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Q&A zur Energieversorgung Wie kann ich meinen Alltag energiefreundlicher gestalten?

Gabriela Hug, Martin Koller und Lukas Gutzwiller beantworteten Ihre Fragen – live im Chat.

Steigende Ölpreise, unsichere Lieferketten und eine offene AKW-Frage: Die Energiepolitik der Schweiz steht an einem Wendepunkt. Was würde es bedeuten, wenn neue AKW gebaut würden? Welche Alternativen gibt es – und wie stark trifft uns ein möglicher Ölpreisschock durch den Konflikt im Nahen Osten? Stellen Sie Ihre Fragen jetzt.

Fachpersonen im Chat

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Gabriela Hug
Professorin am Departement für Informationstechnologie und Elektrotechnik
ETH Zürich

Martin Koller
Chefökonom und Strategie-Chef
Axpo

Lukas Gutzwiller
Fachspezialist Sektorkopplung/Monitoring
Bundesamt für Energie

Chat-Protokoll:

Alle Studien, die ich lese, besagen, dass Kernkraftwerke viel teurer sind als alle anderen Energiequellen. Und einige berechnen nicht einmal den Rückbau oder zu erwartende steigende Baukosten mit ein. Wieso scheint die Kernkraft immer noch berücksichtigt zu werden, trotz all dieser eindeutigen Studien? Mir ist die kalte Winternacht-Problematik klar, aber sollte hier nicht stattdessen intensiv an Energiespeichern geforscht werden, statt 1 Franken in Kernkraft zu investieren?

Gabriela Hug: Es ist sehr schwierig einzuschätzen, wie viel es kosten würde, in der Schweiz ein neues Kernkraftwerk zu bauen. Es ist nicht möglich, die Kosten oder auch die Baudauer von anderen Ländern eins zu eins zu übernehmen, da die Rahmenbedingungen anders sind. Die Unsicherheit in den Kosten und die Baudauer sind also ein grosses Problem. Genau wegen dieser Unsicherheiten reichen die Bereiche der möglichen Kosten und der Baudauer von tief bis hoch. Wenn man mit den Kosten und der Baudauer im unteren Teil des möglichen Bereichs argumentiert, dann wären Kernkraftwerke möglicherweise kosteneffizient, aber nicht, wenn man vom mittleren bis höheren Bereich ausgeht. Der Vorteil der Kernkraft liegt darin, dass mit einem Kernkraftwerk sehr viel Energie erzeugt werden kann, aber sie hat halt auch viele Nachteile wie dass es Uran braucht, Abfallthematik, etc.

Wieso wird aktuell geplant Beznau 2032 still zu legen? wäre es nicht sinnvoller, ein bestehendes AKW zu modernisieren, anstelle es stillzulegen, und ein neues zu bauen?

Martin Koller: Der Entscheid für eine endgültige Ausserbetriebnahme im Jahr 2032/33 fiel unter Berücksichtigung von technischen, organisatorischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Beznau wird bei der Ausserbetriebnahme im Jahr 2033 rund 64 Jahre in Betrieb gewesen sein. Je nach Kernkraftwerk ist ein längerer Betrieb durchaus sinnvoll.

Welchen Einfluss werden die steigenden Ölpreise auf die Schweizer Strompreise für Abnehmer in der Grundversorgung haben?

Martin Koller: Da nur sehr wenig Strom durch Ölkraftwerke erzeugt wird, ist der direkte Einfluss gering. Indirekt gibt es aber schon einen Einfluss. Oft sind es dieselben Events, die Öl und Gas verteuern, und je nach Anwendung kann Öl auch durch Gas ersetzt werden (und umgekehrt), sodass sich Preisbewegungen zwischen diesen beiden Commodities angleichen.

Wieso macht die Schweiz für Solar und Wind keine Vorfinanzierung über 10-jährige zinslose Darlehen? Beides refinanziert sich über diese Zeit von selbst. Somit ist es für den Bund kein Risiko. Und über Steuern auf Einspeisevergütungen würde der Bund gar Profite erzielen. Nach den 10 Jahren würde gar die Kaufkraft in der Schweiz steigen. Dies wäre eine kostenneutrale Option, um den Umbau zu einer günstigen, nachhaltigen Energiewirtschaft sicherzustellen und Standortvorteile zu sichern.

Lukas Gutzwiller: Die Frage des Ausbaus der Windenergie ist nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern vor allem der aufwendigen Bewilligungsverfahren.

Warum ist es in der Schweiz nicht erlaubt oder gar verboten, von Kleinkraftwerken Strom ins Netz einzuspeisen? Beispiel: Das ungenutzte Potenzial von 30% Strom aus Heizungen. Angst um Profit?

Lukas Gutzwiller: Wärmekraftkopplungsanlagen sind erlaubt, sind aber meist mit fossilem Gas betrieben.

Im neuen Axpo Bericht steht, dass die Steuerzahler das Risiko für den Langzeitbetrieb der bestehenden sowie für neue Atomkraftwerke übernehmen müssten, da diese für Energieversorgungsunternehmen sonst untragbar seien. Gleichzeitig wird der Weg mit neuen Atomkraftwerken als der Günstigste beschrieben. Wie geht das zusammen? Ausserdem wurde mir im Bericht nicht ersichtlich, ob die betrieblichen Risiken bezüglich Radioaktivität und Langzeitlagerung im Preis abgebildet sind. Besten Dank im Voraus!

Lukas Gutzwiller: der Weg über neuen KKW ist sicher nicht der günstigste, aber KKW können im Winter Bandlastliefern, was im Zusammenspiel mit den erneuerbaren, inbesondere Speicherwasserkraft sinnvoll sein kann.

Im neuen Axpo-Bericht steht, dass die Steuerzahler das Risiko für den Langzeitbetrieb der bestehenden sowie für neue Atomkraftwerke übernehmen müssten, da diese für Energieversorgungsunternehmen sonst untragbar seien. Gleichzeitig wird der Weg mit neuen Atomkraftwerken als der günstigste beschrieben. Wie geht das zusammen? Ausserdem wurde mir im Bericht nicht ersichtlich, ob die betrieblichen Risiken bezüglich Radioaktivität und Langzeitlagerung im Preis abgebildet sind. Besten Dank im Voraus!

Lukas Gutzwiller: Der Weg über neuen KKW ist sicher nicht der günstigste, aber KKW können im Winter Bandlast liefern, was im Zusammenspiel mit den erneuerbaren, insbesondere Speicherwasserkraft, sinnvoll sein kann.

Heute scheinen Effizienz- und Suffizienzmassnahmen ziemlich in den Hintergrund gerückt zu sein. Aber jede kWh Strom, die nicht gebraucht wird, muss auch nicht produziert werden. Wie gross sehen Sie das Potenzial von Suffizienz – und Effizienzmassnahmen in der Schweiz? In welchem Bereich sehen Sie die grössten Suffizienz- und Effizienzmassnahmen? Bei den Gebäudehüllen?

Martin Koller: Oft lohnen sich Effizienzmassnahmen, sie werden aber dennoch nicht getroffen. Ein Beispiel sind Immobilien. Ob Renovationen getätigt werden oder nicht, hängt sehr stark von den Lebensumständen der Eigentümerinnen und Eigentümer ab und weniger vom Effizienzpotential. Weiter ist es so, dass viele einfach zu hebende Potenziale schon gehoben wurden, Stichwort Glühbirne. Und wiederum ist es sehr oft so, dass eine Effizienzmassnahme zu höherem Stromverbrauch, aber tieferem Energieverbrauch führt (Elektromobilität, Wärmepumpen, etc.). Suffizienz hängt viel stärker an persönlichen Präferenzen als an ökonomischen Überlegungen.

Warum steigt der Benzinpreis bei uns, wenn die Schweiz hauptsächlich Rohöl aus den USA, Nigeria und Kasachstan bezieht? Die Strasse von Hormus brauchts bei diesen Ländern nicht.

Martin Koller: Die Preisbildung von Öl und Gas ist global, da diese Commodities überallhin verschifft werden können (Gas als LNG, also in flüssiger Form).

Angenommen, wir hätten nun zusätzliche AKWs: Was machen wir mit dem zusätzlichen Strom im Sommer?

Lukas Gutzwiller: Das ist eine berechtigte Frage. In der Regel werden die KKW im Sommer revidiert. Allenfalls könnten diese Revisionszeiten verlängert werden, oder die KKW laufen nicht bei sehr tiefen Strompreisen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Produktion von strombasierten flüssigen und somit speicherbaren Energieträgern.

Antimaterie: Könnte damit in Zukunft die Abfälle von Atomreaktoren entsorgt werden?

Lukas Gutzwiller: Die Herstellung von Antimaterie wäre wohl zu aufwendig, energetisch wie wirtschaftlich.

Wie funktioniert ein AKW genau?

Martin Koller: Bei der Spaltung von Atomkernen wird eine hohe Energiemenge frei. Damit wird Wasser erhitzt und eine Dampfturbine angetrieben, mit der Strom erzeugt wird.

Wie funktioniert Stromversorgung überhaupt?

Gabriela Hug: In Kraftwerken werden andere Formen von Energie (potenzielle, kinetische, thermische Energie) in elektrische Energie umgewandelt. Bei Wasserkraft, Kernkraft und Kohlekraftwerken wird dies mit Synchronmaschinen gemacht. Dort wird eine Turbine durch Wasser oder Dampf angetrieben und über die Synchronmaschine anhand von elektromagnetischer Kopplung in elektrische Energie umgewandelt. Bei PV und Wind funktioniert die Kopplung über Leistungselektronik (Wechselrichter), d.h. dort gibt es keine Synchronmaschinen. Die elektrische Energie wird über das Hochspannungsnetz (dies entspricht im Verkehr den Autobahnen) näher zum Endverbraucher übertragen. Auf verschiedenen Stufen wird auf tiefere Spannungen heruntertransformiert und weitertransportiert (man kann sich dies wie die Haupt- und Dorfstrassen vorstellen). Bei höheren Spannungen hat man weniger Verluste, aber es braucht auch mehr Sicherheitsvorkehrungen. Ausserdem muss immer gleich viel elektrische Energie eingespeist werden, wie gerade verbraucht wird. Dies wird zum einen über Vorhersagen und eine Planung, wie viel jedes Kraftwerk erzeugen soll, gemacht. In Echtzeit funktioniert der Ausgleich über die Frequenzregelung. Ein Ungleichgewicht in Erzeugung und Verbrauch hat nämlich Auswirkungen auf die Frequenz (50Hz ist der Nominalwert, aber es gibt Abweichungen davon). Die Frequenz kann jedes Kraftwerk lokal messen und es kann dann seine Einspeisung basierend auf der Frequenz anpassen.

Ich habe immer wieder gehört, dass, wenn man bei einem AKW den CO₂‑Ausstoss für den Bau, die Produktion der Brennstäbe sowie das Abreissen und Entsorgen des AKW einberechnet, ein AKW gar nicht mehr so «Grün» ist. Zum Teil sogar gleichauf mit anderen Kraftwerken. Ich konnte jedoch bisher für diese Behauptung noch keinen Beweis/Studie finden. Wie stehen Sie dazu? Ist das nur eine Behauptung oder ist da etwas dran?

Lukas Gutzwiller: Der Bau von KKWs ist sehr aufwendig, aber auch jener von Wasserkraftwerken. Das BAFU erstellt Ökobilanzen, siehe https://www.linkedin.com/posts/arthur-braunschweig-712b9754_the-swiss-bafu-office-for-the-environment-activity-7407746855608086528-ByRA/

Wieso weigert sich die Schweiz, Speicher mehr zu fördern, was zeitgleich Netze entlasten würde und die überschüssige Energie vom Mittag auf den Abend verschieben könnte? Es gibt in der Schweiz genug Energie, die vorhanden ist durch erneuerbare Energien. Bis ein AKW steht, dauert es viel zu lange, um die heutigen Probleme lösen zu können. Nicht, dass die AKW nicht erwünscht wären, aber diese werden unsere Netto-Null-Ziele nicht mehr beeinflussen können, wenn sie in 15–20 Jahren erst fertig sind.

Martin Koller: Die Förderung dezentraler Kleinspeicher ist unnötig und ineffizient. Effizienter wäre es, Kleinspeicher Marktsignalen auszusetzen. Dann würden sie automatisch hohen und tiefen Preisen, d.h. den entsprechenden Spreads, ausgesetzt sein.

Was passiert, wenn der Ölpreis wieder ein Allzeithoch erreicht?

Martin Koller: Das hätte ganz verschiedene Effekte. Zwei davon: Fossil-unabhängige Stromproduktion würde wirtschaftlicher, und die Gefahr einer Rezession würde ansteigen.

Können wir dezentrale Gaskraftwerke erstellen? Gas wäre das einzige Medium, Reserven zu bilden. Was man hat, das hat man.

Martin Koller: Gaskraftwerke sind eine Technologie mit hohen Skaleneffekten, d.h. sie sind in grosser Bauweise günstiger. Entsprechend ergeben dezentrale kleine Gaskraftwerke wenig Sinn. Bei Speichern verhält sich das gleich.

Wie lange könnten die Schweizer Pflichtlager die Versorgung sichern und was müsste passieren, damit der Bundesrat die Reserven freigibt?

Lukas Gutzwiller: Der Betrieb der Pflichtlager erfolgt über https://www.carbura.ch/ und wird durch das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung begleitet. Die Pflichtlager werden bei einer kritischen Versorgungssituation freigegeben, aber nicht einfach bei steigenden Preisen. Kritische Versorgungslagen gibt es bspw. wenn der Rheinpegel tief ist und gleichzeitig die Bahnstrecke in Süddeutschland unterbrochen ist. Auch ein Ausfall der Pipeline zur Raffinerie Cressier könnte ein Problem darstellen.

Eines der stärksten Erdbeben der modernen Geschichte hat in Fukushima an den Kernreaktoren keine nennenswerten Schäden verursacht. Die schreckliche Katastrophe wurde ausschliesslich durch den nachfolgenden Tsunami ausgelöst. Meine Frage: Wie und mit welcher Hilfe haben es Kernkraftgegner geschafft, diesen Fakt im öffentlichen Bewusstsein auszublenden?

Lukas Gutzwiller: Die Schäden durch das Erdbeben waren nicht nur Überschwemmungen, sondern auch radioaktiv kontaminierte Gebiete, die lange nicht mehr bewohnbar sind. KKW-Unfälle müssen unbedingt verhindert werden.

Gebaute Stromerzeugungsanlagen sind gut, funktionierende und stromliefernde noch besser. Spezialisten stellen fest, dass dezentrale PV-Anlagen (zumeist im Privatbesitz) nach wenigen Jahren nur noch teilweise die mögliche Leistung erbringen. Zentrale Anlagen, wie Wasserkraftwerke, Kernkraftwerke und GWK-Anlagen werden gehegt und gepflegt – geht ja ums Geld! Fazit: Millionensubventionen in private, dezentrale Anlagen verpuffen. Macht das Sinn?

Gabriela Hug: Es gibt tatsächlich eine gewisse Degradation über die Jahre, aber meines Wissens liegt diese bei weniger als 0.5% pro Jahr. PV-Anlagen benötigen auch eher wenig Wartung. Zudem haben die Kosten für PV-Anlagen und insbesondere auch in Kombination mit Batterien stark abgenommen, sodass es seit längerer Zeit eine kompetitive Erzeugungsform ist. Schlussendlich ist es wichtig, eine Kombination von Erzeugungsformen zu haben. Die bereits vorhandene Wasserkraft ist eine gute Ergänzung zu Solarenergie. Aber auch Windenergie wäre für die Schweiz sehr wichtig, weil sie PV saisonal gut ergänzt, d.h. man hat im Winter mehr Windenergie als im Sommer. Auch bei Wind sind die Kosten mittlerweile kompetitiv.

Ist der Übergang zu erneuerbaren Energien realistisch oder zu optimistisch?

Lukas Gutzwiller: Der Übergang zu den erneuerbaren Energien ist voll im Gang. Heute decken Solaranlagen bereits ein Zehntel des Jahresstromverbrauchs.

Wie abhängig ist die Schweiz noch von fossilen Energien? Und welche Alternativen gibt es zu Öl und Gas?

Martin Koller: https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/versorgung/statistik-und-geodaten/energiestatistiken/gesamtenergiestatistik.html : Erdölprodukte 355 TJ, Gas 95 TJ, Strom 207 TJ, andere (teilweise fossil) 119 TJ. Flugtreibstoffe nicht inkludiert. Fazit: Die Schweiz ist nach wie vor stark von fossilen Energien abhängig. Alternativen in grösserem Massstab: Strom, der nicht fossil erzeugt wird (Sonne, Wind, Wasser, Kernenergie), Alternativen in kleinerem Massstab: Biogas.

Weshalb wurde nicht schon früher verstärkt auf die Plasmaenergie gesetzt?

Lukas Gutzwiller: An der Fusionstechnologie wird geforscht, seit man Atomforschung betreibt. Die Technologie ist aber wie die Kernspaltung sehr komplex.

Wird Kernfusion zu unserer Lebzeit noch eine massentaugliche Energiequelle sein, was denken Sie?

Martin Koller: Die Kernfusion steht seit 50 Jahren 30 Jahre bevor. Statistisch gesehen habe ich noch etwa 40 Jahre zu leben, ich habe also Hoffnung.

Etwas ernster: Weltweit wird an der Kernfusion geforscht, und es gibt immer wieder Fortschritte. Allerdings sind wir noch weit von einem Durchbruch und insbesondere von der Massentauglichkeit entfernt.

Wie funktionieren Molten-Salt-Reaktoren? Sind diese wirklich so sicher, wie gesagt wird?

Lukas Gutzwiller: Molten-Salt-Reaktoren sind in der Regel Reaktoren der vierten Generation. Der Vorteil ist vor allem, dass sie weniger stark radioaktiven und langlebigen Abfall erzeugen. Auch gibt es weniger waffenfähiges Plutonium, was aus Sicht der Proliferation besser ist.

Welche Risiken entstehen durch die fehlende eigene Öl- und Gasproduktion?

Lukas Gutzwiller: Wir sind auf den Import fossiler Energien angewiesen. Je stärker wir diese reduzieren, umso unabhängiger und klimaschonender werden wir.

Warum ist die Schweiz trotz Wohlstand so stark von Energieimporten abhängig?

Martin Koller: Wohlstand und Energieverbrauch sind hoch korreliert, d.h. es gibt kaum reiche Länder mit tiefem Energieverbrauch. Allerdings hat sich diese Korrelation in den letzten Jahren abgeschwächt.

Die Schweiz hat im Sommer bereits mehr Solarstrom, als sie braucht – warum investieren wir nicht massiv in Speichertechnologien? Welche Speichertechnologien kommen infrage? Wie entwickelt sich dieser Bereich?

Lukas Gutzwiller: Mit dem Gesetz für eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien, sollen vor allem auch die Wasserspeicher ausgebaut werden. Das sind die wichtigsten Energiespeicher in der Schweiz, da sich der Untergrund eher weniger für Gasspeicher und Kavernenspeicher eignet. Aber auch da gibt es Projekte.

Welche Rolle spielt Wasserstoff in der zukünftigen Energieversorgung?

Lukas Gutzwiller: Eines der wichtigsten Einsatzgebiete von Wasserstoff ist in der Metallindustrie. Mit grünem Wasserstoff kann Eisenoxid reduziert und grüner Stahl produziert werden.

Welche Form von erneuerbarer Energie ist in der Schweiz am effizientisten?

Gabriela Hug: Die Frage der Effizienz kann unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden und es ist nicht ganz einfach, diese zwischen den verschiedenen Technologien zu vergleichen. Momentan setzen wir in der Schweiz hauptsächlich auf PV-Anlagen. Diese sind mittlerweile, auch in Kombination mit Batterien, kosteneffizient und können einfach installiert und angeschlossen werden. Auch die Windkraft wäre eigentlich in Bezug auf Kosten kompetitiv. Es ist vor allem die aus irgendeinem Grunde mangelnde Akzeptanz bei der Bevölkerung, die bewirkt, dass wir bisher nur sehr wenige Windkraftanlagen haben. Es gibt sicher Länder, in denen aus derselben Windkraftanlage oder derselben PV-Anlage mehr elektrische Energie erzeugt wird, weil es windiger oder sonniger ist, aber die Frage ist natürlich auch, wie man ein optimales Portfolio zusammenstellt. Die Wasserkraft hat sich in der Schweiz schon über Jahrzehnte hin bewährt, aber da gibt es nicht mehr allzu grosse Ausbaumöglichkeiten. Das heisst, zur Beantwortung der Effizienz muss abgewogen werden zwischen Kosten, Wirkungsfaktor, ob die Anlagen dann Energie liefern, wenn man sie braucht etc.

Kann es in der Schweiz ein zweites Tschernobyl geben und was müsste man dann machen?

Lukas Gutzwiller: Es ist zu hoffen, dass es nirgends je ein zweites Tschernobyl geben wird. Die CH-Kernreaktoren werden durch das ENSI beaufsichtigt und sind in einem guten Zustand. Die kontinuierlichen Unterhaltsinvestitionen ermöglichen auch einen Langzeitbetrieb, welcher durch das ENSI überwacht wird.

Warum muss Stromproduktion immer genau dem Verbrauch entsprechen?

Martin Koller: Übersteigt die Nachfrage die Produktion, sinkt die Netzfrequenz ab (und umgekehrt). Sind die Frequenzschwankungen zu hoch, schalten sich Kraftwerke zu ihrem eigenen Schutz ab, womit es als Kettenreaktion bis zu einem Stromausfall kommen kann.

Was passiert im Netz bei einem Blackout?

Lukas Gutzwiller: Um einen Blackout zu verhindern, muss das Wechselstromnetz ausgeglichen sein. Das heisst, es braucht eine konstante Spannung und eine konstante Frequenz des Wechselstroms. Wenn dies nicht mehr gewährleistet ist, wie bspw. in Spanien im letzten Frühling, kommt es zum Blackout. Damals waren es nicht fehlende Kraftwerkkapazitäten, welche zum Blackout führten.

Ich lese immer wieder, dass Russland das einzige Land ist, von welchem wir Uran beziehen können. Stimmt das? Was wären andere Optionen, würden wir wieder auf Kernenergie setzen?

Martin Koller: Das ist falsch. Es gibt verschiedene Länder, die Kernbrennstoff liefern können, bspw. Kasachstan oder Kanada.

Guten Tag, in der Unterhaltungsliteratur finden sich beispielhafte Szenarien, in welchen etwa ein europaweiter Stromausfall und das gleichzeitige Versagen von Notstromkapazitäten dazu führen, dass die Kühlsysteme von vereinzelten AKW ausfallen und eine anschliessende Kernschmelze verursachen. Wie realistisch ist so ein Szenario und sind AKW in Europa/in der Schweiz ausreichend auf Worst-Case-Szenarien vorbereitet?

Martin Koller: Solche Szenarien sind unrealistisch. Kernkraftwerke haben mehrere redundante, vom Stromnetz unabhängige Kühlsysteme. Sie werden also auch bei einem Stromausfall sicher gekühlt.

Angesichts der Erfahrungen mit Projekten wie Flamanville EPR und Olkiluoto 3 mit langen Bauzeiten und massiven Kostenüberschreitungen: Welche konkreten Faktoren würden in der Schweiz realistisch zu einem anderen Ergebnis führen? Und besteht nicht die Gefahr, dass die politische Debatte über neue AKW von kurzfristig wirksamen Massnahmen zur Sicherung der Stromversorgung ablenkt und dabei politisches Kapital, erhebliche finanzielle Mittel und auch Vertrauen in die Energiepolitik bindet oder sogar verspielt?

Lukas Gutzwiller: Grob gesagt sind die heutigen Einschätzungen zu den Kosten und Bauzeiten realistischer als noch bei der Planung vor Fukushima. Auch die Anforderungen sind höher.

Was passiert genau bei der Kernspaltung im Reaktor?

Lukas Gutzwiller: Uran wird durch Neutronen in zwei kleinere Kerne gespalten. Dabei wird Energie freigesetzt.

Sind erneuerbare Energien wirklich unabhängig von geopolitischen Risiken?

Gabriela Hug: Erneuerbare Energien haben den Vorteil, dass, wenn die Technologie mal installiert ist, sie keine zusätzliche Primärressourcen brauchen. Das ist bei nicht-erneuerbaren Energien wie Gas-, Kohle- oder Kernkraftwerken oder Öl für Autos, Heizungen, etc. nicht der Fall. Dort braucht es ständig Nachschub der Primärressource. Gerade bei Uran, Öl und Gas hat hier die geopolitische Lage einen grossen Einfluss. Durch eine Elektrifizierung (E-Autos und Wärmepumpen) können wir unseren Primärenergiebedarf stark reduzieren, da sie insgesamt sehr viel weniger Energie brauchen als Benzinautos und Ölheizungen. Das heisst, wir reduzieren die Abhängigkeit gleich doppelt: insgesamt weniger Energie und Energie aus lokalen erneuerbaren Energien.

Warum braucht ein AKW so grosse Kühlanlagen oder Kühltürme?

Lukas Gutzwiller: Alle grossen thermischen Kraftwerke wie Kohlekraftwerke oder Gaskraftwerke benötigen Kühlwasser, um einen höheren thermodynamischen Wirkungsgrad zu erreichen.

Ich habe zwei Fragen: Was passiert mit dem radioaktiven Abfall nach der Stromproduktion und wie wird ein AKW sicher heruntergefahren?

Lukas Gutzwiller: Die verbrauchten Brennstäbe werden zuerst in einem Zwischenlager in Wasser zum Abklingen aufbewahrt, bevor sie in einem Endlager deponiert werden. Ein Reaktor wird heruntergefahren, in dem die Brennstäbe aus dem Reaktor gezogen werden und die Kernreaktion somit nicht mehr «kritsch» ist.

Warum wird die Power-to-X-Strategie nicht weiterverfolgt? Mit dem überschüssigen Sommerstrom sollte dieser saisonale Speicher trotz der geringen Effizienz wirtschaftlich sein, wenn grosse Energiekonzerne zu Marktpreisen einkaufen können.

Martin Koller: Weil es Stand heute sehr unwirtschaftlich ist. Bei einer Effizienz von 25% von Power-to-X-to-Power müsste der Strompreis bei der Rückverstromung viermal teurer sein als bei der Elektrolyse. Damit wären aber immer noch keine Infrastrukturen (Elektrolyseur, Speicher, Gaskraftwerk bzw. Brennstoffzelle), kein Personal und kein Kapital finanziert.

Ein Umweltingenieur erzählte mir: Jedes Haus der Schweiz mit Solar und guten Batterien zu bestücken, würde uns energieunabhängig machen. Ist die Lösung wirklich so einfach?

Lukas Gutzwiller: Theoretisch ja, aber Strom wird ja nicht nur in den Haushalten verbraucht. Wie soll beispielsweise Bahnstrom auf Dächern produziert werden?

Welche Kosten sind genau einberechnet, wenn man davon spricht, dass Kernkraftwerke denkbar seien in der Schweiz? Eine Voraussetzung wurde ja genannt, nämlich dass der Staat das Risiko eines Super-GAU zum Beispiel übernehmen müsste (was für mich als Bürger unerhört klingt). Wie steht es mit den Kosten (z.B. Kontaminationen) in den Ländern, in denen Uran abgebaut wird? Und vor allem zu den Kosten von strahlenden Atomabfällen: Auf wie viele hundert Jahre hinaus kann man überhaupt berechnen, was diese Kosten werden in Zukunft?

Lukas Gutzwiller: «Saubere» Lieferketten für Uran sind sehr wichtig, und es gibt immer mehr Transparenz. Der Aufwand für den Langzeitbetrieb eines Endlagers ist überschaubar.

Was wurde mehr gefördert mit staatlichen Subventionen, Kernenergie oder erneuerbare Energien?

Lukas Gutzwiller: Kernenergie wird heute in der Schweiz nicht direkt subventioniert, aber es ist richtig, dass letztlich der Staat für sehr grosse Unfälle haftet. Diese müssen deshalb unbedingt verhindert werden.

Elektroenergie CH: Ich mag mich noch erinnern, dass die CH eine Vorreiterin war in Sachen neue E-Kraftwerke inkl. Technologie. Jetzt stagniert der Ausbau der notwendigen Mehrleistung. Aber – beinahe laufend werden neue Rechenzentren gebaut und in Betrieb genommen. Rechenzentren in der Schweiz verbrauchten 2019 rund 2,1 TWh Strom (ca. 3,6 % des Gesamtverbrauchs). Dieser Wert steigt durch Digitalisierung und KI rasant an und dürfte bis 2025/2026 etwa 6 % des Schweizer Stroms beanspruchen. Prognosen für 2030 gehen von 10 bis 15 % aus (ca. 6–9 TWh), was etwa der Jahresproduktion eines Kernkraftwerks entspricht.

- Wieso ist der Zubau schwach bis nicht existent?

- Wer übernimmt die Verantwortung bei der Bewilligung von neuen Rechenzentren?

- Wer übernimmt die Verantwortung – kein Zubau von Kraftwerken?

Martin Koller: Hauptgrund: Die Bewilligung von neuen Kraftwerken (Wind, Wasser, Gas, Kern) ist anspruchsvoll oder teilweise verboten (Kern). In vielen Fällen ist auch die Finanzierung herausfordernd (Wasser, Gas). Gebaut wird hauptsächlich PV, was gut ist, aber gerade für die von ihnen genannten hohen Verbräuche der Zukunft nicht ausreicht.

Aktuell ist es gesetzlich verboten, den radioaktiven Abfall aufzubereiten. Jetzt aber aus rein technischer/finanzieller Sicht: Gibt es einen Grund, warum dieser Abfall nicht aufbereitet wird und dann erneut gespalten? Wir müssten in diesem Fall dafür kein Endlager bauen.

Lukas Gutzwiller: Das ist eine komplexe Frage. Die USA sind bereits in den 1970er Jahren aus der Aufbereitung ausgestiegen. Grossbritannien vor etwa zehn Jahren. Im Westen betreibt einzig Frankreich noch die Aufbereitung, welche sehr komplex und teuer ist.

Einfache Lösung für unser Problem: Das Ausland soll produzieren und uns den Strom liefern. Die COVID-Zeit hat uns jedoch gelehrt, dass bereits einfache Dinge (Masken!) trotz Vertrag nicht geliefert werden. Strom im Winter, geliefert, wenn verfügbar, aber im Ausland vorbehalten, wenn unsere Leute sterben? Gibt es Ihrer Ansicht nach Absicherungen, dass dies nicht geschieht?

Gabriela Hug: Import/Export kann nur ein Teil der Lösung, aber nicht die ganze Lösung sein. Es macht aber tatsächlich technisch und wirtschaftlich Sinn, dass es ein Teil der Lösung ist. Die elektrischen Netze haben sich historisch so entwickelt, dass sich die Länder vernetzt haben, weil die Energie in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten (während des Tages, aber auch saisonal) zur Verfügung steht. Damit kann man die Gesamterzeugungskapazität reduzieren, um die Gesamtlast zu versorgen, statt wenn jeder nur für sich schaut. Ausserdem kann ausgeholfen werden, wenn es mal zu einem grösseren Ausfall in einem Land kommt. Auf der anderen Seite sollte man sich aber auch nicht komplett auf den Import verlassen. Es kommt also wirklich auf die Balance an. Das Stromabkommen ist ein sehr wichtiger Baustein, um sicherzustellen, dass diese Balance funktioniert und wir sicherstellen können, dass wir auch in Zukunft eine zuverlässige und kosteneffiziente elektrische Energieversorgung haben. Obwohl wir mit der Wasserkraft bereits eine wichtige Ressource haben, die uns im Winter elektrische Energie liefert, sollten wir uns auch Gedanken machen, wie wir die Winterkapazität ausbauen können, und dies möglichst rasch. Da würden sich insbesondere Windkraftanlagen anbieten, da diese im Winter mehr liefern als im Sommer.

Für Netzstabilität wären ja genau Batterien von Vorteil. Diese könnten bei Überschuss geladen werden und bei Mangel einspeisen.

Lukas Gutzwiller: Aus diesem Grund werden Batterien auch zugebaut. Heute wird jede zweite Solaranlage mit Batteriespeicher gebaut.

Sind Sparmassnahmen wie weniger Autofahren wirklich effektiv?

Martin Koller: Sparmassnahmen können effektiv sein i.S.v. dass weniger verbraucht wird. Dies lässt aber ausser Acht, dass mit dem Verbrauch von Energie oft eine Wirtschaftsleistung einhergeht. Sparen kann also auch Kosten verursachen. Effizienzmassnahmen hingegen sind sinnvoll, falls sie auch wirtschaftlich sind.

Weltweit gehen mehr AKW vom Netz, als neue gebaut werden, der Anteil der Kernenergie sinkt global stetig. Von einer Atomkraft-Renaissance kann kaum die Rede sein, und auch SMR sind bisher nicht im breiten Einsatz. Warum sollte ausgerechnet die Schweiz jetzt wieder in die Kernenergie einsteigen und wie realistisch sind Zeitplan und Kosten?

Lukas Gutzwiller: In Europa stellt vor allem Polen von Kohlekraftwerken auf KKW um, aber auch andere Länder wie Schweden planen den Neubau von KKW. China hat in den letzten Jahren alle Energiequellen ausgebaut, auch die Kernenergie.

Unsere Flüsse und Seen werden mit der Klimaerwärmung in unseren Breiten immer wie wärmer und für Fauna und Lebewesen problematischer. Mit was für Wasser werden in Zukunft AKWs gekühlt, können sie noch einigermassen rentabel betrieben werden, wenn schon jetzt manche wegen zu wenig oder zu warmem Wasser abgestellt werden müssen?

Martin Koller: Es gibt verschiedene Arten, wie thermische Kraftwerke gekühlt werden können. Sie beziehen sich auf eine Durchlaufkühlung, die die Temperatur im Flussunterlauf erhöht. Eine andere Möglichkeit ist ein Kühlturm. Dabei werden einem Fluss minimale Wassermengen zur Kühlung entzogen, aber nicht mehr in den Fluss zurückgeführt.

Fördern wir in der Schweiz aus Ihrer Sicht die richtigen Energietechnologien und fördern wir diese genügend?

Martin Koller: Sinnvoll wäre eine technologieoffene Förderung. Ob die Förderung ausreicht, hängt bei vielen Kraftwerken von den örtlichen Bedingungen ab.

Die Kosten des Rückbaus von Kernkraftwerken und der langfristigen Lagerung von radioaktiven Brennelementen sind bereits heute im Strompreis eingerechnet. Was steht uns als Gesellschaft bevor, wenn die aktuell verbauten 50 Millionen Quadratmeter PV-Panels nach rund 30 Jahren Betrieb entsorgt werden müssen, wer zahlt dies, und kann die Natur dies verkraften? Hinweis: Es handelt sich um Verbundmaterialien.

Lukas Gutzwiller: Das Recycling von Solarpanels macht grosse Fortschritte und sollte möglichst flächendeckend umgesetzt werden.

Der Strassenverkehr ist einer der grössten Energiefresser. Warum wird nichts gegen SUV unternommen?

Martin Koller: Der fossile Treibstoffverbrauch ist in der Schweiz höher als der Stromverbrauch. Mit einer Umstellung auf Elektromobilität würde der Gesamtenergieverbrauch deutlich sinken, da Elektromotoren deutlich effizienter sind als Verbrennungsmotoren.

Kann man davon ausgehen, dass mittelfristig im Sommerhalbjahr ein Stromüberschuss mit entsprechend tiefen Preisen für die Produzenten vorhanden sein wird, der sich dann massiv negativ auf die Wirtschaftlichkeit von möglichen neuen AKWs auswirkt?

Lukas Gutzwiller: Langfristig tiefe Strompreise wirken sich negativ auf die Wirtschaftlichkeit von Kernenergie aus, aber auch auf jene der Wasserkraft.

Gibt es neben den etablierten «Nachhaltigen» Energien auch noch andere neue Technologien, die in Zukunft Abhilfe schaffen könnte?

Lukas Gutzwiller: Die Kernfusion ist bestimmt eine mögliche zukünftige Energiequelle, die es heute noch nicht kommerziell gibt.

Wie läuft die Energiegewinnung in einem Atomkraftwerk Schritt für Schritt ab?

Lukas Gutzwiller: Bei der Spaltung von Uran wird Wärme freigesetzt, welche dazu verwendet wird, Wasserdampf zu erzeugen. Dieser wird auf eine Dampfturbine geleitet, welche mit einem Stromgenerator (Elektromotor) verbunden ist.

Wieso ist die SVP im Prinzip und auch ganz konkret gegen erneuerbare Energien? Diese sind ja die einzige Möglichkeit, unsere Unabhängigkeit zu sichern? Wieso will unsere Politik Hochspannungsleitungen durch die Schweiz bauen, damit wir Überschussenergie von D nach Italien mit Gewinn verkaufen können, anstatt in Energiespeicher zu investieren, was unsere Unabhängigkeit sichern würde?

Gabriela Hug: Die Gegner von erneuerbaren Energien argumentieren häufig mit fehlender Akzeptanz bei der Bevölkerung (Studien haben übrigens das Gegenteil gezeigt) und damit, dass es angeblich das Landschaftsbild zerstört. Die Problematik ist, dass wir alle Energie wollen und benötigen und dies möglichst günstig, sie aber in den meisten Fällen möglichst nicht sehen wollen. Es wird auch häufig mit Extremen argumentiert, wie: Es brauche Wind und Solar überall und zerstöre unsere Berglandschaft. Wie so häufig kommt es auf die Balance an und man muss Kompromisse machen. Idealerweise bauen wir dort zusätzliche Anlagen, wo es uns am wenigsten stört, insbesondere wo es schon bestehende Infrastruktur gibt, z.B. Wind- oder Solaranlagen in Skigebieten, auf Industrieanlagen, etc. und nicht in der unberührten Natur. Natürlich sollten es auch Orte sein, wo die Erzeugungseffizienz möglichst hoch ist, aber halt auch so, dass schützenswerte Landschaften nicht berührt werden. Es ist nicht verständlich, weshalb ein vergleichbares Land wie Österreich rund 1400 Windanlagen hat und die Schweiz unter 50.

In der Schweiz gibt es ja relativ viele Pumpspeicherkraftwerke. Sind diese noch sinnvoll mit dem Klimawandel? Weniger Schnee, weniger Schmelzwasser – leerere Stauseen?

Lukas Gutzwiller: Man geht davon aus, dass sich die Niederschlagsmenge in der Schweiz langfristig nicht stark verändert. Allerdings wird es im Winter mehr Niederschlag geben, und im Sommer mehr Trockenheit.

Wie fest hat die Politik oder die Bevölkerung ein Mitspracherecht bei einem Atomendlager? Es geht hier ja um wissenschaftliche Erkenntnisse für den sichersten Ort und nicht um politische Befindlichkeiten...

Martin Koller: Kernenergie ist Sache des Bundes. Es wird der beste Standort ausgewählt.

Bezüglich AKWs: Als jemand, der die drei Unfälle Tschernobyl, Fukushima und TMI studiert hat, deren Auswirkungen kennt, auch weiss, weshalb ein Tschernobyl wegen der anderen Bauweise des RMBK-Reaktors nicht so bei PWR- und SWR-Reaktoren passieren kann, auch weiss, dass die Auswirkungen von Fukushima und insbesondere TMI sehr gering waren: Wie stark spricht eigentlich die Angst aus den Menschen, wenn es um neue AKWs geht? Oft haben die Leute ein Horror-Szenario im Kopf und hören nicht auf fachliche Erklärungen, warum das sehr unwahrscheinlich ist und faktisch ausgeschlossen werden kann. Wäre hier auch ein Faktor, wie 1986 Tschernobyl in der Schweiz und insbesondere Westdeutschland gehandhabt wurde?

Lukas Gutzwiller: Grob gesagt gibt es keine Technologie, die zu 100 Prozent sicher ist. Wichtig sind aber auch menschliche Faktoren, wie man es in den letzten Monaten gerade wieder vor Augen geführt bekommen hat, in anderen Bereichen als der Energieversorgung.

Frage zur Neutralität der Schweiz: Wieso werden Fossile und Kernbrennstoffe, mit denen sich kriegstreibende Länder finanzieren, in Neutralitätsdebatten ausgeblendet? Fragen zur Effizienz: Wieso beschweren sich Bürger über Steuern auf Treibstoffe, wenn bei Verbrennern ohnehin 80% nicht in Bewegungsenergie umgewandelt werden, somit der Grossteil des finanziellen Aufwands pure Verschwendung ist? Reichen die derzeitigen Anreize und Lenkungsinstrumente zur Verkehrswende aus? Wieso werden PV-Anlagen auf 70% gedrosselt, um Stromüberschüsse zu vermeiden, und Quartierspeicher nicht ausgebaut bzw. politisch gefördert (zB auch Kombi kommunale PV + Ladestationen)?

Martin Koller: Das sind gerade einige Fragen. 1. Die Schweiz versucht, den Verbrauch fossiler Brennstoffe und damit die Abhängigkeit von solchen Ländern zu reduzieren. 2. Elektromotoren und somit Elektromobilität sind bedeutend effizienter als Verbrennungsmotoren. 3. Elektromobilität ist im Lebenszyklus wirtschaftlich, und es kommen laufend auch günstigere Elektrofahrzeuge auf den Markt. 4. Weil es keinen Sinn ergeben würde, Stromnetze und Speicher auf wenige Stunden Spitzenproduktion auszurichten, in denen der Strom sowieso keinen Wert hat. 5. Förderung von Speichern ist unnötig und ineffizient. Wenn Speicher Marktsignalen ausgesetzt werden, müssen sie nicht gefördert werden.

Ist es möglich, ohne schädliche Auswirkungen auf die Fauna unter Windkraftanlagen im dafür gerodeten Wald einen ökologischen Ausgleich wie z.B. Tümpel für Amphibien zu erstellen?

Lukas Gutzwiller: Die Schwierigkeit dürfte darin bestehen, dass die Windanlagen für Unterhaltsarbeiten zugänglich sein müssen. Das ist wohl wenig kompatibel mit einem Biotop um die Windanlage.

Was sind Ihre Prognosen, wie entwickelt sich der Strommarkt in der Schweiz in den nächsten 50 Jahren weiter?

Martin Koller: Wir gehen für 2050 von 88 TWh aus (heute 61 TWh ohne Speicherverluste)

Wie kann ich meinen Alltag energiefreundlicher gestalten?

Gabriela Hug: Zu «Energiefreundlichkeit» gehörten wahrscheinlich zwei Aspekte: 1) Verbrauch möglichst gering halten oder reduzieren und 2) nachhaltige Energieformen zu nutzen. Als Privathaushalt hat man einen grossen Hebel, insbesondere beim Heizen. Das macht einen grossen Anteil an unserem Energieverbrauch aus. D.h. wenn man die Temperatur statt auf 22 Grad auf 19 oder 20 Grad stellt, dann spart man bereits viel Energie ein. Nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine und dem gleichzeitigen Ausfall von französischen Kernkraftwerken hat der Bund Tipps zum Energiesparen veröffentlicht. Diese finden sich unter: https://www.srf.ch/news/schweiz/neue-energiespar-kampagne-so-will-der-bundesrat-die-bevoelkerung-zum-stromsparen-animieren Natürlich reduziert man auch seinen Energieverbrauch, indem man weniger Auto fährt, denn der Energieverbrauch im Verkehr macht einen weiteren sehr grossen Anteil an unserem Gesamtenergieverbrauch aus.

Mit welchen Mitteln wird sichergestellt, dass ein Atommüllendlager sicher ist?

Lukas Gutzwiller: Es geht dabei unter anderem um die Erdbebensicherheit. Der Opalinuston ist wie eine Flüssigkeit, in welcher die Fässer gelagert werden und somit von Erdstössen wenig betroffen sein sollten. Aber eine absolute Sicherheit gibt es bei keinem technischen System.

An Martin Koller: Ich beziehe mich nicht nur auf Durchlaufkühlung. Durch den Entzug auch nur von minimalen Wassermengen in Zeiten, da der Fluss schon sehr wenig Wasser führt, erhöht sich seine Temperatur durch noch weniger Wasser. Bitte beantworten Sie mir, ob ein AKW noch rentabel sein kann, wenn es nur im Winter betrieben werden kann.

Martin Koller: Die Rentabilitätsfrage stellt sich bei allen Technologien, die im Sommer Strom produzieren. Die Axpo Energy Reports geben Auskunft darüber.

Warum werden Subventionen für PV-Anlagen nicht besser genutzt? Wenn es mehr Subventionen für PV-Anlagen gäbe, welche auch im Winter Strom generieren und dafür nicht so viel im Sommer, wäre allen etwas geholfen. Es hätte im Winter mehr Energie und im Sommer weniger, was die Netze entlasten würde.

Lukas Gutzwiller: Für PV-Anlagen gibt es bereits einen Winterbonus, bspw. für Fassadenanlagen.

Sind «grüne» Treibstoffe für Flugzeuge wirklich etwas, das markttauglich werden wird? Mit gesünderem Flugverkehr wäre doch die Welt schon bedeutend sauberer, nicht?

Martin Koller: Stand heute sind Bio- und Synthesetreibstoffe noch sehr knapp und damit sehr teuer. In der kurzen Frist wird sich das nicht ändern.

Es wurde bereits in Studien bestätigt, dass ein konsequenter Ausbau der erneuerbaren Energien ausreichen könnte, um die Energiesicherheit in der Schweiz zu gewährleisten. Warum kann man dies nicht einfach zum Wohl der Schweiz konsequent umsetzen? Die Axpo schlägt selbst den Bau eines Gaskraftwerks vor. Dieses würde jedoch die Umwelt erneut belasten, und wir würden uns wieder von anderen Ländern abhängig machen. Gerade in den Wintermonaten wären wir somit erneut auf Importe angewiesen. Ist das in der heutigen Zeit nicht ein Risiko? Ist die Schweiz wirklich so ungeeignet für Tiefengeothermie, dass solche Projekte nicht umgesetzt werden? Oder ist die Angst vor möglichen Erdbeben grösser als die Angst vor einem GAU?

Gabriela Hug: Es ist tatsächlich so, dass diverse Studien bestätigen, dass wir genügend Potenzial für erneuerbare Energie hätten. Es geht voran, aber halt tatsächlich nicht so schnell, wie es wünschenswert wäre. Bei Dach-PV ist der Prozess relativ einfach, aber für Freifeld PV, d.h. grosse Anlagen, oder auch Windanlagen ist der Bewilligungsprozess immer noch zu lang. Dieser müsste weiter gekürzt werden. Zu Geothermie kann ich leider nicht allzu viel sagen, aber da gäbe es sicher auch Potenzial.

Befürworter von erneuerbaren Energien sagen, man solle alle Dächer mit Solarpanels zudecken. Man könnte so ca. 200 Quadratkilometer Fläche für Solaranlagen bereitstellen. Wie soll das jedoch klappen, ganz viele Privateigentümer auf den Bau von Solaranlagen zu verpflichten? Muss dann jeder zwangsweise in Solar, auf dem eigenen Grundstück, investieren oder soll der Staat diesen flächendeckenden Solar-Ausbau finanzieren?

Lukas Gutzwiller: Der Ausbau der Solarenergie ist in den letzten Jahren sehr gut gelungen, ohne dass man dazu Gebäudebesitzer hätte verpflichten müssen.

Vor dem Hintergrund des hohen Ölpreises: Wie viel Geld hat die Schweiz durch die Energiewende in den letzten Jahren bereits gespart?

Martin Koller: Das ist eine sehr komplexe Frage. Klar ist, dass in vielen Fällen der Ersatz von fossilen Energieträgern durch Stromanwendungen wirtschaftlich ist.

Droht wirklich eine globale Ölknappheit – oder ist das eher Spekulation?

Martin Koller: Die gegenwärtigen hohen Ölpreise sind nicht das Resultat von Spekulation, sondern von Kriegen in öl-produzierenden Ländern.

Welche Branchen leiden am stärksten unter steigenden Energiepreisen?

Martin Koller: Energieintensive und/oder margenschwache Industrien, die höher Kosten nicht auf ihre Produkte umlegen können.

Forum, 19.03.2026, 10:00 Uhr ; 

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