Die Tiere in unseren Zoos werden immer älter, vor allem, weil sie medizinisch immer besser versorgt sind. Doch dadurch fehlt der Platz für Jungtiere. Marcus Clauss, Co-Leiter des Tierspitals Zürich, schlägt nun vor, alte Tiere einzuschläfern, um Platz zu machen für junge.
SRF News: Warum ist die Überalterung in den Zoos ein Problem?
Marcus Clauss: Das Ziel der Zoos in Europa ist eigentlich, dass sich eine Population von einer bestimmten Tierart über alle Zoos hinweg selbst erhalten kann. Doch wenn sie stark überaltert ist, besteht die Gefahr, dass die Tierart ausstirbt. Und man will das Überalterungsproblem nicht dadurch lösen, dass man wieder aus der Wildnis Jungtiere holt und in Zoos reinsteckt.
Wenn man die Population mit Jungtieren erneuern will, muss man irgendwie Platz schaffen.
Was bedeutet es konkret, wenn eine Zoopopulation überaltert ist?
Je mehr alte Tiere in den Zoos sind, desto schwieriger wird es, junge Tiere entstehen zu lassen, wenn es wieder solche braucht. Für Nachwuchs braucht man deshalb Tiere im besten Fortpflanzungsalter. Wenn man also die Population mit Jungtieren erneuern will, muss man irgendwie Platz schaffen. Das könnte man tun, indem man ältere Tiere mit allem Respekt und unter aller Vorsicht tötet.
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Bei welchen Tierarten gibt es besonders viele Senioren in den Zoos?
Ein Beispiel sind die Schimpansen, die uns als Menschenaffen sehr nahestehen. Weil es nur wenig Platz gibt für neuen Nachwuchs, werden die meisten Schimpansen in Europas Zoos durch Verhütung an der Fortpflanzung gehindert. Und so gibt es inzwischen sehr viele alte Tiere. Gerade bei den sehr sozialen Schimpansen stellt sich auch die Frage, wie die wenigen jetzt heranwachsenden Tiere lernen sollen, ihre eigenen Jungtiere dereinst aufzuziehen, wenn sie das nicht selber miterleben.
Das Fleisch der getöteten Zebras könnte man beispielsweise zur Fütterung der Raubtiere nutzen.
Ein anderes Beispiel sind die Grevyzebras. Wenn sich diese Tiere in den Zoos regelmässig fortpflanzen könnten und man im Gegenzug Grevyzebras in allen Altersstufen kontrolliert und respektvoll töten würde, hätte man eine gesunde Population. Das Fleisch der Tiere könnte man beispielsweise zur Fütterung der Raubtiere nutzen. Weil man aber in den Zoos das Bild nicht will, wie ein Löwe ein Zebra frisst, verhindert man den Nachwuchs bei den Zebras – und ihre Population wird immer älter.
Ihre aktuelle Studie zeigt, dass alte Tiere die Artenschutzziele moderner Zoos gefährden. War das früher anders?
In Zoos hat man für eine bestimmte Tierart nur einen beschränkten Platz. Früher starben immer mal wieder Zootiere an Krankheiten. So gab es immer wieder Platz für Nachwuchs oder Jungtiere aus anderen Zoos.
Zoos lassen die Tiere häufig alt werden – und deshalb fehlen die Jungtiere.
Doch inzwischen sterben wegen der viel besseren Zoomedizin viel weniger ältere Tiere, es gibt nicht regelmässig Platz für neue Jungtiere. Und so überaltern mit der Zeit die Populationen. Was also tun? Tötet man alte Tiere, damit Nachwuchs nachrücken kann? Oder lässt man keinen Nachwuchs entstehen, weil man den dann töten müsste? Das ist das Dilemma, in dem viele Zoos stehen. Und so zeigt unsere Studie, dass in den Zoos häufig die Strategie gewählt wird: Wir lassen die Tiere alt werden – und es gibt keine neuen Jungen.
Das Gespräch führte Barbara Reye.