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Q&A zu Tier- und Artenschutz «Sind Zoos noch zeitgemäss?»

Nadja Brodmann und Stefan Reegen haben von 9:00 bis 10:30 Uhr Ihre Fragen beantwortet – live im Chat.

Für Kinder ist der Zoo oft der erste Ort, an dem sie bedrohte Tierarten aus nächster Nähe erleben. Doch nach der Tötung von Dscheladas im Zoo Zürich rückt die Frage in den Fokus, wie Artenschutz und Tierwohl in modernen Zoos zusammengehen. Zwei Fachpersonen beantwortet Ihre Fragen zum Thema.

Fachpersonen im Chat

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Nadja Brodmann
Geschäftsleitung & Leiterin Tierschutz
Zürcher Tierschutz

Stefan Reegen
Kurator Huftiere
Zoo Zürich

Chat-Protokoll:

Wie können Zoos sicherstellen, dass Zuchtprogramme wie beim EEP nicht zu Überpopulationen führen, bevor eine Euthanasie notwendig wird – und welche Alternativen zur Tötung gibt es wirklich, z. B. durch strengere Geburtenkontrolle oder internationale Kooperationen?

Stefan Reegen: Eine Population reguliert sich natürlicherweise über drei Optionen: Die Fortpflanzung, die Migration und durch den Tod. Diese drei Stellschrauben tragen dazu bei, dass eine Population gesund bleibt. So gibt es beispielsweise natürlicherweise geburtenstarke oder geburtenschwache Jahre, abhängig von verschiedenen Einflussfaktoren, z.B. die Wetterverhältnisse. Bei beispielsweise sozialen oder territorialen Tierarten wandern junge Adulte ab und erschliessen neue Gruppen oder Territorien. Und Tiere sterben. Sei es, weil sie sich tödlich verletzen, krank oder alt sind oder Fressfeinden zum Opfer fallen. Bei in Menschenobhut gemanagten Tierpopulationen fallen diese natürlichen Mechanismen weg und müssen daher künstlich herbeigeführt werden. Grundsätzlich gibt es hierfür, wie in der Natur, drei Stellschrauben: Abgabe von Tieren (Migration), Verhütung/Sterilisation/Kastration/Geschlechtertrennung (Fortpflanzung) und den Tod. Die Abgabe von Tieren in geeignete Haltungen im Rahmen von international koordinierten Zuchtprogrammen ist immer die erste Wahl. Die Regulierung der Fortpflanzung ist in den meisten Fällen ein Eingriff in das Tierwohl und wird daher nur sehr selektiv genutzt, weil dadurch negative Folgen entstehen können. Einerseits kann es dazu führen, dass eine Population instabil wird, wie eine kürzlich publizierte Studie der Universität Zürich (https://www.zoo.ch/de/medien/medienmitteilung/alte-tiere-gefaehrden-artenschutz-ziele-moderner-zoos) deutlich zeigt. Andererseits verweigert man gerade sozialen Tierarten (wie zum Beispiel es Dscheladas sind) ein elementares Grundbedürfnis und greift damit massiv in die natürliche Sozialstruktur einer Art ein. Das hat negative Konsequenzen für das Tierwohl und widerspricht einer artgerechten Haltung. Daher nutzen moderne Zoos diese Option nur sehr dosiert. Wenn die beiden ersten Optionen ausgeschöpft sind, bleibt als letzte Option nur noch der Tod.

Was ist genau der Unterschied zwischen Artenschutz und Tierschutz?

Nadja Brodmann: Beim Artenschutz geht es um die Arterhaltung, das heisst von Schutz und Überleben von Populationen einzelner Arten und ihrer Lebensräumen. Beim Tierschutz geht es um den Schutz der Individuen, also dass jedes einzelne Tiere sein natürliches Verhalten ausleben und seine Bedürfnisse befriedigen kann – sein Wohlbefinden

Gibt es Tierschutzkontrollen im Zoo?

Stefan Reegen: Es finden regelmässig Kontrollen durch das kantonale Veterinäramt statt. Diese haben unter anderem den Fokus auf die Einhaltung des Schweizer Tierschutzgesetzes und der Tierschutzverordnung. Neu entstehende Lebensräume im Zoo sowie die Haltung von neuen Arten müssen zudem vorab durch das Veterinäramt genehmigt und freigegeben werden.

Gebetsmühlenartig wird seit Jahren verlangt, dass Freigängerkatzen kastriert werden, um die Population zu senken. Der Zoo argumentiert, das sei bei ihnen nicht möglich, da es in der Natur des Tieres liege, sich fortzupflanzen. Also gibt es einen Unterschied zwischen Zoo- und Haustieren? Ist es nicht eher so, dass Jungtiere ein Publikumsmagnet sind und der Zoo deswegen auch immer Elefanten «züchtet», obwohl das Problem mit dem Herpesvirus bekannt ist? Ich wünsche mir vom Zoo Ehrlichkeit.

Nadja Brodmann: Bei Freigängerkatzen geht es darum, zu verhindern, dass sich Hauskatzen unkontrolliert vermehren. Zugleich soll die Streunerpopulation nicht weiter anwachsen, da diese Tiere unter Hunger und Krankheiten leiden, also ein Tierschutzproblem. Beim Artenschutz geht es um die kontrollierte Vermehrung zwecks Arterhaltung und verhindern von Inzucht. Zugleich ist es auch aus Tierschutzsicht wichtig, weil die Jungenaufzucht eine bedeutende Verhaltensanreicherung bedeutet und Beschäftigung und Abwechslung bringt. Wir gehen davon aus, dass bei wissenschaftlich geführten Zoos das Argument des Publikumsmagnets im Hintergrund steht.

Ist es möglich einen Zoo zu haben, der vollständig Tierschutzfreundlich ist? oder wäre das nie möglich?

Stefan Reegen: Tierschutz und Artenschutz sind zwei unterschiedliche Konzepte. Wissenschaftlich geführte Zoos betreiben Artenschutz und verfolgen das Ziel die gehaltenen Populationen gefährdeter Arten langfristig zu erhalten. Dafür stellt ein moderner Zoo im Entscheidungsfall das Überleben der Art über das Überleben des Individuums. Dabei hat das Tierwohl jedoch immer eine hohe Priorität. Dafür bietet der Zoo Zürich den Tieren naturnahe und abwechslungsreiche Lebensräume, worin die gehaltenen Tiere ihre grundlegenden Bedürfnisse optimal und vollumfänglich befriedigen können. Hierbei orientiert sich der Zoo Zürich an den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Beurteilung des Tierwohls im Zoo Zürich liegt das sogenannten 5-Domänen-Modell zugrunde. Dies ist ein modernes Konzept, wonach das Befinden eines Tieres der individuelle und subjektiv mentale Zustand ist, welcher sich aus der Summe aller mentalen Erfahrungen eines Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt ergibt.

Ich habe mal gehört, dass Tiere im Zoo keinen Drang nach Freiheit haben, solange ihre Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Fortpflanzung gedeckt sind. Das klingt für mich irgendwie logisch, aber ich frage mich: Reicht das wirklich aus oder haben Tiere durch ihre Neugier und ihre natürlichen Instinkte doch ein Bedürfnis nach mehr, als ein Gehege bieten kann? Ich bin auf diese Frage gekommen, weil ich dieses Argument zuerst ziemlich überzeugend fand. Gleichzeitig habe ich aber daran gedacht, dass viele Tiere neugierig sind und ihre Umwelt erkunden wollen. Das hat mich zweifeln lassen, ob es wirklich stimmt, dass sie keinen Drang nach Freiheit haben oder ob ihnen im Zoo vielleicht doch etwas Wichtiges fehlt.

Nadja Brodmann: Ob Tiere ein Konzept von Freiheit haben, dass ist unbekannt. Aber es ist sicher so, dass viele Arten neben den Grundbedürfnissen auch das Bedürfnis nach Fortbewegung, Territoriumserweiterung und Abgrenzung sowie Erkunden unbekannter Gebiete und Reize haben. Gewissen Arten kann man diesbezüglich nicht gerecht werden, z.B. Eisbären, Schwertwalen etc., die aus diesem Grunde auch nicht in Zoos gehalten werden sollten. Seriöse Zoos sind sehr bemüht, den Tieren immer wieder Neureize und neue Beschäftigung zu bieten und durch gezielte Strategien wie Artenvergesellschaftung, wechselnde Gehegestrukturen und verschiedene Fütterungsmethoden (Futterwechsel, Futterverstecke, unvorhersehbare Fütterungszeiten etc.) für Abwechslung zu sorgen. Dies kompensiert ein Stück weit den Erkundungsdrang.

Warum sind manche Tiere im Zoo, obwohl sie nicht bedroht sind und wie helfen Zoos konkret, Tiere zu schützen?

Stefan Reegen: Die Einschätzung der Gefährdungsstufen verschiedener Tierarten sind stetig in der Evaluation durch die Weltnaturschutzunion IUCN. Dadurch kann eine Art die heute auf dem Papier als nicht bedroht eingestuft ist bereits morgen in eine höhere Gefährdungsstufe eingruppiert werden. Ein Blick in die Rote Liste der gefährdeten Arten zeigt neben der Gefährdungsstufe jeweils auch einen Populationstrend. Leider sind bei vielen aktuell als unbedroht eingestuften Arten diese Trends deutlich negativ, weshalb es Sinn machen kann, für diese Tierarten bereits frühzeitig eine Reservepopulation aufzubauen. Der Zoo Zürich strebt an einen überwiegenden Anteil an gefährdeten Arten zu halten, dadurch wurden in den letzten Jahren bereits Haltungen von nicht gefährdeten Arten beendet und durch gefährdetere Arten ersetzt (z.B. Piranha zu Menarambu Buntbarsch). Aktuell gelten 54% (+7% seit 2024) aller gehaltener Wirbeltiere im Zoo Zürich als gefährdet. Der Schutz gefährdeter Arten in der Natur allein, ist in sehr vielen Fällen nicht ausreichend, um eine Art sicher und dauerhaft zu erhalten, da z.B. der benötigte Lebensraum fehlt. Es braucht dafür so genannte Reservepopulationen. Also eine Population einer gefährdeten Art ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums (ex-situ), die ihren Artgenossen in der Wildnis (in-situ) eine Art Zeitpuffer verschafft. Stabilisiert sich die Situation im natürlichen Lebensraum, ist hiervon ausreichend viel vorhanden, so stehen dann Tiere aus der Reservepopulation für Wiederansiedlungsprojekte zur Verfügung. Ein solches Projekt muss aber sinnvoll sein, eine reine Auswilderung ohne Konzept ist sinnlos und nicht erfolgversprechend.

Sind Zoos noch zeitgemäss? Die Wissenschaft zeigt, dass das Konzept Zoo für den Arterhalt und den Tierschutz nicht das Mittel der Wahl ist.

Nadja Brodmann: Ich finde, gewisse Zweifel sind angebracht. Aus Tierschutzsicht bringen Zoo nur etwas, wenn sie durch optimale Haltung die Leute dafür sensibilisieren, dass Tierhaltung generell bedürfnisgerecht sein sollte... also ebenso für Heim-, Nutz- und Versuchstiere gelten sollte. Aus Artenschutzsicht hat ein Zoo nur dann eine Berechtigung, wenn er sich neben der Arterhaltung auch stark für die Lebensraumerhaltung engagiert und die Bevölkerung für Natur- und Tierschutz sensibilisiert.

Wie erklären Sie sich den Aufruhr um die Affen-Tötung (und anderen Tötungen bei Überbestand, wie z.B. in der SRF Impact Dok vor einiger Zeit), während die meisten es völlig okay finden, dass wir unzählige Schweine und Hühner allein dafür züchten, sie zu töten? Warum dieser Aufschrei bei den Affen? Was ist der Unterschied, wenn ich ein Schwein esse, wie wenn ein Raubtier ein anderes Zootier frisst? (wie in der Impact Dok) (ich bin Vegi und sehe keinen Unterschied)

Nadja Brodmann: Sie sprechen mir aus dem Herzen – das ist auch die Position des Zürcher Tierschutz. Wir setzen uns daher vehement für Verbesserungen in der Haltung aller Tiere in menschlicher Obhut sowie für einen respektvollen Umgang mit sämtlichen Tieren ein, da zählen insbesondere auch Nutztiere dazu. Diese sind genauso leidensfähig wie Affen oder Elefanten. Der grosse Aufschrei mag auch darauf zurückzuführen sein, dass Affen uns Menschen einfach näher liegen, also zum Beispiel Mäuse und Ratten oder Hühner.

Frage an die Tierschützerin: Finden Sie als Tierschützerin Zoos okay oder würden in Ihrer idealen Welt alle Tiere frei leben?

Nadja Brodmann: Ich finde Zoos nur vertretbar, wenn sie seriös und wissenschaftlich geführt werden und ihren Auftrag nach Sensibilisierung für Natur- und Artenschutz wahrnehmen und auch aus Tierschutzsicht vorbildlich sind. Ansonsten gibt es keine Rechtfertigung. In einer idealen Welt würden wohl nicht alle Tiere frei sein, aber alle Tiere tiergerecht leben können, dazu gehören neben Haustieren auch Nutz- und Versuchstiere.

Ist es nicht der Gipfel des Zynismus, Tiere im Namen des «Artenschutzes» zu züchten und sie dann im Namen des «Artenmanagements» zu töten? Ich sehe hier einen maximalen Widerspruch und frage mich, inwiefern die Institution Zoo damit ihre Glaubwürdigkeit und Berechtigung aufs Spiel setzt.

Stefan Reegen: Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, dass Tötungen im Rahmen des Artenschutzes im ersten Moment aus einer emotionalen Sicht wenig verständlich sind. Die Sicherstellung von kontinuierlicher Zucht ist aus zwei Gründen bedeutsam. Einerseits bedingt durch die Sozialstruktur, die bei vielen Arten äusserst komplex ist und bei denen die Aufzucht von Nachwuchs eine wichtige Rolle spielt. Ohne Fortpflanzung würde den Tieren ein elementares Grundbedürfnis genommen, was zu Tierwohleinschränkungen führt. Zum anderen stellt Zucht den Erhalt der gesamten Population im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) sicher. Viele Tierpopulationen in Zoos drohen, zu überaltern und sind dadurch gefährdet, instabil zu werden. Dies gilt es, durch ausreichenden Nachwuchs zu verhindern. Um die Stabilität einer Population zu bestimmen, reicht ein Blick auf die Alterspyramide einer Population. Gibt es viele alte und wenig junge Individuen innerhalb der Population? Ist das Verhältnis ausgeglichen? Überwiegt der Anteil der Jungen? Gibt es keinen Nachwuchs und sterben zeitgleich nach und nach alte Tiere, sind irgendwann kaum noch Tiere oder sogar gar keine Tiere mehr da. Diese Veränderungen in einer Population sind nicht vorhersehbar. Solche Populationen sind weniger resilient – zum Beispiel gegen plötzlich auftretende Ereignisse, wie eine erhöhte Mortalität in kurzer Zeit, die ohne ausreichend vorhandenen Nachwuchs in der Gesamtpopulation in Zoos dazu führen, dass Populationen nicht mehr erhalten werden können. Durch Erhalt von langfristig stabilen und gesunden Populationen entsteht erst die Glaubwürdigkeit von modernen Zoos, nicht durch die Haltung von einzelnen Tieren, die keinen Beitrag zum Artenschutz leisten.

Wie kann man Unterhaltung von Besucherinnen und Besucher und moderne, artgerechte Tierhaltung vereinbaren; wäre es nicht schlauer, sich auf weniger Tierarten zu fokussieren und diese dann effizienter auf Auswilderung vorzubereiten?

Nadja Brodmann: Moderne, tier- und artgerechte Haltung und gute Unterhaltung der Besucherinnen und Besucher schliessen sich keineswegs aus. Bestes Beispiel ist die Masoala-Halle. Grosse und gut strukturierte Gehege, in denen sich die Tiere wohl fühlen, sind auch für die Beobachtenden spannend – die Situation ist ähnlich wie im Freiland. Intensive Suche, gezieltes Entdecken und Beobachten der Tiere wird so viel aufregender, als wenn die Tiere wie im Schaufenster präsentiert werden. Solche Zoos sind definitiv nicht mehr zeitgemäss und aus Tierschutzsicht auch inakzeptabel.

Verdecken Zoos mit dem Argument „Artenschutz“ systematische Tierschutzprobleme und sollten Zoos verpflichtet werden, alle Tierschutzprobleme transparent offenzulegen?

Stefan Reegen: Im Rahmen von regelmässigen Kontrollen durch das kantonale Veterinäramt wird die Tierschutzkonformität von Zoos laufend evaluiert. Tierschutzprobleme hätten Sanktionen zur Folge, die bis hin zur Schliessung von Einrichtungen führen können, wodurch diese für jeden ersichtlich wären. Des Weiteren stellt der Schweizer Tierschutz STS im Rahmen seiner Zooberichte immer wieder unabhängige Einschätzungen einzelner Zoos zur Verfügung.

Entsprechen Tierparks oder Zoos mehr dem Tierschutz oder gibt es da keinen Unterschied?

Nadja Brodmann: Aus unserer Sicht gibt es keinen Unterschied: Tierparks halten hierzulande eher einheimische Tiere und Zoos eher exotische.

Wäre es aus Sicht des Artenschutzes nicht sinnvoller, die finanziellen Ressourcen von Zoos konsequent in den Schutz der natürlichen Lebensräume vor Ort zu investieren statt in die Haltung von Tieren in Gefangenschaft?

Stefan Reegen: Der Vorteil eines modernen Zoos liegt darin, dass er Natur- und Artenschutz holistisch, also ganzheitlich auf verschiedenen Ebenen betreiben kann, und so einen grösseren Wirkungskreis erzielt. Naturschutz, Artenschutz, Bildung und Forschung vereint an einem Ort und mit der Möglichkeit, Artenschutzziele zeitgleich auf allen vier Ebenen gemeinsam anzugehen, das kann nur ein Zoo. Ein moderner Zoo verbindet alle vier Hauptaufgaben in einer Weise miteinander, dass sich daraus der grösstmögliche Nutzen und Erfolg für den Artenschutz erzielen lässt. Beispiel Masoala Regenwald: Hier leben fast ausschliesslich gefährdete Arten. Durch die erfolgreiche Beteiligung an den Europäischen Erhaltungszuchtprogrammen (EEP) für diese Arten trägt der Zoo aktiv zum Erhalt der Reservepopulation ausserhalb des natürlichen Lebensraums bei (Ex-Situ-Schutz) und somit zum Fortbestand der Art. Die Reservepopulationen bilden die Basis für künftige mögliche Wiederansiedlungsprojekte.

Zeitgleich ist der Masoala Regenwald eine Nachbildung des Original-Lebensraums auf Madagaskar. Dies bietet den Tieren einerseits ideale Lebensbedingungen, andererseits ermöglicht er den Zoogästen ein naturnahes und sehr reales Erleben des Regenwalds. Die Gäste tauchen ein und entdecken, sie gehen auf die Suche, erfahren Neues, lernen dazu und freuen sich, wenn sie ein Tier finden. Das weckt Emotionen. Und diese wiederum führen dazu, dass Spenden generiert werden, die ohne Zoos nicht entstehen würden. Die Spenden wiederum wandern direkt und vollumfänglich in das Naturschutzprojekt Masoala Regenwald. Insgesamt beteiligen wir uns dadurch jährlich mit rund 2.5 Mio. Franken an acht verschiedenen Naturschutzprojekten weltweit.

Weil der Regenwald fast wie das Original funktioniert, können aufwendige Forschungsprojekte realisiert werden, wie beispielsweise die Zusammenarbeit mit der ETH Zürich, welche Sensoren im Regenwald testet, die wiederum weltweit zur Erfassung der Artenvielfalt eingesetzt werden.

So trägt der Masoala Regenwald als Lebensraum innerhalb eines modernen Zoos auf vier verschiedenen Ebenen dazu bei, dass die Biodiversität geschützt wird.

Kann man Zoos ein ethisches Dilemma nennen?

Nadja Brodmann: Ja, einerseits weil viele ausländische Zoos (China, Russland, etc.) noch immer Tiere aus freier Wildbahn einfangen, um sie in Zoos zu präsentieren. Andererseits ist es auch aus Tierschutzsicht ein Dilemma, weil gewisse Tiere nicht optimal gehalten werden können (z.B. Elefanten, Beutefänger, wandernde Arten). Auch ist manchmal das Töten einzelner Tiere nötig, was aus ethischer Sicht durchaus hinterfragt werden kann. Zugleich ist es aus Tierschutzsicht aber in gewissen Fällen auch nötig, Tiere aus den Gruppen zu entfernen, um innerartliche Aggressionen zu verhindern und das Wohlergehen der Gruppe zu sichern. In jedem Fall muss aber vor einer Tötung versucht werden, diese Tiere umzuplatzieren. Eine Tötung soll immer das letzte Mittel der Wahl sein. Aus Tierschutzsicht ist es dabei essentiell, dass die Tiere schonend und stressfrei getötet werden.

Ist es tierschutzkonform, Tiere ihr Leben lang auf begrenztem Raum ohne echte Wahlfreiheit zu halten?

Nadja Brodmann: Das ist eigentlich weniger eine Tierschutzfrage als eine ethische Frage. Denn Zoos können tierschutzkonform (= gemäss geltender Gesetzgebung) und zugleich tiergerecht sein (= gemäss den individuellen Bedürfnissen optimiert), ohne aber Wahlfreiheit und ein Leben wie in der freien Natur zu haben. Es ist eine ethische Grundsatzfrage, ob Tiere in menschlicher Obhut gehalten werden dürfen oder nicht. Tierhaltung entspricht einer kulturellen Übereinkunft, die sowohl für Zootiere als auch für Heim-, Nutz- und Versuchstiere gilt. Aus Tierschutzsicht wird die Haltung von Tieren nicht in Frage gestellt, aber wir fordern für alle Tiere eine tiergerechte Haltung und einen schonenden, respektvollen Umgang.

Ist es realistisch grosse Raubtiere (Grosskatzen, Bären, Wölfe etc.) artgerecht zu halten? In der Natur haben diese ja Reviere, die sich über viele Quadratkilometer ausdehnen, was in einem Zoo nicht möglich ist. Des Weiteren würde mich interessieren, wie stark das natürliche Verhalten bei Tieren in Zoos gestört wird, die natürlicherweise über grosse Strecken migrieren (viele Vögel, manche Huftiere).

Stefan Reegen: Am Beispiel der Migration von Huftieren kann man diesen Aspekt beleuchten. Durch unterschiedliche Vegetationsperioden sind verschiedene Arten ständig gezwungen neue Nahrungsgrundlagen erschliessen zu müssen. Das Grundbedürfnis der Tiere ist dann nicht die Migration oder das Zurücklegen langer Strecken, sondern das Erschliessen müssen von Futtergründen. Tiere versuchen ihre Energieressourcen möglichst gewinnbringend einzusetzen, weshalb sie nur so viel Energie aufwenden wie unbedingt notwendig ist. Im Zoo wir jeder Tierart ein angepasstes Nahrungsangebot zur Verfügung gestellt, sodass sie nicht in einen Mangel kommen, der das Bedürfnis der Erschliessung neuer Futtergründe notwendig macht. Trotz dessen müssen sich die Tiere im Zoo Zürich ihr Futter selbst erarbeiten, es wird ihnen nicht auf dem Silbertablett serviert. So verfügt beispielsweise die Lewa Savanne

im Zoo Zürich über verschiedene, computergesteuerte Futterstellen, die immer nur kleine Mengen Futter an stetig ändernden Orten zur Verfügung stellen.

Meiner Meinung nach sieht das Affenhaus im Zoo Zürich mittlerweile sehr runtergekommen aus und die Tiere drin tun mir leid. Entsprichen diese Gehege noch dem Tierschutz, weil es sieht echt traurig aus...

Stefan Reegen: Unser Entwicklungsplans 2050 sieht auch einen Neubau der Lebensräume unserer Menschenaffen vor. Weitere Informationen zu diesem und weiteren Projekten unter zoo.ch/zukunft

Eine Frage, welche mich immer beschäftigt, wenn ich an den Zoo denke, ist, ob es überhaupt ethisch ist Tiere im Zoo zu halten und auch wenn ich höre, dass die meisten Tiere im Zoo nicht in der Wildnis geboren worden sind, macht es mich ein wenig traurig diese Tiere auf (zum Teil) so kleinen Raum zu sehen. Meine Frage wäre: In welchen Aspekten ist der Zoo ein Plus für die Tierwelt?

Nadja Brodmann: Ein Plus für die Tierwelt ist die Arterhaltung und die Biodiversität. Ein Plus für die Tiere ist bei einer guten, tiergerechten Haltung mit viel Abwechslung und Beschäftigung, dass sie keinen Stress wie Feindvermeidung, Futterbeschaffung und zwischenartliche Konkurrenz haben. Zudem werden sie bei Krankheiten und Verletzungen medizinisch versorgt.

Ich will im Zoo arbeiten. Was für Ausbildungsmöglichkeiten habe ich?

Stefan Reegen: Wir haben ein vielfältiges Angebot an Lehrstellen, von Koch bis Tierpfleger. Informieren Sie sich gerne auf unserer Webseite (https://www.zoo.ch/de/der-zoo-zuerich/arbeiten-im-zoo/schnupperlehre-lehrstellen)

Könnten moderne Technologien wie Virtual Reality oder hochwertige Dokumentationen den Bildungsauftrag von Zoos ersetzen, ohne Tiere in Gefangenschaft halten zu müssen?

Stefan Reegen: Weil sich Mensch und Natur zunehmend entfremden (immer mehr Menschen leben in einem urbanen Umfeld), kommt den wissenschaftlich geführten Zoos eine wichtige Rolle im Bereich der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Biodiversitätskrise zu. Die Tiere werden in den Zoos zum einen für die Zucht gefährdeter Arten, aber auch als wichtige Botschafter für die wilden Artgenossen gehalten. Durch das Erleben der Tiere mit allen Sinnen (z.B. Sehen, Hören, Riechen, z.T. Spüren) werden die Zoogäste auf einer emotionalen Ebene abgeholt und sind dadurch bereit über die Tiere und ihre Bedrohungsgründe zu lernen. Eine Naturdokumentation kann Wissen vermitteln, bleibt aber emotional immer hinter der realen Begegnung mit einem Tier zurück. Mit den rund 1.3 Mio. Zoogästen pro Jahr kann der Zoo Zürich Dank den Tieren eine breite Masse der Bevölkerung für den Natur- und Artenschutz begeistern. Nicht allen Menschen ist es zudem möglich, in das Ursprungsland einer Art zu reisen, um den Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum zu begegnen. Auch sind solche Reisen an weit entfernte Orte immer mit Emissionen verbunden, was sich wiederum negativ auf die Zwillingskrise der Biodiversitätskrise, konkret die Klimakrise, auswirkt. Der Einsatz von modernen Technologien wie VR kann das Bildungsangebot erweitern, aber nicht das vollumfängliche, reale Erlebnis im Zoo ersetzen.

Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass Zoos messbar zum Artenschutz beitragen oder dienen sie primär Bildungs- und Unterhaltungszwecken auf Kosten des Tierwohls?

Stefan Reegen: Moderne Zoos mit den vier Hauptaufgaben Artenschutz, Naturschutz, Forschung und Bildung sind wichtigen Akteuren zur Bewältigung der weltweiten Krise der Artenvielfalt. Dies bestätigt auch die Weltnaturschutzunion IUCN im Jahr 2023 in einem Positionspapier (https://iucn.org/resources/commission-statement/iucn-commission-statement-role-botanic-gardens-aquariums-and-zoos).

SRF 4 News, 9.3.2026, 11 Uhr ; 

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