Digitale Identitäten beerdigen: Neues Feld für neue Bestatter

Facebook, Xing, Twitter, LinkedIn oder Google-Mail: Wir hinterlassen immer mehr Profile und digitale Spuren im Internet. Von vielen Menschen sind diese auch nach dem Tod noch da und aktiv. Den digitalen Nachlass zu kontrollieren ist weder einfach noch beliebt.

Symbolbild: Ein echter Friedhof. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Internet droht zum digitalen Friedhof zu werden. Keystone

Die Formalitäten, der Behörden-Marathon, die Beerdigung, dazu die eigene Trauerarbeit: Der Tod eines Angehörigen fordert einen auf verschiedensten Ebenen. Neuerdings kommt auch die Verwaltung des digitalen Nachlasses dazu.

Was passiert mit den Online-Identitäten?

Es geht um den Umgang mit dem, was der Verstorbene im Netz hinterlassen hat: Online-Identitäten, Konten auf Facebook, Twitter, Instagram, Passwörter. Doch wie löscht man Social-Media-Konten? Wie findet man Zugangsdaten heraus? Wie räumt man für Verstorbene buchstäblich auf im Netz?

In diesen Bereich stösst nun der IT-Unternehmer Tobias Christen vor. Er hat eine Firma zum Aufbewahren und Verwalten von digitalen Daten gegründet. Seine Kunden können bei ihm Passwörter hinterlegen und eine Erbin oder einen Erben vermerken.

Einfacher für die Hinterbliebenen

Das sei ein sinnvolles Angebot, findet Elke Brucker. Sie ist Projektleiterin an der Zürcher Hochschule für angewannte Wissenschaften (ZHAW). Bruckner hat eine Studie übers Sterben im digitalen Zeitalter verfasst. Sie weiss, wie schwierig es für Hinterbliebene oftmals ist, überhaupt einen Überblick über den ganzen digitalen Nachlass zu erhalten.

Denn es gehe nicht nur ums Facebook Profil. Betroffen seien etwa auch emotionale Werte wie Fotosammlungen auf Web-Plattformen oder handfeste materielle Werte «wie Paypal-Guthaben oder ein Domain-Name, der unter Umständen sehr wertvoll sein kann.»

Emotionale Werte

Zuerst müssten diese Webadressen und Online-Konten aber überhaupt gefunden werden. Das sei vor allem dann schwierig, wenn sie nicht auf dem Computer oder dem Smartphone des Verstorbenen seien. Ausserdem unterstünden Fotosammlungen auf einer Web-Plattform dem Persönlichkeitsrecht. «Doch die Persönlichkeit endet mit dem Tod», so Brucker. Unter Umständen hätten die Erben dann keinen Anspruch auf diese emotionalen Werte, die bei Flickr oder Picasa gespeichert sind.

Wie diese Foto-Plattformen haben viele Internetdienste und -Plattformen bislang keine Lösung für den digitalen Nachlass. Ausnahmen bilden einzig die Techgiganten Google und Facebook: Jedes Jahr sterben mehr als 300'000 Facebook Nutzer – das soziale Netzwerk wird damit zum grössten digitalen Friedhof. Entsprechend gross ist der Druck, Lösungen anzubieten. Das sei aber eine Ausnahme weiss Forscherin Brucker. Die meisten Plattform-Anbieter sähen meist noch keinen Handlungsbedarf.

Kein solides Geschäftsmodell

Können hier also IT-Firmen wie jene von Tobias Christen einspringen? Nur bedingt, hat Brucker in einer Studie festgestellt. Weil sich zu wenig Leute um ihren digitalen Nachlass kümmern, biete die Verwaltung des digitalen Nachlasses keine Grunlage für ein solides Geschäftsmodell, sagt sie.

Tatsächlich legt nur jeder vierte der weltweit 700'000 Kunden Christens fest, an wen seine Daten und Passwörter nach seinem Ableben gehen sollen. Der Unternehmer stellt fest, dass viele das Thema lieber meiden: «Das ist ähnlich, wie den Estrich aufräumen», sagt er. Es brauche Überwindung und sei nicht einfach, sich mit seinem Ableben auseinanderzusetzen.

Deshalb fokussiert sich Christens Firma heute vor allem auf das Sichern von Daten. Digitale Nachlässe organisieren ist dagegen nur noch eine Nebensache. Es habe viele Firmen gegeben, die weltweit versucht hätten, mit der digitalen Nachlassverwaltung ein Geschäft aufzuziehen, weiss der Unternehmer. Die seien aber praktisch alle wieder verschwunden.