Zukunftsmusik: Mehr Platz im Zug und glückliche Angestellte

Was tun gegen volle Pendlerzüge? Zwei Unternehmen liessen 260 Mitarbeiter flexibler arbeiten – mit verschobener Reisezeit und Heimarbeit. Die Resultate des Pilotversuchs sind ansprechend, die Angestellten zufriedener. Doch die Arbeitgeber trauen ihnen nicht so recht.

Pendlerstrom in Bern Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mal nicht zu Stosszeiten unterwegs sein – das verlangten SBB und Swisscom von 260 Mitarbeitern. Keystone

Die Auftraggeber Swisscom und SBB sind sehr zufrieden. Ihr Fazit nach zwei Monaten Pilotversuch: Bei flexiblen Arbeitszeiten und Home Office arbeiten die Leute mehr, besser und sind zufriedener. Und die Züge werden auch noch deutlich entlastet. Das sei insgesamt überaus positiv, eine «Win-Win-Situation» für alle Beteiligten, jubeln die Verantwortlichen.

Allerdings: Den Mitarbeitern – mit durchschnittlich einer Stunde Fahrzeit in öffentlichen Verkehrsmitteln – wurde einiges abverlangt. Sie mussten ihren Arbeitstag so organisieren, dass sie nicht zu den Hauptverkehrszeiten unterwegs sind.

Also morgens nicht zwischen 7 und 8.30 Uhr und abends nicht zwischen 17 und 18.30 Uhr. Der morgendliche Kaffeeplausch mit Kollegen fiel flach, und wer abends den 17 Uhr-Zug nicht erwischte, musste eineinhalb Stunden warten.

Zufriedenere Mitarbeiter

Die meisten kamen gut damit zurecht: Zwei Drittel der Teilnehmer profitierten nach eigener Einschätzung vom flexiblen Arbeiten. Mehr als die Hälfte war zufriedener mit der Arbeit – auch, weil sie die Arbeit selbstständig auf verschiedene Orte verteilen und mehr zu Hause erledigten konnten.

Können sich die Standortwechsel sowie das Auf- und Abbauen der Arbeitsgeräte nicht auch negativ auswirken und mehr Stress verursachen? Der Arbeitspsychologe Hartmut Schulze von der Fachhochschule Nordwestschweiz winkt ab: «Schon ein halber Tag Home Office pro Woche wirkt sich stressreduzierend aus. Das ist sehr positiv.»

Skeptische Arbeitgeber

Schulze hat das Pilotmodell begleitet. Die Arbeitszeit sei insgesamt nicht gestiegen, offenbar wurde die gestückelte Arbeitszeit aber intensiver genutzt. Eine durchweg positive Bilanz.

Warum ist das Modell noch nicht flächendeckend eingeführt? «Wegen grossen Vorbehalten. Die Arbeitgeber sind skeptisch, ob die Angestellten dann noch produktiv arbeiten», sagt Schulze. Ausserdem würden sie anzweifeln, dass das den Mitarbeitern wirklich gut tut.

Kulturelles Problem

SBB und Swisscom sehen den Feldversuch auch als Modell für andere Unternehmen: Würden alle Bahn-Pendler, die flexibel arbeiten könnten und wollten, nur jeden fünften Arbeitsweg ausserhalb der Stosszeiten verlagern, könnten die Züge um sieben Prozent entlastet werden, haben sie ausgerechnet.

Aber wer macht mit? Zwei Drittel der Beschäftigten in der Schweiz sagen, dass sie gerne flexibel arbeiten möchten. Dies könnten sie aber noch nicht wegen ihrer Arbeitgeber, so der Arbeitspsychologe: «Das hängt generell mit der Unternehmenskultur zusammen – ist also auch ein kulturelles Problem.»