümpfe explodiert sind.

Der Verband der Orthopädietechniker hatte die neuen Preise mit der Suva ausgehandelt, welche die Sozialversicherer vertritt. Diese Tarife werden vom Bundesamt für Gesundheit auch für die Krankenkassen für verbindlich erklärt. Schliesslich seien sie von «den Tarifpartnern mit ihrem ganzen Fachwissen ausgehandelt worden», erklärt Karin Schatzmann vom Bundesamt für Gesundheit.

Krankenversicherer fordern Systemwechsel

Dass die Krankenkassen die von Dritten ausgehandelten Tarife ohne Mitsprache übernehmen müssen, stört Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse: «An diesen Verhandlungstisch gehören Tarifexperten der Krankenversicherer.»

Der Bund solle zumindest damit aufhören, die Tarife der Orthopädietechniker ohne weitere Kontrolle auf die Liste der von den Krankenkassen zu vergütenden Hilfsmittel (MiGel) zu setzen.

Keine Rückerstattung wegen staatlichem Gütesiegel

Rückerstattet werden die zu hohen Preise während dem ersten Halbjahr 2017 nicht. Wenn nötig könne man über eine Senkung des Taxpunktwertes eine Kostenneutralität herstellen, schreiben Suva und Orthopädietechniker in einer gemeinsamen Stellungnahme. Sie verweisen auf ein Kostenmonitoring, welches solche nachträglichen Anpassungen zulasse.

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Bildlegende: Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse. Keystone

Auch Santésuisse-Direktorin Nold sieht keine Möglichkeit für die Krankenversicherer, die zu hohen Beträge zurückzufordern – mit einer erstaunlichen Begründung: «Tarife, die das Bundesamt für Gesundheit festlegt, müssen übernommen werden, selbst wenn sich herausstellt, dass sie nicht wirtschaftlich sind, also zu hoch.»

Nächste Baustelle: Territorialprinzip

Schon lange fordern die Krankenversicherer, dass gewisse medizinische Leistungen und Produkte auch im Ausland bezogen und vergütet werden können, wenn der Preisunterschied zur Schweiz sehr hoch ist, zum Beispiel bei Stützstrümpfen für 1000 Franken.

Der Bundesrat hat auf entsprechende Vorstösse im Parlament reagiert und versprach im Rahmen der MiGel-Revision (Mittel-und Gegenstände-Liste) diese Forderung zu prüfen.

Sowohl das Bundesamt für Gesundheit BAG als auch der Krankenkassenverband Santésuisse haben Preisvergleiche der Schweiz mit dem Ausland gemacht. Allerdings mit ganz unterschiedlichen Resultaten: Karin Schatzmann, BAG: «Es hat sich gezeigt, dass die höchsten Vergütungsbeträge in der Schweiz nicht systematisch höher sind als im Ausland. Dies ist nur bei wenigen Produktegruppen der Fall.»

Verena Nold von Santésuisse widerspricht: «Wir haben Produkte in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Österreich miteinander verglichen. Dabei haben wir riesige Preisdifferenzen festgestellt.»

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