Was steht hinter dem Bericht über «Grooming Gangs» in Grossbritannien und der schockierenden Zahl von 250'000 Opfern? Das SRF Netzwerk Faktencheck geht dieser Frage aus der Community nach.
Mitte Juni wurde mit Unterstützung von Rupert Lowe, Mitglied im Parlament in Grossbritannien und Parteivorsitzender von Restore Britain, der «Rape Gang Inquiry Report» veröffentlicht. Dieser von Privatpersonen und Betroffenen verfasste, nicht offizielle Bericht beschäftigt sich mit sogenannten «Grooming Gangs» (grooming, auf Deutsch: «anbahnen»).
Hintergrund sind Fälle von systematischem und jahrelangem sexuellem Missbrauch an schutzbedürftigen Mädchen und Frauen in verschiedenen Städten des Landes. Die Taten sollen von Männergruppen überwiegend pakistanischer Herkunft begangen worden sein. Die Opfer – oft minderjährige Mädchen aus schwierigen Verhältnissen – wurden mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht und mit Gewalt zum Sex gezwungen.
In der Öffentlichkeit wird dabei häufig die Zahl von 250'000 missbrauchten Mädchen genannt. Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Bericht, als der Besitzer der Social-Media-Plattform X, Elon Musk, den Link direkt nach der Veröffentlichung verbreitete – mit dem Aufruf, dass Mitwisser lange ins Gefängnis sollen.
In dem Bericht von Rupert Lowe und entsprechenden Posts wird immer wieder darauf eingegangen, dass die Täter pakistanischer Herkunft und die Opfer weisse, britische Mädchen seien. Damit greift der Bericht in die aktuelle Debatte über Asylsuchende und Migranten in Grossbritannien ein.
Die Zahl 250'000
Im «Rape Gang Inquiry Report» wird die Zahl von 250'000 Opfern in ganz Grossbritannien mehrfach wiederholt. Es wird eine Quelle angegeben: Lord Pearson of Rannoch nannte die Zahl in Reden im House of Lords (britisches Oberhaus) – zum Beispiel am 22. Oktober 2018. Der ehemalige UKIP-Vorsitzende gibt an, dass es sich dabei um eine Hochrechnung handelt.
Dabei bezieht sich Lord Pearson of Rannoch auf den ebenfalls nicht behördlichen «Jay Report» von 2014 zum Skandal der «Grooming Gangs» in Rotherham sowie Berichte aus Telford und Oxford. Lord Pearson of Rannoch hat diese auf ganz Grossbritannien hochgerechnet. Damit ist die Anzahl der Opfer eine Schätzung.
Ebenso variiert im Bericht und bei diversen Beiträgen in den Sozialen Medien die Zeitspanne, auf die Bezug genommen wird: In Lord Pearson of Rannochs Aussage im House of Lords spricht er von «diesem Jahrhundert». Im Bericht sind Fälle seit den 1950ern beschrieben.
Die offizielle Untersuchung
Anders als im Bericht von Rupert Lowe insinuiert wird das Problem der «Grooming Gangs» weder medial (beispielsweise durch die öffentlich-rechtliche BBC) noch politisch verschwiegen. Im Juni 2025 wurde eine Untersuchung durch das britische Parlament veröffentlicht.
Schwerpunkt in diesem Bericht sind zum einen das Versagen der lokalen Behörden beim Schutz von Kindern und Jugendlichen, aber auch die fehlenden Informationen und belastbaren Zahlen für eine nationale Betrachtung. Noch-Premierminister Keir Starmer hatte sich erst gegen einen weiteren Bericht ausgesprochen, vollzog aber noch im Juni 2025 die Kehrtwende.
Die neue nationale Untersuchung durch das britische Parlament nahm im April 2026 ihre Arbeit auf.