Zum Inhalt springen
Inhalt

Wirtschaft Der typische Wirtschaftskriminelle: Männlich, Kader, guter Ruf

Gelegenheit macht Diebe. Das gilt auch für Wirtschaftsdelikte. Diese begeht in erster Linie nicht, wer Geld braucht. Im Gegenteil: Oft sind Wirtschaftskriminelle Kadermitglieder, Männer auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Grafik zu den Eigenschaften eines typischen Wirtschatfskriminellen.
Legende: Profil eines typischen Schweizer Wirtschaftskriminellen. SRF

Financier Dieter Behring soll rund 2000 Anleger betrogen haben. Es geht um eine Summe von gegen einer Milliarde Franken. Ein Wirtschaftsdelikt. Ob Behring ein Krimineller ist, muss noch beurteilt werden.

Sollte Behring verurteilt werden, so würde er demTäterprofil eines typischen Wirtschaftsdelinquenten ziemlich nahe kommen: männlich, auf dem Höhepunkt der Karriere, Kadermitglied. Das zeigt eine Studie von KPMG. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen hat weltweit 750 Wirtschaftskriminelle analysiert, 20 davon aus der Schweiz.

Freundlich und angesehen

In der Schweiz liegt der Anteil an Kadermitarbeitern unter den Wirtschaftskriminellen bei 55 Prozent.

Es sei ein weltweites Phänomen, dass oft Kadermitglieder und nicht normale Angestellte Wirtschaftsdelikte begingen, sagt Philippe Fleury, Leiter Forensik bei KPMG Schweiz gegenüber SRF. «In der Schweiz ist dieser Trend besonders stark.»

Legende: Video Philippe Fleury zur Wirtschaftskriminalität in der Schweiz abspielen. Laufzeit 01:38 Minuten.
Aus News-Clip vom 07.06.2016.

Rund 80 Prozent der Wirtschaftskriminellen in der Schweiz sind Männer im Alter zwischen 46 und 55 Jahren. Sie werden von den Arbeitskollegen als freundlich wahrgenommen und arbeiten seit mindestens fünf Jahren im Betrieb.

Mit anderen Worten: Beim typischen Schweizer Delinquenten handelt es sich nicht etwa um ein dubiose Schattengestalt, sondern um eine Persönlichkeit, die einen guten Ruf geniesst.

Gelegenheit macht Diebe

Weniger überraschend ist das Hauptmotiv der Täter: «Die Täter handeln vor allem aus Habgier», so Fleury. «Es geht darum, sich Geld zu beschaffen.» Interessanter ist das zweithäufigste Motiv der Täter: Bei einem Viertel der Betrüger steht gemäss Studie schlicht die Möglichkeit zum Betrug im Vordergrund – also das Gefühl, dass sich die Tat leicht durchführen lässt.

Kaum kontrolliert

Philippe Fleury empfiehlt den Unternehmen, die Mitarbeiter besser zu kontrollieren, statt ihnen blind zu vertrauen. Gemäss der Studie werden viele Delinquenten, insbesondere Kadermitarbeiter, kaum überwacht.

Auch müssten die Firmen technologisch aufrüsten: «Die Täter setzen heute diverse IT-Systeme ein. Zur Identifikation der Täter müssen sich auch Firmen solche Systeme zu Nutze machen», so Fleury.

Höhere Sensibilität

Aufgrund der geringen Fallzahl – nur 20 der in 750 erfassten Delinquenten stammen aus der Schweiz – lassen sich aus der Studie keine eindeutigen Schlüsse zum Ausmass der Wirtschaftskriminalität in der Schweiz ziehen. Eine im Februar publizierte Untersuchung von KPMG hatte aber gezeigt, dass Schweizer Gerichte im vergangenen Jahr 91 Fälle von Wirtschaftskriminalität behandelt hatten – so viele wie noch nie.

Das habe insbesondere mit der höhren Sensibilität der Unternehmen gegenüber der Thematik zu tun, sagt Philippe Fleury: «In der derzeit schwierigen Wirtschaftslage wollen die Unternehmen nicht noch mehr Geld verlieren. Auch die Aktionäre erwarten, dass die Firmen bei Wirtschaftskriminalität handeln, statt solche Fälle einfach unter den Teppich zu kehren».

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Die Gier nach Geld lässt die Moral vergessen. Bereichung an anderen ist gang und gäbe und wird unter den Teppich gekehrt, bis man auffliegt. Da nehmen viele in Kauf.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Charly Ball (Charly Ball)
    Glück gehabt ! Ein paar Jährchen jünger und ich wäre der "typische Wirtschaftskriminelle".
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Das alles war in den Grundzügen schon längst bekannt. Mit den modernen, vernetzten Methoden ist Betrug "kreativ" noch leichter durchführbar. Und dann kommen noch spezielle Wirtschafts-Anwälte dazu. Betrug ist einfach lukrativ, die Entdeckungsgefahr relativ klein und die mögliche Bestrafung kalkulierbar. Selbst wenn man verurteilt wird, ist der Ansehensverlust gegenüber anderen Verbrechen wie Raub, Körperverletzung oder sogar Sexualvergehen äusserst gering. Gerissenheit ist anziehend.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen