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Wirtschaft Berufslehre: Viele Grosskonzerne machen wenig

Eine Umfrage der Wirtschaftsredaktion des Schweizer Fernsehens zeigt, dass in den grossen börsenkotierten Konzernen, verhältnismässig wenig Lernende ausgebildet werden. Experten und Politiker sind enttäuscht und fordern von den Firmen mehr Engagement.

Legende: Video FOKUS: Jobs werden ausgelagert abspielen. Laufzeit 04:44 Minuten.
Aus 10vor10 vom 03.03.2015.

Die Forderung an die Wirtschaft nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative war deutlich: Mehr gesellschaftliche Verantwortung der Schweizer Firmen. Im Lehrlingswesen bedeutet dies: Mehr Lernende ausbilden, um so die Schweizer Wirtschaft insgesamt zu stärken.

Bei Konzernen, die im Swiss Market Index (SMI) gelistet sind, ist die Lernendenproblematik kaum ein Thema. Etliche Grossunternehmen beschäftigen gerade mal einen oder zwei Lehrlinge pro hundert Angestellte in der Schweiz. Für Experten und Politiker ist dies zu wenig.

«Sechs Lernende auf 100 Angestellte»

Ökonom und alt-Nationalrat Rudolf Strahm glaubt, einen Grund für die tiefe Lernendenquote zu kennen: «Ausländische Personalchefs in den Grossfirmen kennen das Schweizer Bildungssystem nicht.» Es sei Aufgabe der Politik, auf die Manager in den Konzernen zuzugehen und ihnen das System beizubringen.

Strahm fordert im Speziellen von Bildungsminister Johann Schneider Amman, dass dieser Richtlinien für Grossfirmen vorgibt. Im Gesetz sollten diese nicht verankert werden, sondern für die Unternehmen eher als Standards gelten. Zudem fordert Strahm die Grosskonzerne auf, eine alte Faustregel wieder einzuhalten: «Eine Firma, die top ist und etwas auf sich gibt, bildet traditionell sechs Lernende auf 100 Vollzeitstellen aus».

Dieser Forderung kommen fast sämtliche SMI-Konzerne nicht nach. Einzig ABB bildet mit einer Lernendenquote von 6.9 Prozent beinahe sieben Lernende pro hundert Angestellte aus.

Julius Bär, SGS und Adecco sind die Unternehmen mit der tiefsten Quote. SGS erklärt auf Anfrage, dass bei der Ausbildung von Arbeitskräften vermehrt Praktika angeboten würden, statt nur auf Lernende zu fokussieren. Auch bei Julius Bär sei die Lehrlingsausbildung nur eines von mehreren Ausbildungsprogrammen, so die Bank. «Ein wichtiges Ziel ist es, den Lehrlingen nach Abschluss der Lehre, eine Festanstellung garantieren zu können», sagt Sprecher Martin Somogyi. «Dies können wir nur bei einer überschaubaren Anzahl Lehrlinge gewähren.»

«Grosskonzerne haben die Mittel um Lernende auszubilden»

Die Lernendenquote des Pharmakonzerns Roche liegt knapp über drei Prozent – im Vergleich mit den anderen SMI-Unternehmen im Mittelfeld. Der Konzern hat erst gerade ein neues Ausbildungszentrum in Kaiseraugst eröffnet, wo auch ein Grossteil ihrer 420 Lernenden ausgebildet werden. Standortleiter Jürg Erismann hält nicht viel von Strahms Forderung: «Solche Regulierungen sind unsinnig. Wir bilden nur so viel aus wie wir auch brauchen.»

Keine exakten Quoten fordert Hans-Ulrich Bigler, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Er bekräftigt jedoch, dass die Lehrlingsproblematik zum Fachkräftemangel beiträgt und die Grossfirmen in der Pflicht stünden: «Die Berufslehre muss gestärkt werden. Von der Grösse her, haben die Grosskonzerne die Möglichkeit ein Lehrangebot zur Verfügung zu stellen. Sie müssen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.»

Lernendenquote an Ausländeranteil binden

SP-Nationalrätin Anita Fetz will die Problematik von einer neuen Seite angehen. Die Grossunternehmen würden immer den Fachkräftemangel beklagen und dann Personal aus dem Ausland rekrutieren. Fetz fordert darum die Durchsetzung einer neuen Formel: «Pro zehn ausländische Mitarbeiter muss ein Lehrlingsplatz geschaffen werden.»

Dies würde die Pharmakonzerne stark treffen. Roche, Novartis und Actelion haben einen Ausländeranteil von 60 oder mehr Prozent. Würde die Formel von Nationalrätin Anita Fetz durchgesetzt, müsste Roche die Anzahl ihrer Lernenden verdoppeln, Novartis verdreifachen und Actelion mit ihrer Lernendenquote von 1.5 Prozent sogar vervierfachen.

Auf externe Fachkräfte zurückgreifen, statt Lernende auszubilden – das scheint immer noch die Devise vieler SMI-Konzerne zu sein. Dabei dürfte es an Lernwilligen nicht mangeln. Denn bei den Schweizer Jugendlichen sind die Grossfirmen, vor allem aufgrund der breiten Ausbildungsmöglichkeiten und potentiellen Aufstiegschancen, äusserst beliebt.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von E. Röthlisberger, Gerolfingen
    Zukunft und Weitsicht sind die Schlagworte der Politik. Wäre danach gehandelt worden, würden seit gestern vernünftige, auf die Branche und den Betrieb abgestimmte Vorgaben vorliegen. Allen Jugendlichen eine Berufschance ermöglichen, muss in diesem kleinen, feinen Staat eine Selbstverständlichkeit sein. Es ist nie zu spät, Versäumnisse sofort nachzuholen. Nicht zuwarten bis der letzte Ausnahmebetrieb entdeckt wird, und damit das Nichtstun in Sachen Jugendperspektiven zu begründen.
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  • Kommentar von D. Schmidel, St. Gallen
    Wieso sollen die mit der PFK noch Lehrlinge ausbilden. Die kriegen in ganz Europa genügend Personal um ihren Bedarf abzudecken. Zudem ist das Schweizerische Lehrlingswesen in Europa fast einmalig und kostet auch Geld. Die EU wird das nicht mitfinanzieren. Diesen Bockmist PFK haben wir uns selber eingebrockt.
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  • Kommentar von R. Keist, Luzern
    Bald kommen die Unternehmen und jammern, dass die Ausbildung etwas kostet und der Staat sie unterstützen muss. Das ist der gleiche Blödsinn wie die Idee, dass die öffentliche Hand diese Unternehmen bei anderen Investitionen subventionieren soll.
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