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Wirtschaft Elsass: Niedergang einer Vorzeige-Region

Jahrzehntelang galt das Elsass als reiche Gegend. Seit Frankreich in Wirtschafts-Problemen versinkt, ist auch die Grenzregion in Nöten. Der ehemalige Handelskammer-Präsident Alexis Lehmann sieht die Rettung in der Vereinigung mit den Nachbar-Regionen in Deutschland und in der Schweiz.

Rhein bei Strassburg
Legende: Nur der Rhein trennt Frankreich und Deutschland. Ökonomisch entfernen sie sich aber immer weiter voneinander. SRF

Heute scheint es lange her, dass das Elsass als Muster-Region Frankreichs galt. Und doch sicherten eine breite Industrie im Inland und der Arbeitskräfte-Austausch mit dem Ausland der Gegend am Rhein ihren Wohlstand. Die französische Wirtschaftskrise hat die Grenzgegend im Nordosten des Landes erfasst – und das mit voller Wucht. Allein innerhalb eines Jahres sind knapp 5000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Für die elsässischen Arbeitnehmer sind seit jeher die Regionen jenseits der Grenze von Bedeutung. Rund 65‘000 von ihnen pendeln laut der Fondation Entente Franco-Allemande Tag für Tag über die Grenzen.

Grenzgänger im Oberrhein-Gebiet

In die SchweizNach Deutschland
Aus dem Elsass35'00030'000
Quelle: FEFA

Die Zahl der elsässischen Grenzgänger, die in der Schweiz arbeiten, nimmt kontinuierlich zu. Dagegen pendeln immer weniger Elsässer nach Deutschland. Auffallend: Die in der Schweiz arbeitenden Elsässer sind höher qualifiziert als diejenigen in Deutschland.

Grenzgängertum als Generationenfrage

Laut dem ehemaligen Vize-Präsidenten der elsässischen Handelskammer, Alexis Lehmann, werden die Zahlen nach Deutschland weiter zurückgehen: «Die Grenzgänger werden in zehn, fünfzehn Jahren in Rente gehen, und wir haben keinen Nachwuchs, keine Möglichkeit, sie zu ersetzen.»

Einerseits sei die Ausbildung der Jugendlichen heute nicht mehr auf die Anforderungen des grenznahen Arbeitsmarktes zugeschnitten. Das französische Ausbildungssystem sei zu akademisch ausgelegt, Fachkräfte für die Industrie-Betriebe Mangelware. «Unsere Jungen verlassen die Universitäten mit Abschlüssen, aber ohne Berufe», bringt es Alexis Lehmann auf den Punkt.

Zudem, und dies betrifft die Region in besonderem Masse, sprächen die jungen Elsässer immer weniger Dialekt – und kaum mehr Deutsch. Somit seien sie allein aus sprachlicher Sicht nicht mehr fähig, im Nachbarland zu arbeiten. «Wenn wir die Probleme der Qualifikationen und der Zweisprachigkeit im Elsass nicht lösen können, bin ich sehr pessimistisch für die Zukunft», so Lehmann.

Vereinigung von Arbeitsagenturen und Ausbildungen

Legende: Video Alexis Lehmann über seine Vision für das Elsass (frz.) abspielen. Laufzeit 2:20 Minuten.
Vom 13.01.2014.

Von Nachteil sind diese Entwicklungen nicht nur für das Elsass. Die deutsche Grenzregion zählt seit Jahrzehnten auf die Arbeitskräfte aus Frankreich. Mit der Gründung einer gemeinsamen Arbeitsagentur sowie einem deutsch-französischen Abkommen über länderübergreifende Ausbildungen versuchen beide Seiten inzwischen, dem Problem zu begegnen.

Alexis Lehmann schwebt eine viel umfassendere Vereinigung am Oberrhein vor. Um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können, müsse man die Bewohner im Dreiländereck Frankreich, Deutschland und Schweiz als Einheit auffassen: sechs Millionen Menschen, ein Bruttoinlandprodukt von 200 Milliarden Euro und renommierte Universitäten. «In diese Region gingen die meisten Nobelpreise weltweit», sagt Alexis Lehmann.

19 Kommentare

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  • Kommentar von Bernard RIEGERT, Still (Elsass)
    Schade dass unsere Alemannische Kultur von der Fr-zentral Regierung so unter Druck gesetzt wurde dass sie in einen nichts Geschrumpft ist... Die maßen Einwanderung innerfranzösische Burger hat es da zu gebracht dass wir uns in unserem Elsass nicht mehr zu hause fühlen. Als echten Elsässer schaue ich lieber über den Rhein (wo ich meine echte Kultur finde) als über die Vogesen.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Weißenstadt
    Einmaliges Phänomen, die Elsässer haben sich mehrheitlich von Sprache und Kultur ihrer Väter abgewandt und sind romanisiert. Für Deutschland ist das Elsass Gottlob vergessen und tabu. Irgendwelche "Vereinigungen", egal welcher Art sind für Deutschland, allein schon aus historischen Gründen und wegen misstrauischer Beäugung durch die französische Zentralregierung, unrealistische Traumtänzereien. Zuständig für das Elsass ist allein Frankreich oder über Frankreich die EU. So einfach ist das.
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    1. Antwort von Marcel Schmitt, Illkirch/Elsass
      Die Elsaesser haben sich nicht freiwillig von ihrer Sprache abgewandt, dafür mache ich alleine die französiche Zentralregierung verantwortlich,die unsere elsaessiche Muttersprache aus allen Schulen, Kindergaerten und Krippen verbannte, und so unsere Wurzeln abgeschitten hat, dass seit 1945. Und dass im land der Droits de l'homme et du citoyen". Hochdeutsch wurde kaum noch gelehrt. So trugen leider noch unsere Kinder dazu bei ihre Eltern zu verwelschen, mit dieser hinterlistigen Schulpolitik.
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  • Kommentar von Walter Baumann, Bern
    Die Wichtigste Ursache wurde leider nicht erwähnt ! Wer andern eine Grube gräbt fällt selbst hinein! Die Zentralisten ( Sozialisten) Jaques Delors( EWG EU) François Mitterrand, wollten nicht nur ein zentralistisches Frankreich auch die EU ist nach diesem Vorbild aufgebaut! Die Einheitswährung Euro musste her man glaubte wenn man Deutschland die D-Mark nimmt sei das gut für Frankreich! Nun sitzt Frankreich selber in der Falle ,hätten sie noch Fr F. könnten sie Abwerten!
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