Die Wiederauferstehung Islands

Noch vor Griechenland schlitterte ein anderes europäisches Land in eine Katastrophe. Die Finanzkrise liess Islands Banken kollabieren, Arbeitslosigkeit und Inflation schnellten in die Höhe. Und heute? Islands Wirtschaft wächst wie kaum eine andere.

Skyline Reykjavik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Island war das erste europäische Opfer der Finanzkrise. Keystone

2008 war in Island eine grosse Illusion am Ende: der aufgeblähte Finanzsektor, der eine höchst aggressive Geschäftspolitik betrieben hatte, implodierte. Die drei grössten Banken im Land brachen zusammen und hinterliessen einen Schuldenberg in der Höhe des Zehnfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung.

Die Regierung reagierte drastisch: Sie verwehrte den Banken Staatshilfen und liess sie Pleite gehen. Banker landeten im Gefängnis. «Wir konnten sozusagen einen kompletten finanziellen Neuanfang wagen, mit einem neuen Bankensystem», sagt der damalige Wirtschaftsminister Gylfi Magnussòn im Interview mit «ECO». «Und das hat besser geklappt als wir uns je erhofft hatten.»

Im Zuge der Krise hat die isländische Krone bis zu 70 Prozent an Wert verloren. Die Regierung konnte den Niedergang der Währung nur stoppen, indem sie Kapitalverkehrskontrollen einführte. Aktuell hat sich die Krone wieder etwas erholt, ist aber immer noch relativ schwach. Das hilft dem Tourismus. Heute kommen rund eine Million Besucher pro Jahr auf die Insel – doppelt so viele wie vor der Krise.

Fokus auf Export

Das neue Wachstum fusst nicht auf dem Tourismus allein, sondern auch auf Innovation und der Erschliessung neuer Märkte. Ein Beispiel: Greta Hlöðversdóttir und Gudrun Sigurjónsdóttir haben das Kinder-Mode-Label «As We Grow» 2012 gegründet, mit dem sie sich einerseits auf Traditionen besinnen, andererseits Neues wagen.

«Stricken ist ein wichtiger Teil Islands, wir alle stricken, wir lernen das in der Schule», sagt Guðrún Ragna Sigurjónsdóttir. Nicht viele Modelabels hätten sich zuvor auf Strickwaren konzentriert. Heute werden jährlich 6000 Stücke aus peruanischer Alpaca-Wolle hergestellt und in zehn Länder exportiert – auch in die Schweiz. «Wir sind ein isländisches Unternehmen, welches Einnahmen für unser Land kreiert und zwar in einer neuen Branche. Nicht traditionell im Fischfang oder im Energiebereich», sagt Gréta Hlöðversdóttir. Das finde ich sehr wichtig: dass in Island neue Export-Branchen entstehen.»

Nox Medical ist ein zweites Beispiel. Das 2006 gegründete Medizin-Tech-Unternehmen mit 40 Angestellten gehört zu den führenden Entwicklern von Geräten zur Diagnose von Schlafstörungen. Konzernchef Petur Halldorsson sagt: «Wir konnten ja nicht einfach die Insel verlassen, vom sinkenden Schiff springen und irgendwo anders hingehen, wir mussten eine Lösung finden. Für unsere Firma war klar: Wir müssen exportieren, oder wir gehen ein. Island mit seinen 330'000 Einwohnern ist als Markt für ein High-Tech-Unternehmen wie unseres schlicht zu klein.»

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Wie geht es den Isländern?

Wie geht es den Isländern?

Der Schweizer Schriftsteller Joachim Schmidt hat die isländische Krise mitdurchlebt. Er lebt seit 2007 auf der Insel und schildert, wie die Bewohner mit dem tiefen Fall umgegangen sind. Zum Interview

Nox Medical verzehnfachte durch die Erschliessung neuer Exportmärkte den Umsatz in den letzten vier Jahren. Weiteres Potenziel sieht Halldorsson in Asien.

Neue Gefahren

Der isländische Wirtschafts-Motor brummt wieder. Die Arbeitslosenquote hat sich seit 2008 mehr als halbiert. Positive Zeichen, die die isländische Zentralbank aber gleichzeitig zu einer Warnung veranlassen. Das erneut hohe Wachstum berge neue Gefahren, etwa dann, wenn die Wirtschaft erneut überhitzt und die Inflation steigt, die Zentralbank wieder auf die Bremse stehen müsste und das eine neue Rezession zur Folge haben könnte.

«Dieses Szenario macht mir Sorgen», sagt der Präsident der isländischen Zentralbank Már Guðmundsson, «und es wird spannend zu sehen sein, ob die Isländer ihre Lektion gelernt haben. Wenn wir nur darauf vertrauen, dass die Banker ihre Lektion gelernt haben, dann sind wir verloren.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Krisen-Management auf isländische Art

    Aus ECO vom 14.9.2015

    Island rutschte vor sechs Jahren in die Rezession, stand bedrohlich nah am Bankrott – noch heute gibt sich manch ein Isländer schockiert, wenn er darüber spricht. In der Folge hat Island vieles anders gemacht als andere Krisenländer, hat Banken einfach pleite gehen lassen und verantwortliche Banker ins Gefängnis gesteckt. «ECO» hat vor Ort Unternehmer besucht, den Zentralbank-Chef und den ehemaligen Wirtschaftsminister.