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Community-Fragen So steht es um die Sicherheitslage Europas

Politologin Gesine Weber und Sicherheitsexperte Roland Popp haben Ihre Fragen zum WEF und zur aktuellen Sicherheitslage Europas im Chat zur «Club»-Sendung beantwortet. Die wichtigsten fünf Erkenntnisse.

Welche Rolle das WEF in Zeiten multipler Krisen spielt

Hat das WEF in einer Phase globaler Spannungen wieder an Bedeutung gewonnen? Aus Sicht Gesine Webers liegt die eigentliche Wirkung des Treffens nicht auf der grossen Bühne. «Wichtiger ist aktuell die Arbeit hinter den Kulissen: die Abstimmung zwischen den europäischen Partnern, das Testen von Ideen und Vorschlägen mit der US-Regierung in Washington, das Verstehen von Positionen von Staaten ausserhalb der Allianz.»

Gleichzeitig könne die Selbstdarstellung von Staats- und Regierungschefs weiterhin Einfluss darauf haben, wie Länder international wahrgenommen werden – ob sie an Sympathie gewinnen oder verlieren.

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«Das WEF ist eigentlich konzipiert als etablierter Treffpunkt der politischen und wirtschaftlichen Eliten, weniger als Ausgangspunkt konkreter Vereinbarungen», ergänzt Roland Popp. Entsprechend seien Erwartungen an unmittelbare Umsetzungen fehl am Platz.

Warum das WEF den USA eine grosse Bühne bietet

Die Präsenz hochrangiger Vertreterinnen und Vertreter der USA am WEF sorgt regelmässig für Diskussionen. Doch für Weber ist klar, warum die Amerikaner in Davos so sichtbar sind. «Für die Teilnahme einer US-Delegation spricht ganz klar, dass die USA wirtschaftlich auch nach wie vor ein zentraler Spieler sind und die grösste Militärmacht weltweit», sagt die Politologin.

Wäre Europa heute verteidigungsfähig?

Die Frage, ob Europa zu lange auf die USA gesetzt und die eigene Aufrüstung vernachlässigt hat, beantwortet Roland Popp zurückhaltend. «Nach einem Ereignis ist es immer einfach, die Entscheider aus der Vergangenheit zu kritisieren», sagt er. Zwar wäre eine umfassende militärische Stärkung innenpolitisch in vielen Ländern kaum durchsetzbar gewesen, doch der «Verfall militärischer Leistungsfähigkeit» hätte in diesem Ausmass verhindert werden können.

Mehrere Flaggen vor einem modernen Gebäude.
Legende: «Viele Dinge, die wir als Selbstverständlichkeiten hingenommen haben in Europa, etwa die Grundlagen unserer Sicherheit und unseres Wohlstands, werden wir hinterfragen und neu denken müssen», erklärt Gesine Weber. Keystone/Virginia Mayo

Europa habe sich «viel zu sehr auf die USA verlassen», obwohl hinreichend klar gewesen sei, dass Washington nur begrenztes Interesse an seiner Sicherheitsgarantie hatte. Die militärischen Schritte europäischer Staaten seien im Zuge der wachsenden Konfrontation mit Russland «sicherlich ungenügend» gewesen. «Man betrieb Machtpolitik ohne wirkliche militärische Glaubwürdigkeit – historisch betrachtet nie eine gute Idee.»

Wie gross ist die Gefahr, die von den USA ausgehen?

War es früher eine Minderheitsposition, die USA als potenzielle Gefahr zu betrachten, habe sich das durch Drohungen zu Grönland und Einmischungsversuche in europäische Innenpolitik verändert. Kernfrage sei nun, wie Europa seine noch von US‑Kapazitäten und Abschreckung abhängige Sicherheit «parallel mit den USA, aber auch mit weniger US-Beitrag und potentiell gegen die USA gestalten kann».

Mehr sicherheitspolitische Unabhängigkeit?

Was könne Europa kurzfristig und mittelfristig tun? Weber betont «massive Investitionen» in eigene Verteidigung und Kapazitäten, oft mit Fokus auf «made in Europe». Zusätzlich brauche es engere Zusammenarbeit von Politik und Rüstungsindustrie, bessere europäische Koordinierung und einen Dialog über europäische nukleare Abschreckung – mit Grossbritannien und Frankreich in Schlüsselrollen.

SRF Club, 20.01.2026, 22.25 Uhr ; 

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