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Wirtschaft Arbeitsfrieden: Wer hat's erfunden?

Während in Deutschland das öffentliche Leben in weiten Teilen blockiert wird, weil eine Kleingewerkschaft zum Streik aufruft, erfreut sich die Schweiz eines bald 70-jährigen Arbeitsfriedens. Was machen wir besser? Und vor allem: wie lange noch?

Eine Gruppe Unia-Vertreter steht unter Regenschirmen im Kreis.
Legende: Wenn in der Schweiz gestreikt wird, ist das oft ein eher lokales Ereignis. Das war nicht immer so. Keystone / symbolbild

Dem öffentlichen Leben in Deutschland setzt eine Gewerkschaft zu, die gerade mal rund 30'000 Mitglieder hat, die Lokführergewerkschaft (GDL). Beim Grössenvergleich mit der Schweiz wäre das eine Gewerkschaft mit 3000 Mitgliedern. Eine kleine «Landgemeinde», die den landesweiten Zugverkehr zum Erliegen bringt und Versorgungsengpässe erzeugt.

In der Schweiz kaum denkbar. Aber für den Wirtschaftshistoriker Professor Christian Koller ist diese Stabilität keine Selbstverständlichkeit.

Auch Schweizer wissen wie's geht

In der Tat haben sich die Schweizer Arbeitnehmer in den letzten 60 Jahren zurückgehalten. Zumindest was Aktionen anbelangt von den Dimensionen, wie sie aktuell Deutschland in die Bredouille bringen. Das war nicht immer so. «Die Schweiz verfügt durchaus über eine lange und zeitweise intensive Streikgeschichte», erklärt Koller gegenüber SRF News Online.

Der Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs erinnert an den Landesstreik von 1918. An verschiedene lokale Generalstreiks in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts oder an die grosse Streikwelle in der zweiten Hälfte der 40er-Jahre. Aber auch die jüngste Geschichte war nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen.

So kam es auch in den letzten 40 Jahren ab und an zu grossen Streikaktionen. Allerdings erreichten diese in ihrer Wirkung nie die Dimensionen der aktuellen Streiks in Deutschland.

Koller erwähnt den legendären Frauenstreik von 1991 und den nationalen Streiktag im Baugewerbe von 2002. «In der Regel beschränken sich Streiks in der Schweiz heute aber auf einzelne Betriebe, wo etwas fundamental schief gelaufen ist», sagt Koller.

Tipp: Verhandeln wie Schweizer

Bekanntlich gibt's ohne Fleiss kein Preis. Der heutige relative Arbeitsfrieden in der Schweiz ist nach Ansicht Kollers ein Ergebnis jahrzehntelanger Lernprozesse. Damals, in der Zeit der intensiven Arbeitskämpfe im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Ausstände praktisch an der Tagesordnung.

Auch in anderen Ländern haben sich durchaus Mechanismen wie in der Schweiz entwickelt, führt Koller aus. Aber vielerorts gehört der Streik auch heute noch in fast ritueller Weise zu Vertragsverhandlungen mit der Wirtschaftsführung.

Der Wirtschaftshistoriker rät in solchen Fällen, besser nach Schweizer Manier auf Streiks zu verzichten und sich direkt an den Verhandlungstisch zu setzen beziehungsweise dort sitzen zu bleiben. Denn letztlich bleibt ja ohnehin nichts anderes übrig.

Weichgespülte Gewerkschaften

All das soll natürlich nicht heissen, dass Verhandlungsprozesse in der Schweiz funktionieren würden, gänzlich ohne dass Späne fallen.

So moniert Koller, dass die Gewerkschaften in den 50er- bis 80er-Jahren weitgehend vergessen hätten, dass «die glaubwürdige Androhung des Arbeitskampfes eine Voraussetzung für erfolgreiche Vertragsverhandlungen ist.» Hier sei in den letzten Jahren allerdings ein Wandel eingetreten.

Die dominierende Vorstellung vom absoluten Arbeitsfrieden hat sich verflüchtigt.
Autor: Prof. Christian KollerDirektor des Schweizerischen Sozialarchivs

Und auch heute noch ist der Arbeitsfrieden in der Schweiz keine unumstössliche Selbstverständlichkeit. Laut Koller hat sich die bis vor etwa 30 Jahren dominierende Vorstellung vom absoluten Arbeitsfrieden um jeden Preis verflüchtigt. Verdunstet im Zuge eines Generationenwechsels in den Chefetagen, wie auch bei den Gewerkschaftsspitzen. Parallel dazu verdüstern sich die Grundvoraussetzungen für einen Arbeitsfrieden.

Das immer schnellere Aufgehen der Lohnschere seit den 80er-Jahren schwebt wie ein Damoklesschwert über der scheinbaren Idylle. Die Streiktätigkeit habe in der Schweiz denn auch in den letzten zwei Jahrzehnten wieder zugenommen, wenn auch nicht markant, weiss Koller.

Für den Wirtschaftshistoriker ist klar: «Die zukünftige Streikintensität wird neben der wirtschaftlichen Entwicklung stark davon abhängen, in welche Richtung sich das sozialpolitische Klima bewegt.» Tendenziell ist dieses Klima seit bald 20 Jahren daran, sich zu verschlechtern.

Christian Koller

Wirtschaftshistoriker Christian Koller.

Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs. Studium der allgemeinen Geschichte, Wirtschaftswissenschaften und Politische Wissenschaft an der Universität Zürich. Seit 2003 Professor für Geschichte der Neuzeit. Arbeitsgebiete: Arbeiterinnengeschichte, Industrielle Beziehungen, Soziale Bewegungen, Geschlechtergeschichte und Sportgeschichte.

15 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller, Kölliken
    Herr Koller irrt sich gewaltig. Streiks sind absolut keine brauchbaren Druckmittel in dieser Sache. Mehr noch, Streiks zeigen nur ein massives, inakzeptables politisches Versagen auf. Wir kennen die Initiative und das Referendum und wären somit in der Lage auf Missstände akkurat und friedfertig und erst noch angemessen zu reagieren. Also ich brauche diese "deutschen Streik-Sitten" ganz gar nicht und wünschte, dass diese "nördlich des Rheins" bleiben.
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    1. Antwort von Hans Glauser, Herlisberg
      Wie sollen dann die Werktätigen ihre Forderungen durchsetzen? Sollen sie ein Wunschbrief ans Christkindlein verfassen?
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Was als "Arbeitsfrieden" bezeichnet wird, ist nicht entstanden, weil die Arbeitgeber plötzlich "lieb" wurden, sondern weil immer mehr Rechte während Jahrzehnten erkämpft worden sind. Das Erlahmen der CH-Gewerkschaften ganz oben - erfeuliche Ausnahme: Paul Rechsteiner - hat auch damit zu tun, dass viele Bosse immer wieder beförderten oder anderswo warm weiterempfehlten. So habe ich das damals im Grossbetrieb gleich zweifach erlebt: Plötzlich war von den beiden nichts mehr zu hören.
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    1. Antwort von H. Schmidt, Basel
      @Stump: Es scheint mir, dass Sie das "Erlahmen" der CH-Gewerkschaften mit dem "Frieden der Sozialpartner" verwechseln. Kennen Sie die Verhältnisse im Ausland? In den letzten dreissig Jahren arbeitete ich u.a. als Projektleiter in der Maschinenindustrie mit lokalen Arbeitnehmern in: Frankreich, Deutschland, Italien, USA, Osteuropa, China, Nordafrika, Türkei, Russland, etc. Frankreich hat über 8'000 Arbeitsgesetze. Die CH hat keine 300 Arb.Gesetzesartikel: Dank der Vernunft der Gewerkschaften!
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  • Kommentar von H. Schmidt, Basel
    Die CH-Bevölkerung orientiert sich seit Jahrhunderten nach gemeinsamen Kompromisslösungen. In Deutschland sind Kompromisslösungen, insbesondere bei Politiker/Innen, ein Tabu; weil dies in der deutschen Mentalität als Gesichtsverlust taxiert wird. Fazit: Die Deutschen waren, sind und werden daher nie demokrationsfähig sein!!!
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      H. Schmidt, ich würde es so krass sehen. Wo somanche Schweizer mit Brot, Wasser, Kleider, warmes Dach über dem Kopf, gesellschaftlicher Akzeptanz, Frau und Kinder genügsam waren, sind in D und Europa mit den Fürsten und Kaisern Machtspiele und Intrigen viel alltäglicher und zum Teil durch den Geschichtsunterricht Teil der Bildung (Heinrichs IV. mit dem Gang nach Canossa und sein unchristliches Verhalten). Des weiteren gibt es auch geographische Einflüsse welche die Schweizer zu Komprom. zwangen.
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    2. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Deutschland ist meines Erachtens noch gebunden/fremdgesteuert durch den fehlenden Friedensvertrag von 1945.
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    3. Antwort von D. Becker, BRD
      @Knecht: Was hat der letzte Beitrag mit dem eigentlichen Thema zu tun (zumal er völlig sinnfrei ist)? Daß grundrechtlicht verbriefte Streikrecht ist erstmal ein hohes Gut und lange hart erkämpft worden.
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