ABB hat Probleme mit Windpark

Rund 100 Windräder – alle höher als der Zürcher Prime Tower – stehen in der Nordsee. Sie sollten Strom für eine Million Haushalte liefern. Doch der produzierte Strom kommt nicht vom Meer ans Land. ABB hat es bislang nicht geschafft, eine stabile Leitung zu installieren.

Symbolbild: Windanlagen im Meer aus der Ferne, auch ein Segelschiff ist im glitzernden Wellenmeer sichtbar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der produzierte Strom kann bislang nicht zuverlässig aufs Festland abgeführt werden. Imago

Es war der grösste Auftrag, den der Industriekonzern ABB je erhalten hat: Für eine Milliarde Dollar entwickelte, plante und koordinierte ABB den Anschluss dreier Windparks in der Nordsee mit dem Festland. Der Industriekonzern war damit quasi Generalunternehmer des Projekts «Dolwin 2».

Von Anfang an Pannen

Nach der Freude über den Grossauftrag kamen die Probleme: Die Transformatoren-Plattform wurde vom Hersteller in Katar falsch verkabelt angeliefert. Das gigantische gelbe Stahlmonster mit der Fläche eines Fussballfeldes steht heute auf sechs massiven Säulen im Meer. Hier wird der Strom der Windkraftwerke gebündelt und Richtung Festland geschickt.

Auch die Seewasserkühlung der Plattform funktionierte nicht richtig. Und zu guter Letzt führt nun die Verbindung zwischen der Transformatorenplattform und dem Festland immer wieder zu willkürlichen Abschaltungen. Während zuvor die Arbeit von Projektpartnern Probleme gemacht hatte, steht nun ABB selber in der Kritik.

Kernkompetenz von ABB betroffen

Erstaunt zeigen sich Beobachter, dass die Störung nun beim Kabel liegt – ein Kerngeschäft von ABB. Irritiert ist auch der Auftraggeber des Grossprojektes «Dolwin 2», der niederländisch-deutsche Stromnetzbetreiber Tennet.

Im vergangenen Juni hätte er die Anlage – mit einem Jahr Verspätung – von ABB übernehmen sollen. Aber Tennet will die Anlage im derzeitigen Zustand nicht. Wie Tennet-Mediensprecher Mathias Fischer sagt, gibt es noch zu viele offene Fragen. Deshalb: «ABB muss jetzt herausfinden, ob das System künftig durchgängig fehlerfrei läuft.» Erst wenn der Strom reibungslos vom Meer aufs Land fliesst, werde man die Anlage übernehmen.

ABB zieht die Lehre

Der Schweizer Konzern meldete diese Woche, dass der Strom inzwischen fliesst. Die Tests seien am laufen und man wolle «Dolwin 2» in absehbarer Zeit an Tennet übergeben. Wie viel Gewinn für ABB aus dem Milliardenprojekt dann noch übrig bleibt, ist ungewiss, von ABB gibt es dazu keine Informationen.

Schon jetzt ist aber klar, dass ABB solche Riesenprojekte in Zukunft nicht mehr selbst verantworten will. Lieber beschränkt sich der Industriekonzern auf seine Kompetenzen, der Lieferung und Installation von Anlagen und Transformatoren. Das sei ein guter Entscheid, meinen Finanzanalysten. Dies sehe man bereits an den neusten Quartalszahlen von ABB.

(Sendebezug Rendez-vous, 22.07.2016, 12.30 Uhr)