Economiesuisse: Die Zeichen der Zeit verpasst

Der Schweizer Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ist ohne Führung. Für Historiker und Verbandsexperten passt dieser Zustand trefflich zur Geschichte des Verbands. Dass sich unter einer neuen Leitung alles zum Besten wenden kann, bezweifeln die Beobachter.

Glastür im Sitz der Economiesuisse. Darin spiegelt sich die gegenüberliegende Strassenseite. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Experten halten die Economiesuisse für zu elitär, um der Politik die Probleme der Wirtschaft noch spiegeln zu können. Keystone

Economiesuisse und die grosse Leere

5:10 min, aus Echo der Zeit vom 28.06.2013

Wer den momentan fragilen Zustand der Economiesuisse verstehen will, muss ihre historische Entstehung berücksichtigen. Diese Meinung vertreten Experten wie Bernard Degen, Spezialist für Verbandsgeschichte an der Universität Basel.

«Vorort» verhandelt für die Schweiz

Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft entstand nämlich vor zehn Jahren bereits als Reaktion auf einen 30 Jahre dauernden Bedeutungsverlust, erklärt der Wissenschaftler auf SRF 4 News. Letztlich weil es seiner Vorgängerorganisation, dem Schweizerischen Handels- und Industrieverein, immer weniger gelang, den Interessen aller Industriesektoren gerecht zu werden.

«Ende 19. Jahrhundert war die Bundesverwaltung noch schwach», erklärt Degen. Darum habe sie Wirtschaftsaufgaben an diesen Handels- und Industrieverein delegiert.

Thomas Gees bestätigt Degens Einschätzung. Der Historiker und Dozent an der Fachhochschule Bern kann belegen, dass der Handels- und Industrieverein, landläufig bekannt unter dem Namen «Vorort», faktisch für die Schweiz bilaterale Abkommen im Ausland ausgehandelt hat.

Economiesuisse als Befreiungsschlag

Erst in den 70erJahren verringerte sich der grosse Einfluss der Economiesuisse-Vorläuferin. Zum einen vor dem Hintergrund einer zunehmend krisengebeutelten Wirtschaft, die es immer schwieriger machte, die Interessen von Inlandindustrie und Export zu harmonisieren. Zum anderen erforderte eine voranschreitende Globalisierung zunehmend multilaterale Verträge mit dem Ausland. Und dabei sei eine rasche Einigkeit im Inland eben immer weniger üblich geworden, erklärt Verbandsexperte Degen.

Ab den 70erJahren entstanden darum konkurrierende Verbände. Gleichzeitig wurde die Stimme der Wirtschaft in der Öffentlichkeit immer gefragter. Um effizienter aufzutreten, fusionierten die Lobbyorganisation «Vorort» und die professionell kommunizierende Wirtschaftsförderung schliesslich vor zehn Jahren zur neuen Economiesuisse. Ein Befreiungsschlag unter schlechten Vorzeichen.

Eine elitäre Gesellschaft versagt

Pikantes Detail: Genau in dieser Form von Neubeginn erkennt der Historiker Gees die Probleme von heute. Economiesuisse sei auch heute noch eine Gesellschaft, die zur Hauptsache versuche, informellen Einfluss zu nehmen, statt direkt in der Öffentlichkeit zu lobbyieren. «Diese Grundaufstellung hat jetzt vielleicht auch zu diesem inneren Zerwürfnissen geführt», erklärt Gees.

Daran, dass eine neue Führung besagte Strukturprobleme einfach aus dem Weg räumen wird, mag Gees nicht recht glauben. «Die Economiesuisse war schon immer elitär», sagt der Wissenschaftler. Das sei früher in vorglobaler Zeit auch genau richtig gewesen. Heute aber müsse ein Verband nicht nur die Fragen der Politik, sondern auch jene der Öffentlichkeit beantworten können. «Genau das ist ein Schritt, den Economiesuisse bis jetzt nicht geschafft hat.»