Amazon und das Geschäft mit der Datenwolke

85 Prozent des Betriebsgewinns erzielt Amazon nicht mehr mit Büchern sondern mit Cloud-Diensten. «Amazon Web Services» heisst dieses wenig bekannte Geschäft. Wer den Dienst von der Schweiz aus nutzt, lagert seine Daten ins Ausland aus – obwohl Amazon in Zürich eine Geschäftsstelle eröffnet hat.

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Amazon setzt auf die Datenwolke

3:54 min, aus 10vor10 vom 20.4.2016

Schon längst begleitet die Cloud den Alltag vieler Menschen. Ob Dokumente, Musik, oder Fotos: immer mehr Daten werden von der heimischen Festplatte in die externe Datenwolke ausgelagert. Der Vorteil: Persönliche Daten sind jederzeit online abrufbar und können mit wenigen Klicks von einem Gerät zum anderen übertragen werden.

Auch viele Firmen haben die Vorteile der Cloud entdeckt. Benötigt ein Unternehmen Computerdienstleistungen, muss es weder eine teure Server-Infrastruktur, noch Hardware oder Software kaufen. All das kann in der Cloud gemietet werden. Kein Wunder also, läuft das Wettrüsten um die Vorherrschaft bei den Cloud-Anbietern derzeit auf Hochtouren.

Was viele nicht wissen: Neben Software-Konzernen wie Microsoft gehört auch der weltweit grösste Online-Versandhändler Amazon zu den globalen Marktführern bei den Cloud-Diensten. Mehr als vier Fünftel des Konzerngewinns erzielte Amazon im Jahr 2015 über den Geschäftszweig «Amazon Web Services» (AWS).

Namhafte Schweizer Kunden

Am Mittwoch gab Amazon nun auch die Eröffnung einer Geschäftsstelle in der Schweiz bekannt. «Wir wollen näher an unseren Schweizer Kunden sein», sagt Murat Yanar, Leiter von AWS für Zentral- und Osteuropa. Denn die Nachfrage nach den Cloud-Diensten von AWS sei schon seit der Gründung des Geschäftszweigs im Jahr 2006 gross.

Heute nehmen namhafte Schweizer Unternehmen den AWS-Dienst in Anspruch, darunter Kempinski Hotels, Novartis und die NZZ. Auch das Bundesamt für Landestopografie «swisstopo» zählt zu den Kunden von AWS. «Bei uns können Kunden jederzeit und innert weniger Minuten eine IT-Infrastruktur erwerben. So können Firmen effizienter, flexibler und kostengünstiger arbeiten und sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren», erklärt Yanar den Erfolg.

Wachsender Markt

Cloud-Dienstleistungen werden in der Schweiz auch von Firmen wie Swisscom, Microsoft und HP angeboten. Ob der neuen Konkurrenz müssen sie sich vorerst keine Sorgen machen. Experten wie Jean-Marc Hensch, Geschäftsführer des IT-Branchenverbands «Swico» sind überzeugt, dass der Cloud-Markt weiterhin stark wachsen wird: «Schon heute basieren mindestens 75 Prozent aller ICT-Beschaffungen und -Projekte in irgendeiner Form auf Cloud-Diensten. In drei Jahren werden wir bei 99 Prozent sein».

Hinzu kommt, dass AWS in der Schweiz noch kein lokales Datencenter aufgebaut hat. Firmen, die ihre Daten in einer «Wolke» in der Schweiz lagern wollen, müssen auf lokale Anbieter zurückgreifen.

«US-Behörden gelangen leicht an die Daten»

Wer hingegen die AWS-Cloud in Anspruch nimmt, lagert seine Daten auf Rechner im Ausland aus. Gerade bei einem US-Anbieter wie Amazon sei dies mit Risiken verbunden, warnt Jean-Philippe Walter, Schweizer Datenschutzbeauftragter ad interim: «In den USA gibt es zurzeit kein angemessenes Datenschutzniveau, das mit demjenigen in Europa oder der Schweiz vergleichbar wäre. Die US-Behörden gelangen relativ leicht an Daten.»

Murat Yanar sieht diesbezüglich jedoch keine Probleme. Firmen könnten von AWS verlangen, dass ihre Daten ausschliesslich an den europäischen Standorten in Frankfurt oder Dublin gelagert werden. Zudem gebe man Kunden die Möglichkeit, die Daten zu verschlüsseln.

Auch wenn die Datenschutzgesetzgebung in der EU besser sei als in den USA biete das keinen vollständigen Schutz, entgegnet Datenschützer Jean-Philippe Walter. «Es bleibt das Risiko, dass die US-Behörden von der EU den Zugriff auf die Daten verlangen».