Aufstand der Personalchefs «Arbeitszeugnisse sind ein Relikt aus alten Zeiten»

Floskelhaft, irreführend und zu wohlwollend: Die Zeugnisse gehörten abgeschafft, fordern immer mehr Personalchefs. Das zeigt eine Umfrage der Sendung «Trend» von Radio SRF.

Schweizer Personalchefs zu Arbeitszeugnissen

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder Arbeitnehmer in der Schweiz hat Anrecht auf ein Arbeitszeugnis, so steht es im Gesetz.
  • Neben Funktion und Dauer des Arbeitsverhältnisses sollen die Zeugnisse auch aussagen, wie gut eine Person gearbeitet hat, was immer wieder zu Streit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer führt.
  • Zeugnisse auszustellen werde immer aufwendiger und zugleich nehme deren Aussagekraft stetig ab, sagen viele Personalchefs.
  • Jetzt fordern sie die Abschaffung der Arbeitszeugnisse.

In den Personal-Abteilungen rumort es schon lange. Jetzt wagen Personalchefs öffentlich auszusprechen, was sie von Arbeitszeugnissen halten: «Arbeitszeugnisse sind fake, ein administrativer Leerlauf, ein Relikt aus alten Zeiten», sagen sie.

Radio SRF hat 36 Personalchefs grösserer Schweizer Firmen befragt. Die allermeisten von ihnen stellen den Arbeitszeugnissen ein schlechtes Zeugnis aus, drei Viertel sind der Meinung, deren Bedeutung habe abgenommen und nicht wenige fordern, die Arbeitszeugnisse abzuschaffen.

Umfrage: Aufwand im Verhältnis zum Nutzen?

Umstrittene Arbeitszeugnisse Radio SRF hat 36 Personalchefs von Schweizer Unternehmen befragt. Radio SRF

Gesetz zugunsten der Arbeitnehmenden?

Dabei sind es ja die Personalabteilungen, die diese Dokumente erstellen und die sich bei der Rekrutierung neuer Mitarbeitenden darauf stützen sollten. Ist es also ein hausgemachtes Problem? «Nein», sagt Nicola Fielder, die Personalchefin im Spital Männedorf. Die Wurzel des Übels ortet sie viel eher in den Gesetzesbüchern.

«  Es ist bekannt, dass die Arbeitsgerichte sehr arbeitnehmerfreundlich sind. »

Nicola Fielder
Personalchefin Spital Männedorf

Dort stehe, die Zeugnisse müssten zwingend wohlwollend formuliert sein, und das forderten die Mitarbeitenden immer konsequenter ein, stellt die Personalfachfrau fest. Meist werde diesen Forderungen nachgegeben, denn ein Streit vor Gericht lohne sich nicht. «Es ist bekannt, dass die Arbeitsgerichte sehr arbeitnehmerfreundlich sind.»

Massenproduktion statt Einzelanfertigung

Deshalb wird es laut Fielder immer aufwendiger, ein Zeugnis zu schreiben, dessen Nutzen aber immer kleiner. Ihre Abteilung schreibe für die 750 Angestellten jedes Jahr 150 Arbeitszeugnisse. Es vergehe kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Zeugnis produziert werden müsse.

Porträtaufnahme von Fielder. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicola Fielder vom Spital Männedorf würde am liebsten auf Arbeitszeugnisse verzichten. ZVG

Um diese Menge zu bewältigen, setzt das Spital eine spezielle Software ein – wie nahezu alle grösseren Betriebe. Ein Grossteil der rund eine Million Arbeitszeugnisse, die jedes Jahr in der Schweiz ausgestellt werden, spuckt also der Computer aus.

Auch deshalb kommen am Schluss standardisierte Texte heraus, die alle gleich klingen und selbst aus Flaschen Topshots machen – zumindest auf dem Papier. Der Umstand ist für viele Personalchefs nicht mehr haltbar.

Eine Marotte der Deutschsprachigen?

«Für den Entscheid, jemanden zu einem Interview einzuladen, werde ich kaum auf die Arbeitszeugnisse schauen», sagt etwa Peter Ziswiler, Personalchef beim Industriekonzern Georg Fischer in Schaffhausen. Laut ihm werfen Arbeitszeugnisse mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Wie gut eine Person arbeite, könne man sowieso nicht mehr herauslesen.

Ziswiler ist daher überzeugt, dass Arbeitszeugnisse in der heutigen Form keinen Sinn mehr machen. «Es wäre sinnvoll, sie auf Fakten zu reduzieren: Funktion, Anstellungsdauer, Tätigkeiten - fertig.»

Wenn ein Schweizer Unternehmen einen Amerikaner anstelle, gehe es ja auch ohne Arbeitszeugnis. Tatsächlich gibt es gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeugnisse, in denen auch die Leistungen der Angestellten bewertet werden müssen, nur im deutschsprachigen Raum.

Ausweichen auf illegalen Weg

Um herauszufinden, ob der Bewerber für ein Gespräch eingeladen werden soll, bieten sich andere Methoden an. Personalfachleute greifen dabei auch auf Mittel zurück, die rechtlich verboten sind.

Porträtaufnahme von Ziswiler. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Peter Ziswiler vom Industriekonzern Georg Fischer hat genug von wohlwollenden Floskeln in Arbeitszeugnissen. ZVG

Oft beschafften sie sich inoffizielle Referenzen bei Leuten, die sie persönlich kennen, sagt Pascal Scheiwiller, Geschäftsleiter bei Rundstedt Schweiz. Er berät Unternehmen bei einem grösseren Stellenabbau und versucht, den betroffenen Angestellten zum Beispiel eine neue Stelle zu vermitteln.

Legal sind solche Referenz-Auskünfte eigentlich nur, wenn die Stellensuchenden das ausdrücklich erlauben. Aber Personalabteilungen hielten sich nicht daran, sagt Scheiwiller. «Ich kenne viele Fälle.»

Umfrage: Relevanz der Arbeitszeugnisse in den letzten Jahren?

Umstrittene Arbeitszeugnisse Radio SRF hat 36 Personalchefs von Schweizer Unternehmen befragt. Radio SRF

Immer mehr konsultieren Facebook

Eine weitere Informationsquelle für Bewerbungsverfahren ist das Internet. Während auf Seiten wie Linkedin und Xing vor allem Daten zum beruflichen Werdegang einer Person zu finden sind, sehen Personal-Verantwortliche auf Facebook und Instagram auch Party-Bilder.

Grundsätzlich unterliegen diese Informationen zwar dem Persönlichkeits- und dem Datenschutz. Von den 36 befragten Personalchefs messen 17 den Informationen aus Sozialen Medien aber eine ebenso wichtige Rolle zu wie den Arbeitszeugnissen – nicht nur, aber auch weil Arbeitszeugnisse an Aussagekraft verloren haben.

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