Big Data: Big Money für Big Pharma?

Die Digitalisierung hält auch in der Pharmabranche Einzug. Enorme Datenmengen können lehren, effektivere Medikamente zu entwickeln. Die Pharmaunternehmen haben allerdings auch ein Eigeninteresse, wenn die Gesellschaft gesünder würde. Und genau das alarmiert Versicherer und Gesundheitsbehörden.

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Bildlegende: Mit Unmengen an Daten über den Menschen lernen: Big Data in einem Spital. Reuters

«Wir werden immer mehr, älter und immer kränker». So beschreibt Novartis-Konzernchef Joe Jimenez das Umfeld, in dem sich die Pharmabranche bewegt. In Asien verbreiten sich wegen der immer ungesünderen Ernährung Diabetes und Herz-Kreislaufkrankheiten rasend schnell. Bei uns steigt das Alter, aber auch die Anzahl Jahre, während der wir krank und von Gebrechen geplagt sind.

Für die Pharmabranche, das mag zynisch klingen, sind das ideale Bedingungen. «Allerdings müssen wir», so Novartis-CEO Joe Jimenez, «wegen der wachsenden Gesundheitskosten für die alternde Bevölkerung die Verschwendung beenden.»

«  Wegen der wachsenden Gesundheitskosten müssen wir die Verschwendung beenden.  »

Joe Jimenez
Konzernchef Novartis

Mit Handy-Apps Genesung fördern und Krankheiten vorbeugen

Studien haben gezeigt, dass 20-50 Prozent der Patientinnen und Patienten die verschriebenen Medikamente nicht richtig einnehmen. Der Therapieerfolg wird damit geschmälert. Die Kranken bleiben länger krank – und kosten. Das müsse ein Ende haben, forderte Jimenez.

Novartis arbeitet denn auch schon daran. So sollen Handy-Apps zum Einsatz kommen, die den Alltag des Patienten aufzeichnen und ihn daran erinnern, sein Medikament einzunehmen. Sie fragen den Patienten auch, ob es ihm besser oder schlechter geht. Dadurch kann Novartis schneller erkennen, ob eine Therapie anschlägt oder unerwünschte Nebenwirkungen hervorruft.

Bezahlt wird nur, was wirklich nützt

Novartis will auch ein neues Preismodell: In Zukunft sollen die Krankenkassen nicht mehr für die Anzahl Pillen bezahlen, sondern nur noch dann, wenn sie auch wirklich geholfen haben. Das nennt sich dann «Outcome based pricing» oder «Pay for Perfomance» – bezahlt wird nur, was nützt.

Novartis argumentiert: Dank der Früherkennung – die durch eine Nutzung von Gesundheitsdaten ermöglicht wird – bleibe ein Patient in der Regel länger arbeitsfähig und konsumiere weniger Gesundheitsdienste. Die Kosten für die Volkswirtschaft sinken.

Und daran möchte Novartis partizipieren – dass also der Preis pro Medikament künftig nicht mehr nur die Entwicklungskosten plus einen Innovationsbonus umfasst, sondern auch der gesamtgesellschaftliche Nutzen miteingerechnet wird.

Dann könnte ja jeder kommen

Bei den Versicherungen und den Gesundheitsbehörden löst diese Perspektive nicht nur Freude aus. Zwar gesteht man zu, dass dass «Outcome based Pricing» bei sehr speziellen Medikamenten, die nur bei wenigen Patienten wirken, einen Nutzen haben kann. Dass aber die Pharma auch am volkwirtschaftlichen Nutzen ihrer Medikamente mitverdienen will, stösst auf kein Verständnis.

«  Wenn man bei jedem Produkt, das man kauft, noch den volkswirtschaftlichen Nutzen mitfinanzieren müsste, dann wären viele Produkte, die man kennt, nicht mehr finanzierbar »

Matthias Schenker
Leiter Gesundheitspolitik bei der CSS

Matthias Schenker, Leiter Gesundheitspolitik bei der CSS-Versicherung: «Mit diesem Punkt sind wir überhaupt nicht einverstanden. Denn es ist schlicht unmöglich, auch noch den volkswirtschaftlichen Nutzen über die Krankenversicherer zu finanzieren.»

«Wenn man bei jedem Produkt, das man kauft, noch den volkswirtschafltichen Nutzen mitfinanzieren müsste, dann wären viele Produkte, die man kennt, nicht mehr finanzierbar. Auch ein Mobiltelefon spart mir mir viel Zeit ein und kann viel mehr Dinge tun als ein früheres Gerät. Es ist aber nicht viel teurer als ein normales altes Handtelefon.»