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Legende: Video Apotheker Enea Martinelli: «Das macht mir Sorgen» abspielen. Laufzeit 00:35 Minuten.
Aus ECO vom 11.02.2019.
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Engpässe im Gesundheitssystem Hunderte Medikamente fehlen in der Schweiz

Im Pharma-Land Schweiz sind Arzneimittel nicht immer verfügbar. Dafür kritisiert der Bund jetzt die Hersteller.

Seit vier Jahren führt Enea Martinelli eine Liste aller fehlenden Medikamente. In dieser Zeit haben die Lieferengpässe laut dem Chefapotheker der Spitäler Meiringen, Frutigen und Interlaken stetig zugenommen. «Als ich angefangen habe, dachte ich, 150 seien wahnsinnig viel. Vor kurzem waren es 600.» So viel wie noch nie.

Da die Engpässe zum Teil auch immer länger dauern würden, sei das gesamte Spitalpersonal gefordert. «Der Aufwand, alles so zu organisieren, damit der Patient nichts merkt, ist enorm», so Martinelli.

Lösung ist schwierig

Patienten brauchen Ersatzmedikamente, chronisch Kranke müssen auf andere Therapien umgestellt werden. Das bringt nicht nur einen Mehraufwand mit sich, sondern auch Kosten. Patienten müssen öfter zum Arzt, vielfach sind Ersatzmedikamente teurer.

Am haufigsten fehlende Medikamente (Stand: 11.2.2019)

Therapeutische Gruppe
Anzahl Lieferengpässe
Mittel mit Wirkung auf das Renin-Angiotensin-System105
Analgetika34
Psycholeptika
27
Antibiotika zur systemischen Anwendung22
Antiphlogistika und Antirheumatika18
Psychoanaleptika16
Sexualhormone und Modulatoren des Genitalsystems15
Antiparkinsonmittel15
GESAMT553
Quelle: drugshortage.ch

Einfache Lösungen gibt es laut Martinelli nicht: «Wir haben unsere Lagerbestände erhöht in den letzten Jahren. Aber es ist sehr schwierig vorauszusehen, welche Produkte es betrifft.» Man könne auch nicht von jedem Medikament einen Jahresbedarf an Lager haben. «Da stehen wir im Risiko. Es ist verderbliche Ware. Sie verfällt irgendwann.»

Günstige Medikamente werden importiert

Beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung kennt man die Problematik. Ueli Haudenschild leitet die Abteilung Heilmittel und ist seit Jahren mit den Engpässen konfrontiert. «Es ist ein globalisierter Markt, vor allem bei den Billigprodukten.»

Massenware wie Generika und bestimmte Impfstoffe würden zu fast 100 Prozent importiert. «Der Wirkstoff wird meist in Billiglohnländern produziert, in China und Indien. Und zwar für den ganzen Markt.»

Lagerregal in einer Apotheke.
Legende: Vom Akne-Mittel bis zur Herztherapie: Die Medikamenten-Engpässe betreffen alle Bereiche. Keystone

Das heisst, ein einzelner Wirkstoffhersteller beliefert fast alle Hersteller, und dies weltweit. Hat dieser ein Problem, gibt es globale Lieferengpässe. Ein Beispiel ist der Blutdrucksenker mit dem Wirkstoff Valsartan. Der chinesische Hersteller konnte im letzten Jahr nicht mehr liefern, sein Produkt war mit krebserregenden Stoffen verunreinigt.

Die Schweiz ist längst nicht mehr in jedem Segment ein Pharmaland. Die Industrie konzentriert sich auf neue, lukrative Produkte. Das stellt der Branchenverband nicht in Abrede. «Wenn man schaut, wo diese Lieferengpässe stattfinden, dann passieren sie vor allem bei Produkten, bei denen die Patente abgelaufen sind», so René Buholzer, CEO von Interpharma.

Legende: Video René Buholzer, Interpharma: «Versuchen, Produkte günstig zu produzieren» abspielen. Laufzeit 00:22 Minuten.
Aus ECO vom 11.02.2019.

Es stelle sich die Frage, wie diese Produkte zu einem günstigen Preis produziert werden könnten. Es gehe ja auch um die nachhaltige Finanzierung des Schweizer Gesundheitssystems. «Dies führt halt häufig dazu, dass es eine Konzentration beim Produktionsprozess gibt», so Buholzer weiter.

Bund appelliert an Industrie

Ueli Haudenschild vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung appelliert an die Industrie, sich weniger abhängig zu machen. «Es braucht einen Wandel bei den Herstellern. Man muss weniger von einzelnen Wirkstofflieferanten in Fernost abhängig sein. Und weniger von einzelnen grossen Standorten».

Es müsse eine Diversifizierung stattfinden. «Das heisst eine Rückkehr nach Europa für gewisse Wirkstoffe, die wirklich wichtig sind.» Zwingen dazu kann man die Hersteller aber nicht. Das heisst: Auch in den nächsten Jahren werden immer wieder Medikamente fehlen – im Pharmaland Schweiz.

Legende: Video Ueli Haudenschild, BWL: «Es braucht eine Rückkehr nach Europa» abspielen. Laufzeit 00:25 Minuten.
Aus ECO vom 11.02.2019.

srf/ bacu, siem

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Christmann  (chrischi1)
    Wäre ja noch schöner, wenn unsere Pharmamultis zuhause produzieren müssten, das würde ja glatt ihre Milliardengewinne etwas schmälern und sie könnten die Skyline in Basel nicht mehr "verschönern".
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  • Kommentar von max baumann  (phönix)
    Im Pharma-Land Schweiz sind Arzneimittel nicht immer verfügbar. Dafür kritisiert der Bund jetzt die Hersteller. Was heisst kritisieren ! Wenn die Pharmaindustrie glaubt nur rentable Medikamente herstellen zu müssen, dann muss der Bund zur Versorgungssicherheit diese Milliarden-Gewinn-Konzerne verstaatlichen !! Aber halt, das geht ja nicht, weil die Parlamentarier von der Pharma-Lobby bezahlt werden.
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  • Kommentar von Nicola Harrison  (Nicola Harrison)
    Die Medizin basiert auf eine gewinnbringende Theorie von Louis Pasteur! Wer jedoch das Milieu beeinflussen kann, der kann bewusst zwischen Krankheit und Gesundheit wählen. Nur wenn es zu einem Ungleichgewicht im Organismus kommt, können Infektionen und Krankheiten entstehen.“ - Professor Dr. med. Antoine Béchamp. Die Pharmaindustrie lebt von falschen Erkenntnisse, denn mit der Wahrheit lässt sich nicht gut Geld verdienen.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller  (HPMüller)
      Weder Béchamp noch Pasteur haben sich zu finanziellen Fragen der Medizin geäussert. Und nur weil Herr Béchamp geniale Erfindungen machte im Bereich der Farben, heisst noch lange nicht, dass seine Theorien zu Medizinischen Themen korrekt sind. Etliches davon wurde inzwischen klar wiederlegt.
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