Chinas Börsencrash – eine überfällige Kurskorrektur

Der Sinkflug an der chinesischen Börse und die Folgen für die Weltwirtschaft sind weltweit ein Thema. Für China-Korrespondent Urs Morf ist klar: Bei den fallenden Kursen handelt es sich um längst fällige Kurskorrekturen.

Mann, der seine linke Hand an den Hinterkopf hält, Börsenkurse im Vordergrund, Aufnahme von hinten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch wenn die Kurse fallen, sind viele Aktien an Chinas Börsen immer noch massiv überbewertet. Reuters

SRF News: Wie kommen Sie zum Schluss, dass wir die Situation an Chinas Börsen im Westen überschätzen?

Urs Morf: Ich betrachte die aktuellen Entwicklungen an Chinas Börsen als längst fällige Kurskorrekturen. Der Schanghai-Index – der wichtigste Börsenindex – ist in den 12 Monaten vor dem Börsen-Crash um nicht weniger als 170 Prozent angestiegen. Das ist eine Kurspreis-Explosion.

Das bedeutet, dass all die Investoren, die schon länger an der Börse sind, auch nach dem Kurszerfall immer noch massiv im Plus sind. Genau deshalb glaube ich, dass viele der Aktien, die gehandelt werden, nach wie vor überbewertet sind. Deshalb kann es sein, dass der Sinkflug an chinesischen Börsen noch einige Tage weiter anhält.

Anleger befürchten, dass es der Wirtschaft in China deutlich schlechter geht als bisher angenommen. Ist diese Befürchtung falsch?

Es ist das, was man in der Börsen-Sprache als «Schafherden-Effekt» bezeichnet – eine Panikreaktion. Hinzu kommt noch etwas sehr wichtiges: Weltweit widerspiegeln die Börsen nicht unbedingt immer die Entwicklung der Realwirtschaft. In China ist im Moment geradezu das Gegenteil der Fall.

Während der ganzen Boomjahre, also während Chinas Wirtschaft jährlich bis zu 13 Prozent zulegte, herrschte an den Börsen tote Hose – salopp ausgedrückt. Und ausgerechnet jetzt, seit die chinesische Regierung eine Umstrukturierung der Wirtschaft eingeleitet hat – die auch eine Abschwächung der Wirtschaft hin zu einer nachhaltigeren Entwicklung mit sich bringt – explodieren die Börsenkurse.

Wie beurteilen Sie das Eingreifen der chinesischen Regierung?

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Urs Morf

Porträt Urs Morf

Urs Morf war von 2008 bis 2015 vollamtlicher SRF-Korrespondent für Ostasien. Davor war er lange Jahre für die «Neue Zürcher Zeitung» tätig und berichtete anfangs aus China und später aus der gesamten Region Ostasien. Morf lebt in Bangkok.

Die Regierung macht eine nicht allzu glückliche Figur. Sie hat zu Beginn die Panik selber geschürt, indem sie zu schnell und zu heftig auf die ersten Abstürze reagierte. Die Regierung hat sogar das Versprechen abgegeben, sie werde die Kurse stabilisieren. Und sie sei in der Lage dazu. Doch haben die Massnahmen keine Wirkung gezeigt – alles ging schief. Das hat zu einem Vertrauensschwund geführt. Im Moment sind viele der Ansicht, die Regierung unternehme zu wenig. Allerdings muss man jetzt beobachten, was in den nächsten Tagen passieren wird.

Zum Schluss: Könnte das auch politische Folgen haben in China?

Zumindest im Moment nicht. Man muss sehen: Das massive Wachstum in den letzten 20 Jahren hat eine neue Mittelklasse von 400 bis 500 Millionen Chinesen hervorgebracht. Dieser Mittelschicht geht es sehr gut – auch wenn im Moment die Kurse fallen. Das ist ein riesiger Stabilitätsfaktor. Diese Mittelklasse ist im Grossen und Ganzen mit der Regierung zufrieden.

Das Gespräch führte Barbara Peter.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Chinas Führung verliert die Aura der Unbesiegbaren

    Aus Tagesschau vom 25.8.2015

    Die aktuelle Börsenkrise in China stellt die Kommunistische Führung des Landes auf eine Bewährungsprobe. Die Anleger bekommen schmerzhaft zu spüren, dass die mächtige Parteiobrigkeit in Peking nicht mehr alles richten kann.

  • Europäische Börsen erholen sich

    Aus Tagesschau vom 25.8.2015

    Trotz eines weiteren Kurszerfalls in China sind die Aktienbörsen in Europa und den USA deutlich in der Gewinnzone. Der SMI legt um fast dreieinhalb Prozent zu. Wirtschaftsredaktor Christian Kolbe erklärt, warum das so ist.