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Schweiz Zu wenig Kies in Berner Flüssen

Die intensive Nutzung und Bändigung der Schweizer Fliessgewässer haben den Geschiebehaushalt aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Erosion steigt, Fische leiden. Auf 3000 Kilometern sind Massnahmen geplant, ohne den Hochwasserschutz zu schwächen. Auch der Kanton Bern ist betroffen.

Fluss mit steinigem Ufer
Legende: Die Birs bei Bévilard sieht natürlich aus, hat aber kaum mehr Kies. Thomas Pressmann/SRF

Schnurgerade fliesst die Birs im Berner Jura zwischen Loveresse und Bévilard in einem engen Kanal durchs Tal. Das Flussbett ist schwarz, voller Moos und Algen. «Der Boden ist hart wie Beton, es fehlt an Kies», stellt Wasserbauingenieur Jörg Bucher fest.

Für die Flusslebewesen ist das fatal. Denn ohne Kies können Fische nicht mehr laichen. Sie verlieren ihren Lebensraum, zusammen mit diversen anderen Flusslebewesen.

Ohne Kies mehr Erosion

Ohne Kies verläuft laut dem Experten auch die Erosion schneller: Die Flüsse graben sich tief in den Boden, die Ufer brechen ab, der Grundwasserpegel in der Umgebung sinkt. An der Aare zwischen Thun und Bern beispielsweise schafft dies bereits Probleme bei der Wasserversorgung. Das Wasser fehlt für die Landwirtschaft, aber auch in den Wasserfassungen für das Trinkwasser. Der ganze Wasserhaushalt ist gestört.

Dass das Birsbett fast von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein kaum Kies aufweist, liegt an den vielen verbauten Seitenbächen. Einer verläuft bei Loveresse durch eine Röhre unter Strasse und Häusern hindurch. Vor der Röhre halten Gitterstäbe die grossen Steine zurück. In einem Geschiebesammler bleibt aber auch der Kies in einem Becken liegen, statt mit dem Wasser direkt in die Birs abzufliessen.

Kiesmangel auf 3000 Kilometern

Das Geschiebe aus den Seitenbächen staut sich vielerorts in der Schweiz. Eine neue Studie von Bund und Kantonen beziffert die Gesamtlänge der Flussabschnitte mit gestörtem Geschiebehaushalt auf 3000 Kilometer.

Das Problem müsse in den nächsten Jahren angepackt werden, sagt Stefan Müller vom Bundesamt für Umwelt. Er verweist auf die starke Nutzung der Gewässer in den letzten 100 bis 150 Jahren – einerseits durch die Wasserkraftnutzung, anderseits aber auch durch die Landgewinnung. Dadurch wurde der Transport von Gesteinen und Geröll aus den Bächen in die Flüsse gestört.

Damit dieser Kies wieder wandern kann, sind Eingriffe an fast 1000 Stellen geplant. An Seitenbächen, aber auch bei Staumauern und Hochwasserverbauungen. Das wird Millionen kosten.

«Durch diese Massnahmen zur Wiederherstellung des Geschiebehaushaltes ist die Sicherheit der Bevölkerung nicht gefährdet. Es braucht Geschiebesammler, aber sie müssen richtig bewirtschaftet werden», betont Müller. An jedem einzelnen Gewässer werde nun mit Kantonen und Gemeinden nach der besten Lösung gesucht.

Mehr Platz für die Flüsse

Laut Müller müssen die Gewässer insgesamt wieder mehr Raum bekommen, damit die Hochwasser überhaupt abfliessen können. Denn so könnten die Flüsse das Geschiebe eher abladen und beim nächsten Hochwasser wieder mitnehmen, ohne gleich Häuser und Strassen zu bedrohen: «Das ist eine der wichtigsten Funktionen, die wir wieder herstellen müssen.»

An der Birs im Berner Jura wurden bereits einzelne Geschiebesammler aufgehoben und Bäche aus Röhren befreit. Eine weitere Massnahme ist eine in den Fluss gebaute Rampe. Hier können Lastwagen das weiter oben hängengebliebene Kies direkt in die Birs schütten. Bei der Kiesrückgaberampe ist die Gewässersohle wieder kiesig. Eine kleine Kuhle im Wasser zeigt, dass wieder ein Fisch gelaicht hat.

(Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 17:30 Uhr)

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11 Kommentare

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  • Kommentar von M. Jaeger, Wildwil
    Nach der drohenden Eiszeit in den 60er Jahren wegen CO2, dem Ozonloch-Weltuntergang, dem Waldsterben, dem Klimaerwärmung- Weltuntergangsszenario, wegen CO2, kommt jetzt zu all den anderen noch die Flusssand Zeitbombe neu hinzu. Und wie immer muss sofort gehandelt werden. Ich schlage Steuererhöhungen, Geschwindigkeitsreduktionen für Autos und Sandrationierung als Sofortmassnahmen vor, das hat immer geholfen, dazu Sanduhren verbieten und ein digitales Eieruhren Obligatorium einführen.
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    1. Antwort von Henriette Rub, Bern
      Und woher kommen die Ressourcen für all die digitalen Eieruhren? Nachdenken..
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    2. Antwort von Jens Brügger, Schaffhausen
      Sie haben wirklich keine Ahnung. Wissen ist Macht.
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  • Kommentar von Thomas Käppeli, Guatemala Ciudad
    Ist leider die Krux von Stauseen weltweit und somit der Wasserkraft und/oder Bewässerungssystemen. Je mehr Geschiebe und Erdreich ein natives Fliessgewässer jährlich mit sich trägt, desto schneller verlanden künstlich angelegte Reservoire durch Sedimentierung an ihrem Lauf. So droht z.B. dem Nassersee/Assuandamm die Versandung durch Verwehung, neben dem abgesetzten Nilschlamm. Wir schrauben viel am Leben rum, aber jede Münze hat zwei Seiten.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Kies sollte kein Problem sein. Jedes Jahr "verlanden" mehr und mehr die Stauseen. Die Betreiber dieser Seen währen sicher froh wenn jemand diese wieder frei beaggert.
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    1. Antwort von Robert Frei, Wettingen
      Ist wohl nicht ganz unproblematisch, zum Beispiel den Albigna Stausee auszubaggern und den Kies weiter unten im Tal wieder auszusetzen. Wäre doch die grösste Kalberei, mit Maschinen das runter zu transportieren, was die Natur von selbst macht wenn man sie lasst. Übrigens: ohne Erosion wären die Alpen heute 50 km hoch; das alles haben die Flüsse weggetragen. Mit der Wasserkraftnutzung halten wir diesen Prozess auf - eine Zeitbombe.
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