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Wirtschaft Das Sorgenkind Freihandel

Es sind harzige Zeiten für den Freihandel. Globalisierungsgegner erhalten Aufwind in Europa. Und nun hat mit Donald Trump auch in den USA ein Mann das Steuer in die Hand genommen, der dem freien Welthandel sehr kritisch gegenübersteht. Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Legende: Video Interview mit Hans-Werner Sinn abspielen. Laufzeit 01:38 Minuten.
Aus News-Clip vom 14.11.2016.

Die Diskussion um Freihandel sorgt immer wieder für heisse Köpfe. Jüngstes Beispiel ist Ceta: Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada stiess auf heftigen Widerstand, bis es in letzter Minute doch noch unterschrieben wurde.

Beginnt nun eine Ära des Protektionismus? Und was bedeutet das für die Wirtschaft? Am Europa Forum gingen heute Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik dieser Frage nach.

Trumps Politik als Gefahr für den Wohlstand

Mit Donald Trump ist in der grössten Volkswirtschaft der Welt ein Präsident an der Macht, der dem freien Welthandel viel Skepsis entgegenbringt. Zwar sind Trumps Aussagen zum Freihandel wenig greifbar, der Tenor ist aber klar protektionistisch. Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP wird nach Trumps Wahl erst einmal auf Eis gelegt. Zu unkonkret sind seine Absichten hinsichtlich des Handelsabkommens zwischen der EU und den USA.

Eine Rückwärtsbewegung der Globalisierung durch Trump sei schlecht für den Wohlstand, sagt Hans-Werner Sinn, Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität München: «Wohlstand kommt durch Spezialisierung. Wird diese eingeschränkt, leiden die Verbraucher, da sie dann die teureren Produkte aus dem Heimatland kaufen müssen». Die Gewinner seien hingegen die Produzenten, die aufgrund der Globalisierung nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Offene Arbeitsmärkte, und damit Zuwanderung, sind eng mit Freihandel verknüpft. Dass eine unbeschränkte Zuwanderung in der Schweiz aber auf politischen Widerstand stösst, ist spätestens seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative klar. Wie deren Umsetzung aussehen wird und welche Auswirkungen die Initiative auf den Arbeitsmarkt haben wird, ist hingegen noch unsicher. Auch weltweit ist Protektionismus ein Thema geworden, zumal auch der Brexit davon motiviert war, den heimischen Arbeitsmarkt zu schützen.

Immer mehr Produktionsstätten im Ausland

Die jüngsten Ereignisse bereiten Michael Ziesemer, Verwaltungsratsmitglied der Endress+Hauser Gruppe, Sorgen. Noch würde er zwar genügend Fachkräfte finden, sagt Ziesemer: «Allerdings brauchen wir immer mehr Zeit, Stellen zu besetzen».

Jürgen Rainalter, Geschäftsführer Getzner Werkstoffe, sieht nur eine Lösung: Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern. «Wir müssen das Personal vor Ort rekrutieren, weil wir es hier einfach nicht mehr bekommen», sagt Rainalter.

Weniger pessimistisch zeigt sich Erik Neumann, Chief Executive Officer der Richmond Events AG. Er sieht die aktuellen Entwicklungen nicht als Verlust der Freiheit für die Wirtschaft, sondern vielmehr als Chance, sich innerhalb der veränderten Rahmenbedingungen neu zu erfinden.

Rauer Wind

Dem Freihandel weht auch in Zukunft ein rauer Wind entgegen. Globalisierungskritiker haben Auftrieb in Europa. Italiens Populisten wittern ihre Chance beim Verfassungsreferendum im Dezember, da Italiens Premier Matteo Renzi seine politische Karriere von dessen Ausgang abhängig macht.

Gemäss Umfragen wird es bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich zu einer Stichwahl zwischen den Konservativen und der Rechtspopulistin Marine Le Pen kommen. Und in Deutschland sind die Chancen der rechtspopulistischen Partei AfD bei den Bundestagswahlen gestiegen.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Die grössten Protektionisten sind ja die Funktionäre in Brüssel. Sie wollen ja den segenreichen Freihandel (jeder produziert und vermarktet primär das, was er am besten produzieren kann) mit der destruktiven und knebelhaften PFZ. Beides har ja von der Sache her rein gar nichts miteinander zu tun, sondern ist eine ideologiebasierende willkürliche Verknüpfung von Machtmenschen.
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Ich finde das Gejammere herzallerliebst. Die Ausbeuter sehen ihre Felle davonschwimmen. Und das ist ganz einfach nur recht so. Globalisierung hat die Mittelschicht abschmelzen und die Unterschicht vergrössern lassen. Vorteile sind nur oben zu verzeichnen. Wenn das jetzt ein jähes Ende nimmt, ist das gut für die heimische Wirtschaft. UNd über die höhreren Preise dämpft das die Expansion, die Zuwanderung etc. Ich find den Trumpxit-Effekt immer besser, muss ich gestehen.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Man betrachte ebenso den Umstand, dass Technologietransfer heute kein Problem mehr ist. Ich kann heute in Kasachstan genauso gute Qualität produzieren wie in der Schweiz, aber das zum Bruchteil des Preises. Das Gejammer von wegen der nicht vorhandenen Fachkräfte wird nicht wahrer, wenn man es dauernd wiederholt. Fachkräfte gibt es nur, wenn Firmen diese selbst ausbilden, es gibt keine Fachkräfte "ab Stange".
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